Mittwoch, 12. August 2015

Victoria Seifried: Liebe zum Nachtisch

Da sitze ich nun und überlege, wie ich zwei Dinge zusammenbringe, die eigentlich nicht zusammen passen: einerseits habe ich „Liebe zum Nachtisch“ innerhalb von knapp zwei Tagen verschlungen und wollte permanent wissen, wie es weitergeht. Andererseits habe ich zwei ganz große Kritikpunkte, die mir die Lesefreude etwas getrübt haben, und komme unterm Strich daher auch nicht zu einer uneingeschränkten Leseempfehlung. Aber fangen wir von vorne an…

Worum geht’s? Helena ist 26, wohnt in Berlin und hat kürzlich ihr Zweistudium angefangen, das ihr jedoch leider nicht so wirklich liegt. Die Beziehung mit ihrem langjährigen Freund Rainer ist in etwa so spannend wie Staubsaugerbeutel und die Schildkröte Pirmin – ihr Lebensberater und Orakel in Personalunion –, kann sie auch nicht dazu bewegen, ihr Leben umzukrempeln. Doch das ändert sich schlagartig, als sie ihrem Traummann Jeffrey begegnet. Die beiden verbringen eine aufregende Nacht und Helena ist im siebten Himmel. Doch am nächsten Morgen muss Jeff nach New York fliegen. Für Nesthocker Helena, deren bisher einzige Reise nach München ging, eine quasi unüberwindbare Distanz – aber Jeff niemals wieder sehen? No way! Sie packt ihre Koffer und reist ihm nach. Aber wie soll sie ihn nur anhand seines Vornamens aufspüren?

Wie schon eingangs erwähnt: ich fand den Roman durchaus unterhaltsam und habe ihn eigentlich gerne gelesen. Kommen wir nun aber zu zwei Punkten, die meine Lesefreude dann doch etwas getrübt haben. Zum einen ist mir Helena eindeutig zu kindlich für einen Roman, der eben nicht in der Jugendbuchabteilung liegt, sondern bei den „erwachsenen“ Frauenromanen. Ich musste mir beim Lesen ein ums andere Mal in Erinnerung rufen, dass die gute Dame bereits 26 Jahre alt ist, denn sie wirkt in ihrem Auftreten und ihrer teils sehr naiven Sicht aufs Leben eher wie maximal 19. Das Zeug zur Sympathieträgerin hatte sie daher für mich leider nicht. Die anderen Charaktere haben da teilweise schon interessantere Züge, bleiben jedoch eher flach.

Der zweite Punkt hängt damit zusammen, weshalb ich mich überhaupt erst für diesen Roman interessiert habe: New York City. Ich liebe NYC und war mehrmals dort, das letzte Mal acht Wochen am Stück. Daher lese ich auch ungemein gerne Romane, die in der Stadt spielen. Denn ganz oft gelingt es Autoren, das ganz besondere Flair dieser Stadt einzufangen und mich auf neue Dinge zu stoßen – seien es Stadtteile, Restaurants, coole Läden, Parks, Eigenheiten der New Yorker, was auch immer… Nicht so Victoria Seifried. Ich frage mich, ob die Autorin überhaupt jemals in New York war oder ob sie einfach kurz durch einen Reiseführer geblättert hat? Das New York, das sie in ihrem Roman beschreibt, bleibt vollkommen im Klischee behaftet. Helena pendelt zwischen Central Park (dort ist sie quasi jeden Tag) und Fifth Avenue hin und her – für volle zwei Wochen. Einmal ist sie kurz in Chinatown und gefühlte zwei Sätze lang auch in SoHo. Das Village? Chelsea? Die Upper West Side? Williamsburg? Die Lower East Side? Finden nicht statt. Davon mal ganz abgesehen läuft Helena seltsame Wege, die eigentlich nicht möglich sind. Aus dem Central Park – der in der 59th Street anfängt – heraus will sie zur 5th Avenue laufen (wohin auch sonst…) und steht nach ein paar Schritten vor Macy’s in der 34th Street. Wie das möglich ist, weiß wohl alleine die Autorin. 

So, und wie lautet nun mein Fazit? Nun, wer gerade auf der Suche nach einem Roman ist, der einen einfach nur sanft berieselt und gut unterhält, und für wen im Gegensatz zu mir der Handlungsort unwichtig ist – der soll gerne zugreifen und wird sicher auch seinen Gefallen an diesem Roman finden. Eingefleischte NYC-Fans und Leserinnen, die ihre Romanfiguren gerne etwas erwachsener und reflektierter mögen, werden dagegen vermutlich eher enttäuscht sein. 


Bewertung: 3/5

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