Montag, 7. September 2015

Astrid Rosenfeld: Zwölf Mal Juli

Ich werde ja nicht müde, es zu betonen: ein Buch aus dem Hause Diogenes ist in 9 von 10 Fällen ein ziemlicher Volltreffer – sowohl bei Autoren, die man ohnehin schon kennt und mag, aber auch wenn man mal bewusst zu Büchern von Debütautoren greift oder den Roman eines Autors zur Hand nimmt, von dem man bisher nichts gelesen hat. So geschehen mit „Zwölf Mal Juli“ von Astrid Rosenfeld. Die anderen Romane der Autorin kenne ich bisher nur vom Hörensagen, aber ihr neuester hat mich so angefixt, dass sich das sicher bald ändern wird.

Worum geht’s? „Ich komme am 24. Mai. Bist du da? Hoffe, alles gut bei dir? – Jakob “ – diese Email findet Juli eines Tage in ihrem Posteingang. Drei Zeilen von Jakob, der ihr einst sehr nahe stand, bevor er aus dem Nichts heraus verschwand. Juli ist Schriftstellerin, hortet in ihrer Wohnung Stapel unbezahlter Rechnungen, schart eine Reihe kurioser Freunde und Bekannten um sich und neigt zur Träumerei. Nun bleiben ihr zwölf Tage, bis sie Jakob wiedersieht, den Mann, der ihr das Herz gebrochen hat. An jedem dieser Tage trifft sie auf einen anderen Menschen.

Wir begleiten Juli also über den Zeitraum von zwölf Tagen. An jedem davon trifft sie irgendeinen Menschen, von ihrer Mutter über ihren Literaturagenten bis hin zu einem ihr völlig unbekannten Kind. Und sie versucht, eine Entscheidung zu treffen: will sie Jakob wiedersehen oder nicht? Mit manchen der zwölf Menschen redet sie über diese Frage – ein paar davon kennen Jakob auch –, mit anderen nicht. Und gleichzeitig stellt sie sich immer wieder selbst die Frage nach dem „Warum?“. Warum verschwand Jakob plötzlich? War ihre Beziehung unwichtig genug, um sie ohne weiteres und quasi über Nacht aufzugeben? In Gedanken spielt Juli so manches Mal Szenen dieser Beziehung durch und frägt sich, an welcher Stelle vielleicht etwas schief gelaufen sein könnte – welche Frau kennt dieses Spielchen nicht…? Dabei erfahren wir nicht nur ein paar Dinge über die Beziehung zu Jakob, sondern lernen auch Juli mit all ihren Eigenheiten, kuriosen Charakterzügen und Unsicherheiten ein bisschen besser kennen.

Ich habe dieses Buch wirklich sehr gern gelesen. Natürlich könnte man der Autorin ankreiden, dass die zwölf einzelnen Begegnungen sehr kurz und an der Oberfläche gehalten sind und dass dadurch vieles offen und irgendwie wabernd bleibt – ja, das stimmt, und bei so mancher Figur hätte ich mir tatsächlich gewünscht, sie etwas näher kennenlernen zu dürfen. Aber gleichzeitig haben diese Verknappung und die schnellen Wechsel auch durchaus ihren Charme und da die Autorin ihrer Linie so konsequent treu bleibt habe ich mich auch nicht daran gestört oder den Roman in irgendeiner Form als unvollständig erachtet. Im Gegenteil, ich fand es sogar ganz erfrischend – vielleicht, weil mich der Roman zu einem Zeitpunkt erwischt hat, an dem ich auch im echten Leben meinen Frieden damit gemacht habe, dass manche Fragen eben einfach unbeantwortet bleiben oder es für gewisse Dinge auch schlicht keine zufriedenstellende Erklärung gibt. Und dass nicht nur ein Ende, an dem alle Fäden zufriedenstellend zu einem großen Ganzen verwurschtelt worden sind, ein gutes Ende ist.

„Zwölf Mal Juli“ ist ein stilles Buch für Menschen, die kuriose Figuren zu schätzen wissen und gerne ganz genau lesen, um nur ja nichts zu verpassen – denn genau das würde passieren, wenn man sich von diesem dünnen und luftig gesetzten Buch dazu verleiten ließe, ein hohes Lesetempo anzuschlagen. Es wäre schade, denn die Raffinesse liegt bei Astrid Rosenfeld im Detail, und in so manchem Absatz verbirgt sich ein kleines Schätzchen, das einen überrascht, wissend schmunzeln oder innehalten lässt. Klare Leseempfehlung!


Bewertung: 4/5