Freitag, 4. Dezember 2015

Tanja Kinkel: Schlaf der Vernunft

Dem aufmerksamen Blog-Leser dürfte nicht entgangen sein, dass ich nahezu alles lese, was es zur RAF in Buchform gibt. Sachbücher, Krimis, Bücher von Betroffenen aus Tätersicht, Bücher von Betroffenen aus Opfersicht – immer her damit. Diesen Herbst hat sich Tanja Kinkel (bisher hauptsächlich bekannt für ihre historischen Romane) dem Thema gewidmet und mit „Schlaf der Vernunft“ einen – wie ich finde – tollen Wurf gelandet.

Worum geht’s? Wir schreiben das Jahr 1998: die RAF löst sich offiziell auf und Martina Müller wird nach 20 Jahren Gefängnis begnadigt. Ihre Tochter Angelika soll ihrer Mutter nach der langen Haftzeit beistehen, obwohl die Verbindung zwischen den beiden eigentlich längst abgebrochen war. Um herauszufinden, ob sich ihre Mutter geändert hat, Reue in sich entdeckt, und Teil ihrer Familie werden kann, muss Angelika Martinas Spuren folgen. Von der Sympathisantin, über die Illegalität und dem Gängelband der Stasi, bis hin zum großen Attentat. Aber nicht nur sie. Durch die Begnadigungen gibt es zwar Ex-Terroristen – aber Ex-Opfer gibt es nicht, denn deren Leid verjährt nie.

Im letzten Satz dieser kurzen Zusammenfassung klingt es schon an: es geht hier nicht nur um eine ehemalige Terroristin und die Frage, wie es nach der Begnadigung mit ihr weitergeht (in dieser Form nähert sich beispielsweise Bernhard Schlink in seinem Roman „Das Wochenende“ dem Thema). Tanja Kinkel beleuchtet in ihrem Roman unterschiedliche Seiten und der Plot entfaltet sich aus mehreren Perspektiven und auf zwei Zeitebenen (heute vs. „damals“). So wird beiden Seiten Raum gegeben: der Täter- wie auch der Opferseite. Neben Martina und deren Tochter Angelika sind beispielsweise einige Betroffene des vorher erwähnten „großen Attentats“ auf Staatssekretär Werder zentrale Figuren: Steffen Seidel, der damals als Personenschützer tätig war und als einziger das Attentat überlebte; Michael Werder, Sohn des ermordeten Staatssekretärs; Alex Gschwindner, Sohn des ermordeten Chauffeurs. Aber auch Martinas Jugendfreundin Renate kommt vor, die eine für die damalige Zeit typische Karriere hingelegt hat: von der Sympathisantin zur Grünenpolitikerin (siehe Fischer oder Ströbele).

Zusätzlich arbeitet Tanja Kinkel immer wieder ganz grundsätzliche Dinge zur RAF und deren Gedankengut ein, die in dieser Form auch in Stefan Austs Grundlagenwerk „Der Baader-Meinhof-Komplex“ stehen könnten. Auf dieser Art wird der Roman super unterfüttert und man findet sich vermutlich auch gut in der Handlung zurecht, wenn man bisher noch nicht so viel über die RAF wusste. Und anhand von Martinas Werdegang von der unbedarften Schülerin, die zur Zeit des Schah-Besuchs 1967 zum ersten Mal Demos und Polizeigewalt erlebt über die Sympathisantin bis hin zur Terroristin bekommt man einen sehr guten Eindruck davon, welche Dynamik die Dinge in den späten 60ern und danach hatten.

Was mir sehr gut gefallen hat: Tanja Kinkel verzettelt sich zu keiner Zeit zwischen den unterschiedlichen Zeit- und Erzählerperspektiven, der Krimihandlung und der „Informationsebene“ wie ich es jetzt einfach mal nenne. Sie macht es dem Leser möglich, jederzeit den Überblick zu behalten – und da ich bereits einige RAF-Romane gelesen habe, weiß ich, dass das kein leichtes Unterfangen ist.

Jedem, der sich mit diesem spannenden Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigen möchte, ist „Schlaf der Vernunft“ absolut zu empfehlen!


Bewertung: 4/5

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