Dienstag, 18. August 2015

Nina Blazon: Liebten wir

„Manchmal muss man auf eine Reise gehen, um anzukommen“, heißt es auf der Seite des Ullstein-Verlags – und genau das ist auch die Ausgangssituation von Nina Blazons „Liebten wir“. Im Roman begleiten wir Moira und Aino auf ihrer Reise nach Finnland. Für die eine wird dieser Roadtrip zur Reise in die Vergangenheit, für die andere zu einer Reise weg von ihrer Vergangenheit und hin zu einer neuen Zukunft.

Worum geht’s? Verstohlene Blicke, versteckte Gesten, die Abgründe hinter lächelnden Mündern: Fotografin Mo sieht durch ihre Linse alles – und oft genug benutzt sie sie auch, um sich dahinter zu verstecken. Denn wenn sie der Welt ohne den Filter ihrer Kamera begegnen soll, wird es kompliziert. Das Verhältnis zu ihrer Schwester ist von gegenseitiger Argwohn und Missgunst geprägt, von ihrem Vater hat sie sich entfremdet. Umso mehr freut sich Mo auf das Familienfest ihres Freundes Leon. Doch das endet in einer Katastrophe und Mo will nur noch fliehen. Gemeinsam mit Aino, Leons eigensinniger und etwas gebrechlichen Großmutter, startet sie durch. Ab nach Finnland. Es wird eine Reise mit vielen Umwegen für die beiden grundverschiedenen Frauen; eine Reise, die beide verändern wird.

Wir begleiten also ein sehr ungleiches Duo auf einem völlig übers Knie gebrochenen Roadtrip, und wie schon angedeutet, liegt der Reiz daran für beide unterschiedlich begründet: Aino reist zurück in ihre Jugend und damit die Vergangenheit, weil es für sie in Finnland noch „unfinished Business“ gibt. Wir begleiten sie in ihren Erinnerungen und Erzählungen zurück bis in die Zeit des zweiten Weltkriegs und den Freundschaften (und vielleicht auch Lieben?), die damals entstanden sind. Moira dagegen kann gar nicht schnell genug von ihrer Vergangenheit fliehen. Bei ihr liegt im familiären Umfeld sehr vieles im Argen und es gibt einige düstere Erinnerungen, die unter der Oberfläche brodeln und nur darauf warten, aufgearbeitet zu werden.

Mit 560 Seiten ist dieser Roman eher von der dickeren Sorte – und ich muss zugeben, dass er für mich neben vielen tollen und packenden Passagen auch seine Längen hatte, durch die ich mich ein wenig durchquälen musste. Als Grund dafür habe ich zwei Punkte ausgemacht: zum einen taugt leider keiner der Charaktere zum Sympathieträger, und ich finde, bei einem so dicken Roman fällt das deutlich mehr ins Gewicht, als wenn man das Personal eines Romans nur 200 Seiten lang begleitet. Wenn man so viel Zeit mit einem Roman verbringt, sehnt man sich ab und an dann doch nach einer Figur, mit der man aufrichtig mitfühlt, weil sie einem wirklich nahegeht. Natürlich berührt einen sowohl Moiras Geschichte als auch die von Aino auf einer gewissen Ebene – aber für mich persönlich blieb dabei immer ein Rest Distanz.  

Der zweite Punkt liegt für mich in der Erzählstruktur gepaart mit der generellen Stimmung im Roman begründet: wir haben einerseits die Handlung in der Gegenwart und andererseits zusätzlich die Rückblenden von Moira und Aino, die wiederum beide recht vielschichtig sind (wenn Moira zurückdenkt, dann denkt sie teilweise an ihren Vater, teilweise aber auch an enge Freundinnen oder ihre Zeit in Irland). Da muss man schon ziemlich aufpassen, alle Fäden sauber getrennt in den Händen zu behalten – und ich meine, dass einem das besser gelingt, je näher einem die Figuren gehen. Noch dazu haben wir ein eher düsteres Setting, das mir zwar gut gefiel – Finnland at its best – aber in Kombination mit den vielen schwermütigen und traurigen Erinnerungen der beiden Damen auch ein wenig auf die Stimmung drückte. Ich würde den Roman zumindest eher für dunkle Herbstabende am Kamin empfehlen als für tropische Temperaturen jenseits der 30 Grad :-)

Nun, ihr merkt schon: mir taugte „Liebten wir“ leider nicht so sehr – aber ich würde den Roman auf jeden Fall Leuten empfehlen, die sich so richtig gerne in komplexe Familiengeschichten eingraben und auch ein Faible für psychologisch interessante Figuren haben.   


Bewertung: 3/5

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen