Sonntag, 17. Mai 2015

David Levithan: Hold Me Closer. The Tiny Cooper Story.

Es passiert ja leider selten, dass einem ein Buch in die Hand fällt, das bereits von der Grundidee oder der Aufmachung her total überrascht, noch bevor die erste Seite gelesen ist. David Levithan ist das mit „Hold me Closer“ gelungen – oder hatte jemand von euch schon einmal eine „musical novel“ in der Hand? Eben! Als Ausgangspunkt diente Levithan sein Roman „Will Grayson, Will Grayson“, den er gemeinsam mit dem nicht weniger genialen John Green geschrieben hat (auf Deutsch erschienen bei cbt unter dem Titel „Will & Will“). Einer der Nebencharaktere dieses Romans betritt nun in „Hold me Closer“ sprichwörtlich die Bühne und wird zum Hauptdarsteller: Tiny Cooper.

Schon auf dem Cover bekommen wir einen ersten Eindruck davon, was zwischen den beiden Buchdeckeln abgehen wird, denn hier passiert so richtig viel: es glitzert und funkelt, es ist an manchen Stellen geprägt, an anderen erhaben - Glitzer, viel Trara und Bäm! Und genau in diesem Stil rauscht dann auch Tiny Cooper auf die Bühne. Das Buch beginnt mit seiner Geburt und rast dann - mal gesungen, mal gesprochen, aber immer in Dialogform - durch seine Kindheit bis zur Pubertät. Und da wird es dann so richtig interessant, denn nun kommt seine illustre Schar von Ex-Freunden ins Spiel.

Richtig, Ex-Freunde - nicht FreundINNEN. Denn Tiny ist schwul, wie er direkt in seinem ersten Song klarstellt: "I was born this way, big-boned and happily gay." Und damit sind wir schon bei einem Punkt, für den ich David Levithan (übrigens auch selbst homosexuell) über alle Maßen schätze: in seinen Büchern gibt er vor allem den Jugendlichen eine Stimme, die aus irgendeinem Grund eher als „anders“ hervorstechen – sei es, weil sie nerdig sind, weil sie besondere Macken haben oder eben auch aufgrund ihrer Homosexualität, die ja leider nach wie vor von vielen als alles andere als normal angesehen wird. Wie er diese Jugendlichen in ihrem Findungsprozess und ihrer Verwirrung auffängt und begleitet, und ihre Andersartigkeit nicht stigmatisiert, sondern sie im Gegenteil dadurch erst so richtig strahlen lässt, ist vermutlich von größerem Wert, als man es vermuten würde, wenn man nicht selbst in so einer Situation ist. Ich finde es jedenfalls ganz große Klasse und bin mir sicher, dass er durch diese Art schon so manchem Jugendlichen ein anderes Selbstbewusstsein verschafft hat.

"Hold me Closer" hat mir wie auch Levithans andere Bücher sehr gut gefallen und ich empfand seinen Ansatz, das Ganze wie ein Musical aufzuziehen, sehr erfrischend. Witzig finde ich, wie Levithan mit Klischees spielt. Zum einen diese völlig schrill-bunte und teilweise auch feminine Welt, wie man sie Schwulen gerne mal nachsagt und von deren CSD-Paraden kennt. Zum anderen geht Tiny wiederum einer der wohl männlichsten Sportarten überhaupt nach – American Football - und ist eher ein Bär von einem Kerl statt der feingliedrige und zarte „Klischee-Schwule“. Das finde ich sehr augenzwinkernd.

Aber davon abgesehen, dass Homosexualität das dominierende Thema ist, kann so ziemlich jeder etwas aus diesem Buch ziehen und erkennt sich wieder, egal ob gay or straight. Die klassische Verunsicherung – und teilweise auch Überforderung –, wenn man das erste Mal auf eine ganz andere Art und Weise als bisher mit dem anderen (oder eben mit dem gleichen) Geschlecht Kontakt hat und plötzlich mit ganz neuen Gefühlen konfrontiert ist. Wie gehe ich es richtig an, was sollte ich auf gar keinen Fall tun, hat er/sie die selben Gefühle…? Und dann immer die enorme Aufregung und Angespanntheit vor dem ersten Date – da fühlt wohl jede/r mit! Ich finde, Levithan hat das ganz gut eingefangen, man kann sich richtig in Tiny hineinversetzen und fühlt sich an eigene Erfahrungen zurück erinnert. Und auch der grundlegenden Message, die sich durchs ganze Buch zieht, wird wohl jeder zustimmen können: sei, wie du wirklich bist und lass dich von niemandem dazu bringen, dich zu verstecken – denn du bist völlig in Ordnung so!
Eine klare Leseempfehlung - für Fans von David Levithan natürlich sowieso, aber auch für alle, die sich gerne mal von einem Buch überraschen lassen und etwas anderes als den klassischen Roman erleben möchten. 
Bewertung: 5/5


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