Dienstag, 23. Juni 2015

Maike van den Boom: Wo geht’s denn hier zum Glück?

Mit dem Glück ist es ja so eine Sache: wann ist man denn wirklich glücklich? Und merkt man das in diesem Moment überhaupt und nimmt es bewusst wahr – oder ist es nicht oftmals so, dass man erst hinterher bemerkt, wie glücklich man „damals“ eigentlich war, als dieses und jenes passiert ist, man gesund war, eine schöne Beziehung hatte, jung und knackig war etc….? Und warum scheinen es die Menschen in manchen Ländern besonders gut hinzubekommen mit dem Glück und in anderen – Deutschland, hüstel – nicht so gut? Maike van den Boom wollte es genau wissen und machte sich auf eine spannende Reise durch die 13 glücklichsten Länder der Erde, von der sie uns in "Wo geht's denn hier zum Glück?" berichtet.

Worum geht’s? Eine Frau, 13 Länder und die Suche nach dem Glück – so könnte man dieses Buch zusammenfassen. Warum sind Menschen in anderen Ländern glücklicher als wir? Um das herauszufinden, reist Maike van den Boom in die 13 glücklichsten Länder der Erde, von Australien bis Kanada, von Finnland bis Costa Rica, und spricht vor Ort mit Glücksforschern, Korrespondenten, Auslands-Deutschen und Menschen auf der Straße. In einem sind sich alle einig: Glücklich zu sein ist das Wichtigste im Leben.

Ja, das stimmt wohl – aber was braucht es denn, um glücklich zu sein? Zu dieser Frage liefern das Buch beziehungsweise die Menschen, mit denen die Autorin gesprochen hat, sehr unterschiedliche und interessante Antworten.  Was ich besonders spannend finde ist, dass sich unter den glücklichsten Ländern sowohl reiche Länder wie die skandinavischen tummeln, aber auch Länder, in denen politische Probleme, hohe Kriminalität oder/und Armut herrschen – Kolumbien, Mexiko und Costa Rica beispielsweise. Wo liegt zwischen diesen ganzen Ländern der gemeinsame Nenner, wenn es Wohlstand und Sicherheit nicht sein können?

Nun, zum einen finde ich es interessant, dass in den genannten Nationen Dinge wie Status und Titel eine deutlich kleinere Rolle spielen, als wir das hierzulande kennen. Ob ich mit dem Porsche vorfahre oder mit der Straßenbahn, ob ich mehrere Doktortitel habe oder einen einfachen Hauptschulabschluss – das alles ist völlig nebensächlich. Denn es kommt auf mich als Mensch an. Nicht die materiellen Dinge, mit denen ich mich schmücke, zählen oder meine schulische Ausbildung – sondern mein Wesen, mein Charakter und die Werte, die ich lebe. In Skandinavien gibt es dazu sogar ein Gesetz, das „Jante“: denke nicht, du seist etwas Besonderes, heißt es da unter anderem.

Das bringt gleichzeitig ein hohes Maß an Gelassenheit und Entspannung mit sich: denn wenn ich mich nicht ständig darauf konzentrieren muss, irgendwelchen Dingen nachzujagen, werde ich automatisch ruhiger und zufriedener. Denken wir nur mal an die Schweizer und Finnen, denen man ja gerne nachsagt, dass sie nichts aus der Ruhe bringt.

Auch Vertrauen ist etwas, das immer wieder im Buch genannt wird. Mal ehrlich: wer von uns kann sich vorstellen, Haustüre und Auto unverschlossen zu lassen und dann einen ausgedehnten Shoppingbummel zu starten? In den skandinavischen Ländern oder Island ist das überhaupt kein Thema – denn die Menschen vertrauen einander und würden nicht im Traum daran denken, dass der nette Nachbar nur darauf warten könnte, ihnen das Goldrand-Service aus dem Schrank zu klauen.

„Wo geht’s denn hier zum Glück?“ ist ein Buch, das ich wirklich jedem ans Herz legen möchte. Es liefert neben wunderbaren persönlichen Geschichten einige interessante Denkanstöße und Aha-Erlebnisse – und weckt manchmal auch ein wenig das schlechte Gewissen, da es einem vor Augen führt, dass man doch eigentlich allen Grund hätte, sich auch schon im Jetzt und Hier glücklich zu fühlen statt nur in der Rückschau.

Bewertung: 5/5

Montag, 15. Juni 2015

Sophie Bonnet: Provenzalische Geheimnisse

Sophie Bonnet war wohl eine der tollsten Krimi-Neuentdeckungen des letzten Jahres. „Provenzalische Verwicklungen“, der erste Fall von Kommissar Pierre Durand, fand direkt viele begeisterte Leser, die Durand mit großer Freude beim Ermitteln aber vor allem auch beim Genießen der provenzalischen Küche begleiteten. Ende Mai legte sie nun mit „Provenzalische Geheimnisse“ nach und ich habe mich sehr gefreut, als ich ein Rezensionsexemplar vom Blanvalet Verlag zugeschickt bekam – vielen Dank!

Worum geht es? Im idyllischen Dorf Sainte-Valérie bereitet man sich auf die Hochzeit des Jahres vor: die Location ist bereits festlich geschmückt, es duftet nach Lavendel, und der Wildschweinbraten dreht sich am Spieß. Pierre Durand hingegen fiebert eher dem Ende der Feier entgegen, denn dann will er endlich mal wieder gemütlich ein Gläschen mit seiner neuen Freundin Charlotte trinken, die als Köchin alle Hände voll zu tun hat mit der Vorbereitung der Hochzeitsfeier. Doch so weit kommt es nicht: Der Bruder der Braut wird am Morgen der Hochzeit tot im Wald aufgefunden, nackt und von Schrotkugeln durchsiebt. War es ein Jagdunfall? Oder Mord? Pierres Ermittlungen führen ihn in die einsamen Wälder der Provence – und mitten ins Herz der Dorfgemeinschaft...

Sophie Bonnet liefert uns auch in ihrem zweiten Krimi die Provence der Urlaubskataloge und Reiseführer – und das meine ich durch und durch positiv! Denn immer, wenn ich das Buch nach ein paar Kapiteln zugeklappt habe, hatte ich den Eindruck von einem Kurzurlaub zurück zu kommen. Zwischen den Seiten blüht der Lavendel, man trifft sich auf dem Dorfplatz und spielt Boule, isst die herrlichsten provenzalischen Spezialitäten (praktischerweise gibt’s hinten im Buch ein Glossar, damit man auch weiß, was man da eigentlich auf dem Teller hat) und streift durch Landschaften, wie sie idyllischer nicht sein könnten. Für manch einen mag das schon zu viel des Klischees sein, mich dagegen stört es in diesem Fall nicht, da die Autorin immer darauf achtet, dass zwischen allem Urlaubsflair der Kriminalfall und die einzelnen Figuren nicht zu kurz kommen und sich alles die Waage hält. Da sie selbst regelmäßig in die Provence reist, greift sie in ihren Büchern außerdem auch Dinge auf, die die Menschen dort tatsächlich beschäftigen – im aktuellen Fall beispielsweise die alljährliche Wildschweinjagd, die in der Provence eine lange Tradition hat, aber natürlich nicht nur für Begeisterung sorgt, sondern auch jedes Jahr Tierschützer auf den Plan ruft und für Spannungen innerhalb der Bevölkerung sorgt.  Man bekommt also nicht nur schöne Landschaften fürs Kopfkino angeboten, sondern auch wirklich ein bisschen „Landeskunde“.  Außerdem steckt Sophie Bonnet viel Liebe zum Detail in die Charakterzeichnung und die Gestaltung ihres fiktiven Sainte-Valérie, sodass man sich wirklich mitten im Geschehen fühlt und zu jeder Figur ein klares Bild vor Augen hat. Vorne im Buch findet man sogar einen kleinen Ortsplan und kann darauf immer nachverfolgen, wo sich Pierre Durand gerade herum treibt.

Mir hat das Wiedersehen mit Pierre, Charlotte & Co. gut gefallen. Der Autorin gelingt es auch in ihrem zweiten Krimi wunderbar, den Leser gekonnt auf diverse Fährten zu schicken. Sie präsentiert mehrere Verdächtige und Motive und hält den Spannungsbogen dabei bis zum Ende aufrecht – auch ausgebuffte Krimileser werden hier ihre Freude haben! Zusätzlich spinnt sie die Liebesgeschichte, die sich zwischen Pierre und Charlotte im ersten Buch angebahnt hat, weiter und lässt auch die anderen Dorfbewohner wieder mit von der Partie sein.  

Ich hoffe, dass Sophie Bonnet noch einige Fällt für Pierre Durand und uns Leser bereit hält und freue mich schon auf die nächste Reise nach Sainte-Valérie!

Bewertung: 4/5

Mittwoch, 10. Juni 2015

Bettina Kerwien: Machtfrage

Bücher zur RAF habe ich bereits haufenweise gelesen: das Standardwerk von Aust ebenso wie zahlreiche andere Sachbücher, aber auch Romane oder Krimis. Das Thema interessiert mich wirklich brennend und daher war meine Freude sehr groß, als ich bei Lovelybooks in der Leserunde zu „Machtfrage“ von Bettina Kerwien teilnehmen durfte.

Worum geht’s in diesem Krimi? Wir befinden uns im Jahr 1993, es ist der Tag nach Bad Kleinen: Die RAF wird verraten, ihre Auflösung ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber die Mitglieder der dritten Generation werden nie gefasst. Beachtliche Geldbeträge aus Beschaffungsaktionen bleiben verschwunden. Ex-RAF-Mitglied Martin Landauer nutzt das herrenlose Geld auf seine Weise. Er räumt eines der geheimen Erddepots aus und gründet mit dem Politologen Lennard Johannson eine Stiftung, die sich der Wiedergutmachung von gesellschaftlichem Unrecht widmet. Allerdings ziehen sie damit den Hass von Staatssekretär Hans Grendel auf sich. Als auch die totgeglaubte RAF-Legende Michael Glass auftaucht, spitzt sich der Konflikt zu. Denn jeder der Beteiligten ist bereit, über Leichen zu gehen...

Ich sage euch direkt, wie es ist: ich wurde aus verschiedenen Gründen leider nicht warm mit diesem Krimi, so sehr mich das Thema auch interessiert. Im ersten Drittel hatte ich alle Hände voll damit zu tun, mich zwischen den ganzen Figuren – teils reale, teils fiktive –, Zeitsprüngen und Handlungsorten (von Berlin nach Kuwait, dann plötzlich wieder in ein Gurkenbett in Brandenburg) zurecht zu finden und überhaupt mal einen Zugang zu diesem Buch zu bekommen. Die Kapitel sind allesamt sehr kurz, springen aber wie gesagt nahezu ständig, was Zeit und Handlungsorte angeht. Zu Beginn jedes neuen Kapitels ist also erst einmal Zurückblättern angesagt, um einordnen zu können, wie viel Zeit seit den letzten Geschehnissen vergangen ist. In einen richtigen Lesefluss kam ich erst nach gut 100 Seiten, und auch dann war irgendwie noch beständig Sand im Getriebe.

Der Grund: mir war der Krimi leider einfach zu überladen – sowohl, was die Handlung angeht, als auch sprachlich. Habe ich in meinerletzten Rezension noch hervorgehoben, wie wohl dosiert Doris Dörrie mit Adjektiven und Stilmitteln umgeht, muss ich hier leider kritisieren, dass Bettina Kerwien für meinen Geschmack etwas zu sehr in die Vollen greift. Adjektive und Vergleiche, soweit das Auge reicht. Das hat zur Folge, dass das eigene Kopfkino und die Phantasie, sich selbst Bilder zu schaffen, völlig lahmgelegt werden. Ganz davon abgesehen, dass einen die Bilder manchmal auch etwas achselzuckend zurücklassen und nicht wirklich zur Aufwertung eines Satzes beitragen – ich denke da an Sätze wie: „Seine Stimme strahlte“, „Ihre Augen weiteten sich, als zerriss sie der Teufel“ oder „Ein hysterisches Zittern schüttelte ihn. Aber das war nicht, was er wirklich fühlte. Da war sofort wieder diese manische Hoffnung.“ Und leider erinnerte mich das Ganze teilweise auch ein wenig an Heftchenroman. Ein Beispiel: „Alis Körper war ein Anachronismus, der Körper eines Kriegers. Eine aussterbende Art. […] Das Sonnenlicht verwandelte sein Kreuz in eine Landschaft aus Blut, Muskeln und Narben.“  Manchmal wäre weniger eindeutig mehr gewesen.  
Leider ließ mich dieser Krimi also ziemlich enttäuscht zurück. In der Leserunde erwähnte Bettina Kerwien, dass sie ihr ursprüngliches Manuskript aufgrund von Verlagsvorgaben um 250.000 Zeichen kürzen musste – meiner Meinung nach hat der Verlag der Autorin damit keinen Gefallen getan und den Krimi durch dieses rigorose Eindampfen eher geschwächt.

Bewertung: 2/5



Montag, 1. Juni 2015

Doris Dörrie: Diebe und Vampire

Kennt ihr das auch: man liest zum ersten Mal einen Roman eines Schriftstellers, der schon jahrelang erfolgreich publiziert und von dem man eigentlich auch längst etwas gelesen haben wollte – und hinterher grinst man breit. Man grinst, weil man weiß, dass man nun nicht sehnsüchtig auf den zweiten Roman dieses neu gefundenen Schatzes warten muss, sondern sich direkt in aller Gemütlichkeit durch eine große Backlist lesen kann :-) So in etwa fühle ich mich gerade.

Doris Dörries Romane habe ich schon die letzten Jahre über immer verfolgt: ich habe interessiert die Vorschautexte gelesen, kurz darauf dann ins Feuilleton oder in Blogs gespickelt und gedacht „Das scheint sich ja echt zu lohnen“ – aber gelesen habe ich keinen einzigen davon. Irgendwas kam immer dazwischen. Aber jetzt bin ich zum Glück endlich mal in die Gänge gekommen: „Diebe und Vampire“ hat mir letzte Woche anderthalb Tage pures Lesevergnügen bereitet.

Worum geht’s? Alice, eine junge deutsche Studentin, lernt beim Urlaub in Mexiko eine dreißig Jahre ältere amerikanische Schriftstellerin kennen, die sie insgeheim „die Meisterin“ nennt. Alice erkennt auf den ersten Blick: die Meisterin ist alles, was sie selbst auch gerne wäre. Elegant. Selbstbewusst. Souverän (besonders auch im Umgang mit Männern). Und vor allem: eine Schriftstellerin.

Alices Wunsch, ebenfalls Schriftstellerin zu werden, ist die Triebfeder dieses Romans. Es geht viel darum, wie (und ob überhaupt) sich das Schreiben erlernen lässt, wie man als Schriftsteller arbeitet, wie man an eine gute Geschichte gelangt und so weiter. Aber es geht auch sehr viel darum, wie man im Leben generell seinen Weg findet und zu dem wird, was man gerne wäre – sei es nun beruflich oder auch „einfach nur“ als Mensch. Wie man herausfiltert, welche Entscheidungen im Leben die richtigen sind und inwiefern einem hierbei Vorbilder dienlich sind – oder ob sie einen eher einschränken und in der Entwicklung behindern. Zu Beginn des Romans hat Alice, wie sie selbst sagt, „weder Geld noch Plan“. Sie reist gemeinsam mit ihrem deutlich älteren Liebhaber Pe nach Mexiko und „spielte die Rolle der flippigen, jungen Frau, weil ich wusste, dass ihm das gefiel“. Dieses Gefallsüchtige und Fragile der jungen Alice zieht sich recht lange durch den Roman – zunächst durch die Episode in Mexiko, ein paar Jahre später dann, als sie die Meisterin in San Francisco besucht. Doch zum Ende hin gibt es einen Cut.

Wir erleben Alice nun deutlich älter – die Lebensmitte hat sie zwischenzeitlich überschritten – und treffen sie als völlig veränderte Frau. Man merkt ihr an, dass sie ihre jugendliche Unsicherheit abgestreift hat, dass ihre Lebenserfahrung sie gelassener und souveräner gemacht hat. Sie wirkt in sich ruhend und mit sich im Reinen. Mich würde ja rasend interessieren, was in der Zwischenzeit so alles passiert ist und zu dieser Veränderung geführt hat, aber hierzu erfährt man nur ein paar wenige Fetzen. Dass man den Lebenslauf von Alice nicht auf dem Silbertablett serviert bekommt, macht aber wiederum den Kontrast zur jüngeren Alice umso deutlicher und unterstreicht noch einmal die Tatsache, dass das Leben ein ständiger Prozess ist und man nicht dauerhaft derjenige bleibt, der man in jungen Jahren ist.  

Doris Dörrie schreibt sehr klar und unaufgeregt. Ihre Sprache empfand ich sehr präzise und die Bilder, die sie verwendet, sind angenehm schlicht – was keineswegs negativ klingen soll. Im Gegenteil, denn dadurch schafft sie es, einen durch manche Dinge beinahe schon hinterrücks zu überraschen und aus dem Konzept zu bringen. Beispielsweise wenn Alice aus einem Taxi steigt und ihm nachsieht: „Ich sah den roten Bremslichtern nach und fragte mich, wie lange ich noch leben und woran ich sterben würde.“ Wer würde erwarten, dass ein so banaler Zusammenhang solche Fragen aufwerfen könnte? Ich habe es jedenfalls genossen, mich immer wieder von solchen Gedanken oder auch Formulierungen überraschen zu lassen – als Alice und die Meisterin sich in San Francisco wiedersehen, heißt es beispielsweise: „Wir umarmten uns luftig“. Meine Augen sind an dieser Stelle förmlich gestolpert und ich denke noch heute darüber nach, wie sich so eine luftige Umarmung wohl anfühlen mag :-)

Wie schon eingangs erwähnt, habe ich wirklich Feuer gefangen für diese Autorin und mache mich nun mal mit ihren älteren Büchern vertraut. Dem Diogenes Verlag möchte ich an dieser Stelle für das Rezensionsexemplar von „Diebe und Vampire“ danken!

Bewertung: 4/5