Donnerstag, 6. August 2015

Zwei auf einen Streich

Ihr Lieben, heute bekommt ihr nicht wie sonst eine Rezension, sondern direkt mal ein Doppelpack vorgestellt. Beide Bücher habe ich kürzlich beendet und beide haben mich gut unterhalten – ein eindeutiger Favorit wird sich aber trotzdem herauskristallisieren :-)

Max Küng: Wir kennen uns doch kaum

Man muss schon sagen: das hat der Rowohlt Verlag clever gemacht. Wenn man sich die Verlagstexte rund um "Wir kennen uns doch kaum" durchliest, kommt man nicht umhin, sofort Daniel Glattauers „Gut gegen Nordwind“ und dessen Fortsetzung "Alle sieben Wellen" in Erinnerung zu haben und - sofern man diese Romane mochte - schnell zugreifen zu wollen: Moritz schreibt Meta. Meta schreibt zurück. So geht das, monatelang. Aber es ist kompliziert. Sie lebt nicht allein und in Berlin. Er in einer kleinen Stadt in der Schweiz. Nie sehen sie sich. Nie hören sie ihre Stimmen. Irgendwann fangen sie an, sich SMS zu schreiben, in einem Monat 837 Stück. 

Was man dann jedoch bekommt, hat nur ganz minimal mit Glattauers beiden Romanen zu tun. Wir haben bei Küng keine Aneinanderreihung von SMS und Emails, sondern dazwischen auch sehr viel normale Prosa, und wir konzentrieren uns auch nicht ausschließlich auf die beiden Hauptfiguren, sondern bekommen auch einiges aus deren Umfeld mit. Außerdem hat Küng ein paar wirklich schöne Ideen in den Roman eingeflochten, beispielsweise wenn Meta und Moritz "zusammen" ins Kino gehen - sie in Berlin, er in seiner Schweizer Kleinstadt, in einen Film der in beiden Städten gleichzeitig läuft. Dennoch muss ich sagen: das Personal in diesem Roman blieb mir etwas fremd. Ich konnte mich für keinen davon erwärmen, worunter dann auch mein Bezug zum Geschehen litt - es war mir eigentlich nahezu egal, ob die beiden sich am Ende bekommen, ein wirkliches Mitfiebern hat sich nicht eingestellt.
Meine Bewertung daher: 3/5

Jan Brandt: Tod in Turin


Eines der bisherigen Highlights dieses Jahr ist für mich „Tod in Turin“ von Jan Brandt. Es genügte, kurz in der Buchhandlung Daumenkino durchs Buch zu machen, und schon war es gekauft. Denn was alleine gestalterisch zwischen den Buchdeckeln abläuft, ist schon klasse: Illustrationen, Fußnoten, geschwärzte Stellen, eine Tabelle mit Suizidfällen großer Autoren... Es ist wirklich etwas komplett anderes als man sonst überwiegend geboten bekommt.  

Kurz zur Handlung: wie die meisten von euch wissen werden, stand Jan Brandt 2011 mit seinem Roman "Gegen die Welt" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Im Anschluss daran begann, wie er es nennt, eine Zeit des permanenten Ausnahmezustandes: Lesungen in allen Winkeln Deutschlands, ca. 60 innerhalb von acht Monaten, dazu Interviews und das ganze Pipapo, das man als "Beinahepreisträger" zu absolviere hat. Und schließlich der mehrtägige Besuch der Turiner Buchmesse, wiederum mit Lesungen, Interviews, Einladungen, bla bla. 

Genau über diese Zeit berichtet Brandt, und was dabei herausgekommen ist, lässt sich nicht so ganz benennen: ein Roman über den Literaturbetrieb? Eine Reisereportage? Eine Ansammlung von Alltagsbetrachtungen? Künstlerroman? Im Endeffekt ist das aber auch völlig unerheblich, denn wichtig ist nur: "Tod in Turin" ist ungemein unterhaltsam! Wenn man auf (selbst)ironische Erzähler steht, sich für die Mechanismen von Literatur und Literaturbetrieb interessiert, kluge Betrachtungen und auch mal einen kleinen philosophischen Ausflug mag, der sollte unbedingt zugreifen. Ganz klare Leseempfehlung!
Meine Bewertung: 5/5   

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