Mittwoch, 7. Oktober 2015

Camille Anseaume: Ein ganz kleines Glück

Schon als ich die Vorschau des List Verlags in der Hand hatte, wusste ich, dass dieser Roman zu meiner Pflichtlektüre gehören wird. Ich fand und finde die Ausgangssituation einfach wahnsinnig spannend und bin der Meinung, dass sie sich geradezu aufdrängt, literarisch bearbeitet zu werden.  

Worum geht’s? Wir begleiten Camille, die direkt auf der ersten Seite mit einem positiven Schwangerschaftstest in der Hand vor uns sitzt – dummerweise teilt sie mit dem Vater des Kindes jedoch nicht viel mehr als ihr Bett, von einem Wunschkind kann also nicht die Rede sein. Am liebsten wäre es Camilles Affäre sogar, dass sie das Kind abtreiben lässt, und als sie nicht sofort einwilligt, verschwindet er aus ihrem Leben. Für Camille beginnen nun Wochen voller Fragen und Zweifeln, die sie mit Pro- und Contra-Listen füllt: Soll sie das Baby behalten – allein, als freie Journalistin in Paris, die lieber im Café sitzt als auf Kinderspielplätzen? Oder lieber doch abtreiben? Natürlich mischen sich Eltern und Freunde mit guten oder zumindest gut gemeinten Ratschlägen ein – aber letztendlich muss Camille selbst zu einer Entscheidung finden.

Ihr kennt doch sicher diese Fragen, die beginnen mit „was würdest du tun, wenn…?“ – Nun, ich finde, es gibt im Leben Situationen, über die man in der bloßen Theorie nicht wirklich entscheiden kann. Situationen, von denen man im Vorfeld nicht sicher beurteilen kann, wie man reagieren würde. Ungewollt schwanger zu werden von einem Mann, den man sich eigentlich nicht als Vater seines Kindes vorstellen kann oder der dieses entschieden ablehnt, gehört für mich dazu. Welche Fragen und Gefühle in so einem Moment auf einen einprasseln, wenn eben nicht nur theoretisch, sondern ganz tatsächlich neues Leben in einem wächst, weiß man wohl tatsächlich erst, wenn dieser Fall eintritt. Das wird auch in „Ein ganz kleines Glück“ deutlich. Camille macht eine wahre Gefühlsachterbahn durch und pendelt zwischen dem klaren Wunsch nach einer Abtreibung einerseits und zarten Annäherungsversuchen an ihr Ungeborenes andererseits. Mal wirkt sie fest und unerschütterlich entschlossen, kurz darauf wiederum wie ein ratloses Fähnchen im Wind.

Ich fand es rasend spannend, Camille auf dieser Achterbahnfahrt zu begleiten, ihren Gedanken, Sorgen und Hoffnungen zu folgen und mir dabei natürlich auch gelegentlich zu überlegen, wie es mir wohl an ihrer Stelle ginge. Ich weiß nicht, inwiefern die Autorin selbst schon einmal in so einer Situation war oder sie in ihrem direkten Umfeld miterlebt hat, aber für mein Empfinden hat sie einen sehr treffenden Ton gefunden. Auch die Gedanken, die Camille im Kopf hat oder in Gesprächen mit anderen Leuten äußert, wirkten durchaus realistisch auf mich – aber natürlich sind da manchmal auch Dinge dabei, die einen schlucken lassen. Wenn Camille beispielsweise ihrem Ungeborenen in Gedanken sagt, dass es sich in ihrem Bauch gar nicht erst heimisch fühlen soll, da es eh nicht lange bleiben wird… Aber ich finde es mutig und wichtig, dass auch solchen Gedanken Platz eingeräumt wird und die Autorin nichts weichspült.

Zu welcher Entscheidung Camille letztendlich gelangt, kann man zwar bereits der Umschlaginnenseite entnehmen, aber ich will es an dieser Stelle dennoch nicht verraten, falls sich jemand überraschen lassen möchte.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für diesen stillen, bewegenden Roman und ich werde sicher die Augen offen halten, wann Madame Anseaume ein Nachfolgewerk an den Start bringt.

Bewertung: 4/5