Mittwoch, 10. Juni 2015

Bettina Kerwien: Machtfrage

Bücher zur RAF habe ich bereits haufenweise gelesen: das Standardwerk von Aust ebenso wie zahlreiche andere Sachbücher, aber auch Romane oder Krimis. Das Thema interessiert mich wirklich brennend und daher war meine Freude sehr groß, als ich bei Lovelybooks in der Leserunde zu „Machtfrage“ von Bettina Kerwien teilnehmen durfte.

Worum geht’s in diesem Krimi? Wir befinden uns im Jahr 1993, es ist der Tag nach Bad Kleinen: Die RAF wird verraten, ihre Auflösung ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber die Mitglieder der dritten Generation werden nie gefasst. Beachtliche Geldbeträge aus Beschaffungsaktionen bleiben verschwunden. Ex-RAF-Mitglied Martin Landauer nutzt das herrenlose Geld auf seine Weise. Er räumt eines der geheimen Erddepots aus und gründet mit dem Politologen Lennard Johannson eine Stiftung, die sich der Wiedergutmachung von gesellschaftlichem Unrecht widmet. Allerdings ziehen sie damit den Hass von Staatssekretär Hans Grendel auf sich. Als auch die totgeglaubte RAF-Legende Michael Glass auftaucht, spitzt sich der Konflikt zu. Denn jeder der Beteiligten ist bereit, über Leichen zu gehen...

Ich sage euch direkt, wie es ist: ich wurde aus verschiedenen Gründen leider nicht warm mit diesem Krimi, so sehr mich das Thema auch interessiert. Im ersten Drittel hatte ich alle Hände voll damit zu tun, mich zwischen den ganzen Figuren – teils reale, teils fiktive –, Zeitsprüngen und Handlungsorten (von Berlin nach Kuwait, dann plötzlich wieder in ein Gurkenbett in Brandenburg) zurecht zu finden und überhaupt mal einen Zugang zu diesem Buch zu bekommen. Die Kapitel sind allesamt sehr kurz, springen aber wie gesagt nahezu ständig, was Zeit und Handlungsorte angeht. Zu Beginn jedes neuen Kapitels ist also erst einmal Zurückblättern angesagt, um einordnen zu können, wie viel Zeit seit den letzten Geschehnissen vergangen ist. In einen richtigen Lesefluss kam ich erst nach gut 100 Seiten, und auch dann war irgendwie noch beständig Sand im Getriebe.

Der Grund: mir war der Krimi leider einfach zu überladen – sowohl, was die Handlung angeht, als auch sprachlich. Habe ich in meinerletzten Rezension noch hervorgehoben, wie wohl dosiert Doris Dörrie mit Adjektiven und Stilmitteln umgeht, muss ich hier leider kritisieren, dass Bettina Kerwien für meinen Geschmack etwas zu sehr in die Vollen greift. Adjektive und Vergleiche, soweit das Auge reicht. Das hat zur Folge, dass das eigene Kopfkino und die Phantasie, sich selbst Bilder zu schaffen, völlig lahmgelegt werden. Ganz davon abgesehen, dass einen die Bilder manchmal auch etwas achselzuckend zurücklassen und nicht wirklich zur Aufwertung eines Satzes beitragen – ich denke da an Sätze wie: „Seine Stimme strahlte“, „Ihre Augen weiteten sich, als zerriss sie der Teufel“ oder „Ein hysterisches Zittern schüttelte ihn. Aber das war nicht, was er wirklich fühlte. Da war sofort wieder diese manische Hoffnung.“ Und leider erinnerte mich das Ganze teilweise auch ein wenig an Heftchenroman. Ein Beispiel: „Alis Körper war ein Anachronismus, der Körper eines Kriegers. Eine aussterbende Art. […] Das Sonnenlicht verwandelte sein Kreuz in eine Landschaft aus Blut, Muskeln und Narben.“  Manchmal wäre weniger eindeutig mehr gewesen.  
Leider ließ mich dieser Krimi also ziemlich enttäuscht zurück. In der Leserunde erwähnte Bettina Kerwien, dass sie ihr ursprüngliches Manuskript aufgrund von Verlagsvorgaben um 250.000 Zeichen kürzen musste – meiner Meinung nach hat der Verlag der Autorin damit keinen Gefallen getan und den Krimi durch dieses rigorose Eindampfen eher geschwächt.

Bewertung: 2/5



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