Montag, 2. Februar 2015

Michel Houellebecq: Unterwerfung

Houellebecqs neuer Roman „Unterwerfung“ hätte wohl auch losgelöst von den Pariser Attentaten für einige Diskussionen gesorgt, aber mit den Ereignissen zwischen 7. und 9. Januar wurde es so richtig lebendig in den Feuilletons und die Rezensenten gerieten in Schwankungen irgendwo zwischen Rage und Hysterie. Houellebecq schüre „islamophobeRessentiments“ und begehe „literarischen Selbstmord“, konnte man lesen. Der Stern kam sogar zu dem Schluss: Michel Houellebecq glaubt nicht an Integration […] Für alles, was jetzt noch kommt, trägt auch [„Unterwerfung“] seinen Teil Verantwortung.

Bei so manchem Journalisten hätte man sich einen etwas kühleren Kopf gewünscht und vor allem eine kurze Reflektion zu folgenden zwei Punkten: erstens wurde in den Tagen nach den Anschlägen mit großer Vehemenz gefordert, dass Satire, Presse- und Meinungsfreiheit alles dürfen muss. Überall war man plötzlich Charlie, reckte Bleistifte in die Höhe und setzte sich für die Freiheit ein – natürlich völlig zu Recht. Aber: wenn Satire alles können und völlig frei sein soll – ist es dann nicht nur recht und gut, wenn für die Literatur, die Fiktion, dasselbe gilt? Und muss man dann konsequenterweise eben nicht nur Charlie sein, sondern auch Houellebecq?

Und der zweite Punkt: seit Roland Barthes bekommen Generationen von Schülern und Literaturstudenten vehement eingehämmert, dass der Autor „tot“ ist, der Erzähler nicht mit dem Autor gleichzusetzen ist. Ich erinnere mich an Deutschaufsätze, in denen Formulierungen wie „Der Autor sagt in seinem Roman“ mit fettem Rotstift umkringelt waren – und nun ist diese These aus dem Jahr 1968 bei der Lektüre von Houellebecqs „Unterwerfung“ plötzlich null und nichtig? Irgendwie seltsam.

Genug der Vorrede, steigen wir in den Roman ein. Frankreich im Jahr 2022: die Partei der Muslimbrüderschaft gewinnt die Wahl, stellt den neuen Präsidenten und reformiert das Land einmal quer durch alle Lebensbereiche. Frauen arbeiten nun nicht mehr, tragen dafür Burka und teilen sich ihren Mann eventuell mit anderen Ehefrauen. Universitäten sind nicht mehr laizistisch, weite Teile der Professorenschaft wird mit mehr als großzügigen Bezügen in Rente geschickt. Die Kriminalität geht zurück, die Arbeitslosigkeit ebenso – und das französische Volk nimmt jegliche Veränderung geradezu stoisch hin. Inmitten dieser Umwälzungen begleiten wir Francois, Literaturwissenschaftler, 44 Jahre alt und wie bei Houellebecq üblich eher der Typ lonesome rider ohne feste Bindungen.  

So viel zur Rahmenhandlung. Und nun, ist der ganze eingangs erwähnte Aufruhr gerechtfertigt? Meiner Meinung nach definitiv nicht. Man kann sich diesem Roman auf unterschiedlichste Arten nähern, ihn als Satire auf das französische Hochschulsystem lesen oder generell als satirische Betrachtung der französischen Gesellschaft (besonders auch derer intellektueller und politischer Kreise). Er kann auch als eine Art coming-of-age-Roman oder meinetwegen Bildungsroman gelesen werden, vielleicht sogar als Künstlerroman, wenn man bedenkt, wie viel Raum die Passagen zu Joris-Karl Huysmans einnehmen.  

Was jedoch völlig an den Haaren herbeigezogen ist, ist die islamophobe Deutung, die uns so mancher Journalist nahelegen möchte. Dafür bietet Houellebecq viel zu wenig Angriffsfläche, indem er seine Charaktere überwiegend unkritisch durch den Roman wandeln und sämtliche Umwälzungen begrüßen lässt. Und genau darin liegt für mich der eigentliche Zündstoff dieses Romans: wie unkritisch und stoisch sämtliche Veränderungen seitens der Gesellschaft hingenommen werden, auch von ihren intellektuellen Kreisen. Der Roman ist für mein Verständnis ein wunderbarer Spiegel der unkritischen und orientierungslosen Haltung, mit der viele Menschen durchs Leben treiben, immer auf der Suche, irgendwo und durch irgendetwas Halt zu finden – und um diese nur allzu deutlich heraus zu stellen, muss Houellebecq thematisch dort ansetzen, wo seit einiger Zeit eine gegenteilige Strömung schwelt, die sich von Pediga, Front National & Co mobilisieren lässt. Wo Presse und Medien immer nur empört auf die Barrikaden gehen und kontroverse Strömungen klein reden statt ihnen ins Auge zu sehen, greift er diese Tendenzen auf und spinnt sie weiter – nur so konnte er in dem Maße aufrütteln und provozieren, wie es nun der Fall ist.

Das alles tut Houellebecq auf unterhaltsame, beinahe schon witzige Art und Weise, um ein Vielfaches zugänglicher als man es normalerweise von ihm gewohnt ist. Eine klare Leseempfehlung für diesen Roman, der irgendwo zwischen Vision und Utopie, Ernst und Satire wandelt – und in jedem Fall eine Debatte angestoßen hat, die man nicht länger scheuen sollte.


Bewertung: 5/5

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