Montag, 1. Juni 2015

Doris Dörrie: Diebe und Vampire

Kennt ihr das auch: man liest zum ersten Mal einen Roman eines Schriftstellers, der schon jahrelang erfolgreich publiziert und von dem man eigentlich auch längst etwas gelesen haben wollte – und hinterher grinst man breit. Man grinst, weil man weiß, dass man nun nicht sehnsüchtig auf den zweiten Roman dieses neu gefundenen Schatzes warten muss, sondern sich direkt in aller Gemütlichkeit durch eine große Backlist lesen kann :-) So in etwa fühle ich mich gerade.

Doris Dörries Romane habe ich schon die letzten Jahre über immer verfolgt: ich habe interessiert die Vorschautexte gelesen, kurz darauf dann ins Feuilleton oder in Blogs gespickelt und gedacht „Das scheint sich ja echt zu lohnen“ – aber gelesen habe ich keinen einzigen davon. Irgendwas kam immer dazwischen. Aber jetzt bin ich zum Glück endlich mal in die Gänge gekommen: „Diebe und Vampire“ hat mir letzte Woche anderthalb Tage pures Lesevergnügen bereitet.

Worum geht’s? Alice, eine junge deutsche Studentin, lernt beim Urlaub in Mexiko eine dreißig Jahre ältere amerikanische Schriftstellerin kennen, die sie insgeheim „die Meisterin“ nennt. Alice erkennt auf den ersten Blick: die Meisterin ist alles, was sie selbst auch gerne wäre. Elegant. Selbstbewusst. Souverän (besonders auch im Umgang mit Männern). Und vor allem: eine Schriftstellerin.

Alices Wunsch, ebenfalls Schriftstellerin zu werden, ist die Triebfeder dieses Romans. Es geht viel darum, wie (und ob überhaupt) sich das Schreiben erlernen lässt, wie man als Schriftsteller arbeitet, wie man an eine gute Geschichte gelangt und so weiter. Aber es geht auch sehr viel darum, wie man im Leben generell seinen Weg findet und zu dem wird, was man gerne wäre – sei es nun beruflich oder auch „einfach nur“ als Mensch. Wie man herausfiltert, welche Entscheidungen im Leben die richtigen sind und inwiefern einem hierbei Vorbilder dienlich sind – oder ob sie einen eher einschränken und in der Entwicklung behindern. Zu Beginn des Romans hat Alice, wie sie selbst sagt, „weder Geld noch Plan“. Sie reist gemeinsam mit ihrem deutlich älteren Liebhaber Pe nach Mexiko und „spielte die Rolle der flippigen, jungen Frau, weil ich wusste, dass ihm das gefiel“. Dieses Gefallsüchtige und Fragile der jungen Alice zieht sich recht lange durch den Roman – zunächst durch die Episode in Mexiko, ein paar Jahre später dann, als sie die Meisterin in San Francisco besucht. Doch zum Ende hin gibt es einen Cut.

Wir erleben Alice nun deutlich älter – die Lebensmitte hat sie zwischenzeitlich überschritten – und treffen sie als völlig veränderte Frau. Man merkt ihr an, dass sie ihre jugendliche Unsicherheit abgestreift hat, dass ihre Lebenserfahrung sie gelassener und souveräner gemacht hat. Sie wirkt in sich ruhend und mit sich im Reinen. Mich würde ja rasend interessieren, was in der Zwischenzeit so alles passiert ist und zu dieser Veränderung geführt hat, aber hierzu erfährt man nur ein paar wenige Fetzen. Dass man den Lebenslauf von Alice nicht auf dem Silbertablett serviert bekommt, macht aber wiederum den Kontrast zur jüngeren Alice umso deutlicher und unterstreicht noch einmal die Tatsache, dass das Leben ein ständiger Prozess ist und man nicht dauerhaft derjenige bleibt, der man in jungen Jahren ist.  

Doris Dörrie schreibt sehr klar und unaufgeregt. Ihre Sprache empfand ich sehr präzise und die Bilder, die sie verwendet, sind angenehm schlicht – was keineswegs negativ klingen soll. Im Gegenteil, denn dadurch schafft sie es, einen durch manche Dinge beinahe schon hinterrücks zu überraschen und aus dem Konzept zu bringen. Beispielsweise wenn Alice aus einem Taxi steigt und ihm nachsieht: „Ich sah den roten Bremslichtern nach und fragte mich, wie lange ich noch leben und woran ich sterben würde.“ Wer würde erwarten, dass ein so banaler Zusammenhang solche Fragen aufwerfen könnte? Ich habe es jedenfalls genossen, mich immer wieder von solchen Gedanken oder auch Formulierungen überraschen zu lassen – als Alice und die Meisterin sich in San Francisco wiedersehen, heißt es beispielsweise: „Wir umarmten uns luftig“. Meine Augen sind an dieser Stelle förmlich gestolpert und ich denke noch heute darüber nach, wie sich so eine luftige Umarmung wohl anfühlen mag :-)

Wie schon eingangs erwähnt, habe ich wirklich Feuer gefangen für diese Autorin und mache mich nun mal mit ihren älteren Büchern vertraut. Dem Diogenes Verlag möchte ich an dieser Stelle für das Rezensionsexemplar von „Diebe und Vampire“ danken!

Bewertung: 4/5

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen