Donnerstag, 9. April 2015

Sadie Jones: Jahre wie diese

Die 70er-Jahre gehören für mich zu den spannendsten Abschnitten des letzten Jahrhunderts. Seit ich 15 bin verschlinge ich Romane und Sachbücher über diese Zeit – Stichworte Studentenproteste, RAF, Deutscher Herbst, Olympische Spiele 1972 –, und habe damals auch gleich ihre Musik und Mode zu lieben gelernt. Klar, dass mich da auch das neue Buch von Sadie Jones sehr neugierig gemacht hat…

Worum geht es? Ich glaube, eine normale Zusammenfassung des Inhalts wird diesem Roman bei Weitem nicht gerecht. Aber damit ihr dennoch mal die groben Eckdaten habt: es geht um Luke Kanowski, der sein Elternhaus im dörflichen Seston verlässt, um in London als Dramatiker zu arbeiten. Mit Paul, einem angehenden Produzenten, und dessen Freundin Leigh, gründet er eine Theaterkompanie, die bald erste Erfolge feiert. Und er trifft auf Nina, eine tolle aber auch sehr zerbrechliche Schauspielerin, die ihn nicht mehr loslässt.

Es geht also um Luke, Paul, Leigh und Nina und das Theaterleben im London der 70er Jahre. Stimmt, vordergründig ist das so. Aber unterschwellig geht es um so viel mehr: es geht um die Beziehungen zu unseren Eltern und auf welche Weise diese uns prägen. Es geht um Freundschaften und wie angreifbar diese werden, wenn die Liebe ins Spiel kommt. Es geht um Partnerschaften und wie viel man bereit ist, ihnen zu opfern. Es geht darum, seinen Platz im Leben und in der Liebe zu finden – mit all den „Vorbelastungen“, die wir durch unsere Erziehung und frühere Erlebnisse mitbringen. Und vor allem geht es um Charaktere, die überaus komplex und vielschichtig angelegt sind und jeder für sich etwas Hochinteressantes haben. Ich hatte beim Lesen öfter den Eindruck, dass ich diesen Roman mehrmals lesen und bei jedem Lesedurchgang den Fokus auf eine andere Figur legen müsste, um sie wirklich komplett erfassen zu können. Es steckt so wahnsinnig viel drin, dass man immer den Eindruck hat, alles nur oberflächlich streifen und analysieren zu können.

Ähnliches gilt für die Beziehungen, die die Figuren untereinander eingehen, für die unterschiedlichen Eltern-Kind-Beziehungen ebenso wie für die zwischenmenschlichen (in sämtlichen erdenklichen Zweier- und Dreierkombinationen) – und selbst die Beziehung zwischen Ninas Mutter und ihrer Tante, eigentlich zwei Nebenfiguren, hat etwas Komplexes. Wie die Autorin das alles konstruiert und gezeichnet hat, hat mich beim Lesen wirklich sehr beeindruckt.

Auch der Einblick ins Theatermilieu ist sehr spannend, gerade für Leute, die gerne lesen: denn auch das Theater befasst sich ja mit der Frage, wie Texte aufgefasst und interpretiert werden können und wie man bloßen Worten durch eine Inszenierung Leben einhauchen kann.

Wenn ich nun eine Bewertung mittels Punkten ausdrücken möchte, muss ich dennoch einen Abstrich machen. Das hat zum einen mit der oben bereits erwähnten Vielschichtigkeit zu tun. Auch wenn Sprache und Plot einfach zu verstehen sind, hat man als Leser dennoch oft ein kleines Gefühl der Überforderung: so viele komplexe Charaktere, so viele Beziehungskonstellationen – es ist beinahe von allem ein wenig zu viel. Mit Ausnahme einer elementaren Sache: das 70er-Jahre-Flair. Dafür, dass der Roman in allen Werbetexten und vom Cover her so auf die 70er-Jahre-Schiene gesetzt wurde, bleibt er in der Hinsicht für mich etwas blass, als habe die Autorin vor lauter Charakterzeichnung und Beziehungskonstellationen dieses Detail manchmal aus dem Auge verloren. Das fand ich wirklich schade, gerade weil ich mich auf diesen Aspekt so besonders gefreut hatte. Dennoch möchte ich eine klare Leseempfehlung für diesen Roman aussprechen – nehmt euch Zeit dafür, es lohnt sich!

Bewertung: 4/5 

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