Mittwoch, 25. Februar 2015

Martin Suter: Montecristo

Martin Suter hat es wieder einmal geschafft: wer seinen neuen Roman „Montecristo“ aufschlägt, sollte sich für die nächsten Stunden nichts vornehmen – denn so schnell lässt er einen nicht mehr los. Was anfängt wie mehrere voneinander losgelöste Handlungsstränge, verwebt sich innerhalb kurzer Zeit zu einem dichten und rasanten Erzählstrang, der einem so manches Mal den Atem stocken lässt.

Aber der Reihe nach, worum geht es eigentlich? Die Ausgangssituation bilden ein Personenschaden bei einer Fahrt im Intercity, zwei Hundertfrankenscheine mit identischer Seriennummer und „Montecristo“, das Filmprojekt, mit dem Videojournalist Jonas Brand  (Ende 30, geschieden, Typ lonesome rider) schon lange schwanger geht und das bisher niemand mit ihm umsetzen möchte – bis ihm nun aus heiterem Himmel Tür und Tor dafür geöffnet werden und eine namhafte Produktionsfirma bei ihm auf der Matte steht. Auf den ersten Blick haben diese drei Dinge nichts miteinander zu tun. Auf den zweiten Blick jedoch schon. Denn bald schon muss Brand erkennen, dass vieles nicht so ist, wie es im ersten Moment scheint, wie erschreckend einfach es ist, zum Spielball von „denen da oben“ zu werden – und dass eben diesen nahezu jedes Mittel recht und billig ist, wenn es darum geht, ihre Interessen durchzusetzen und Fehler zu vertuschen.

Suter schickt Jonas Brand und uns in diesem Roman auf eine Tour de Force durch die Finanz-, Wirtschafts- und Politszene. Immer neue Wendungen und rasch wechselnde Szenen sorgen für großen Unterhaltungswert und halten die Spannung durchs ganze Buch über aufrecht. Dass Suter trotz anspruchsvoller Thematik und recht vielen Charakteren nie die Verständlichkeit aus dem Auge verliert, möchte ich an dieser Stelle besonders hervorheben: nicht jedem Autor gelingt es, Romane mit einem solchen Setting so zu schreiben, dass man auch tatsächlich immer versteht, was Sache ist und wie die Dinge zusammen hängen.  

Die größte Brisanz steckt für uns als Leser natürlich erst einmal in der Sache mit den Geldscheinen: Wie kann es eigentlich passieren, dass zwei Geldscheine mit identischer Seriennummer in Umlauf geraten? Menschliches Versagen, technisches Versagen – oder gar Kalkül? Und wenn letzteres gilt: welchen Grund könnte es dafür geben und wer schützt in einem solchen Fall eigentlich wen? Unweigerlich fragt man sich beim Lesen, wie realistisch so ein Szenario im „echten Leben“ wäre und wie viel kriminelle Energie in unserem reellen Finanz- und Politsystem steckt – und sollte angesichts dieser Frage mal einen Blick in Suters Danksagung am Ende des Buches werfen: dort erfährt man, dass sich Suter bei der Recherche zu „Montecristo“ an die gewandt hat, die die Antworten auf solche Fragen haben: den Direktor der eidgenössischen Finanzverwaltung, einen ehemaligen Bundesrat, den Verwaltungsratspräsidenten der Credit Suisse und andere Experten, die vermutlich aus gutem Grund namentlich nicht genannt werden wollten.     

Gemeinsam mit Jonas Brand steigen wir nach und nach hinter die Zusammenhänge und stoßen dabei auf die Abgründe eines folgenreichen Finanzskandals, der die Frage aufwirft, ob die persönlichen Moralvorstellungen irgendwann unweigerlich zugunsten des großen Ganzen an ihre Grenzen stoßen müssen. Wir bekommen eine Ahnung davon, was sich hinter den verschlossenen Türen unserer Banken und Politikerbüros abspielen mag und welche ungeheure Macht in den Händen ein paar weniger Personen liegt. Auf dem Cover des Buches steht ganz Unschuldig „Roman“ – ich würde sagen, Suter hat hier eher einen Thriller mit großer Sprengkraft vorgelegt. Mich hat er damit jedenfalls während des Lesens und auch noch danach in Atem gehalten. Eines von seinen besten Büchern, das ich nur jedem ans Herz legen möchte – klare Leseempfehlung!


Bewertung: 5/5  

Dienstag, 17. Februar 2015

Welcome! Neuzugänge im englischen Original...

Wann immer ich die Wahl habe, ein Buch in der deutschen Übersetzung oder im englischsprachigen Original zu lesen, wähle ich das Original. In den letzten Tagen haben zwei Bücher bei mir Einzug gehalten, die kürzlich auch auf Deutsch erschienen sind – ihr habt also die Wahl, was euch eher zusagt :-)

Cynthia Ozik: Foreign Bodies


Mitte Oktober erschien dieses Buch im Ullstein Verlag unter dem Titel „Miss Nightingale in Paris“. Ich habe es in der Buchhandlung auf dem Stapel liegen sehen und wusste direkt: das musst du lesen! Die amerikanische Schriftstellerin Cynthia Ozick variiert in diesem Roman Henry James’ „Die Gesandten“. Wer schon einmal das Vergnügen hatte, James zu lesen, weiß, dass es bei ihm – wie auch bei anderen Schriftstellern seiner Zeit – sehr häufig um den Kontrast zwischen dem neuen Amerika und dem alten Europa geht. Europa galt damals als Sehnsuchtsort aller Intellektuellen und so tummeln sich in den zeitgenössischen Romanen häufig Figuren aus der alten wie auch der neuen Welt und die Handlung verlagert sich auch gerne mal von der einen in die andere.

In „Foreign Bodies“ begeben wir uns an der Seite von Bea Nightingale aus New York in das Paris des Jahres 1952. Bea, frisch geschiedene Lehrerin, fährt im Auftrag ihres Bruders hierher, um ihren Neffen Julian zurückzuholen. Der jobbt in einem Café und träumt davon, Schriftsteller zu werden – sein Vater hingegen vermutet, er sei in die Fänge einer Frau geraten, die ihm nicht guttut. Als Bea schließlich Julians Freundin kennenlernt, deren Familie im Krieg ausgelöscht wurde, bleibt auch sie in Paris hängen…

Ich bin sehr gespannt auf diesen Roman und könnte mir vorstellen, dass er gleichzeitig meine Lust weckt, mal wieder einen Roman von Henry James aus dem Regal zu ziehen :-)
 

Jami Attenberg: The Middlesteins

Jamie Attenbergs Roman ist kürzlich auch auf Deutsch erschienen. Ihr findet ihn unter dem Titel „Die Middlesteins“ bei Schöffling & Co. In den USA hat der Roman bereits für große Furore gesorgt und die Kritiker begeistert. Er handelt von der Familie Middlestein aus Chicago. Über dreißig Jahre lang haben Edie und Richard Middlestein ein ganz normales Familienleben geführt, aber auf einmal drohen die Dinge auseinanderzubrechen. Grund dafür: Edies enormer Körperumfang. 150 Kilo schleppt sie inzwischen mit sich herum und die Ansage ihres Arztes ist eindeutig: wenn sie ihre Esssucht nicht in den Griff bekommt, dann war es das. 

Während Ehemann Richard sie verlässt und Zuflucht in der Welt des Online-Datings sucht, treten die Kinder Robin und Benny – samt dessen neurotischer Ehefrau Rachel – auf den Plan. Doch statt bei dieser heiklen Aufgabe an einem Strang zu ziehen, stehen sich alle gegenseitig im Weg. Und so steuert diese aberwitzige Familiengeschichte unerbittlich auf die spektakuläre Bar-Mizwa-Party der Zwillingsenkel zu, die ein Fiasko zu werden droht.

Ohne schon richtig mit der Lektüre begonnen zu haben, sagt mir irgendetwas: auf die Kinoverfilmung zu diesem Buch müssen wir nicht lange warten. Ich freue mich jedenfalls auf diese aberwitzig klingende Story.

Freitag, 13. Februar 2015

Amber Dermont: In guten Kreisen

Ach Mensch, es hätte alles so schön werden können, die Bedingungen waren mehr als perfekt: "In guten Kreisen" von Amber Dermont ist ein Roman, der sowohl an der Ostküste der USA spielt (die ich kenne und sehr mag) und außerdem in einem Internat für den alten Geldadel – ein Milieu, in das ich gerne reinspicke. Aber leider kam es dann doch anders…

Worum geht’s? Neuengland, Ende der 80er-Jahre: Jason Prosper wächst in einer Welt auf, in der Geld keine Rolle spielt. Die Penthousewohnung in Manhattan ist ebenso selbstverständlich wie das Sommerhaus in Maine, der Besuch altehrwürdiger Schulen und Mitgliedschaften in exklusiven Segelclubs. Jason jedoch entzieht sich den Zwängen seiner Kreise am liebsten, indem er jede freie Minute segelnd auf dem Meer verbringt - zusammen mit seinem besten Freund Cal. Als dieser sich jedoch das Leben nimmt, gerät Jasons Welt aus den Fugen: Vollkommen aus der Bahn geworfen, wechselt er an die Bellingham Academy, ein teures, freizügiges Internat an der Atlantikküste. Hier begegnet er Aidan, einer eigenwilligen Außenseiterin, die Jason fasziniert und ihm neuen Auftrieb gibt. Als die Küste Neuenglands von einem schweren Orkan getroffen wird, kommt es jedoch erneut zu einem großen Einschnitt in Jasons Leben.

So weit, so gut. Leider bin ich weder mit Jason noch mit sonstigen Charakteren oder der Handlung an sich warm geworden. Jason selbst flutschte mir durch die Art, wie die Autorin Amber Dermont ihn zeichnet, regelrecht durch die Finger – einerseits hat er sympathische Züge und ist auch nicht mit der gleichen Überheblichkeit und Arroganz "gesegnet" wie einige seiner Schulkameraden, aber dennoch stößt man sich irgendwie an Jason und wird nie richtig schlau aus ihm.

Der Roman als Ganzes verzettelt sich für mein Empfinden in zu vielen Erzählsträngen, ohne dass einer davon als besonders wichtig heraussticht – soll man sich nun auf Jasons persönliche Entwicklung (losgelöst von Aidan etc.) konzentrieren, auf die Geschichte zwischen ihm und Cal, auf die zwischen ihm und Aidan, auf seine familiären Verhältnisse – oder soll man das Ganze als Bildungsroman lesen…? Ansätze sind zahlreich vorhanden und teilweise auch nicht uninteressant, aber nichts davon wird vernünftig ausgebaut, alles plätschert vor sich hin und dementsprechend lässt sich auch Jason so ein wenig durch die Handlung treiben.

Das hatte zur Folge, dass mir die ganze Handlung dann auch zu verzettelt und unfokussiert war, um mit irgendeinem der vielen Stränge warm werden zu können und ihm meine Aufmerksamkeit zu schenken. Mit jeder gelesenen Seite hatte ich den Eindruck, dass mir die einzelnen Charaktere zunehmend egal werden, da ja ohnehin niemandem davon eine wirklich tragende Rolle zukommt oder die Charaktere besonders gut ausgebaut werden - und leider ist auch keiner ausreichend sympathisch, um sich näher für ihn oder sie zu interessieren. So sehr ich es mir auch gewünscht hätte: die Figuren bewegten mich nicht, ich folgte ihnen eher teilnahmslos.

Erschwerend hinzu kommt das Setting: diese Ansammlung verwöhnter und versnobbter Kinder, eine Schule, die nur auf den Schein und ihren Ruf bedacht ist, (nahezu) überall nur Gefühlskälte, Berechnung und Gemeinheiten - man hat es wirklich nicht leicht, hier wohlwollende Gefühle zu entwickeln. Im Großen und Ganzen muss ich daher sagen: schöne Grundidee, interessante Ansätze – aber letztendlich war es mehr Leselast als Lesevergnügen für mich. Schade. 

Bewertung: 1/5



Montag, 9. Februar 2015

Tony Parsons: The Murder Bag

So viel gleich vorweg: „The Murder Bag“ (in deutscher Übersetzung erschienen unter dem Titel „Dein finsteres Herz“) ist nichts für zarte Gemüter. Wer hingegen auf rabenschwarze englische Krimis steht, in denen es gerne mal blutig zugeht und der Autor nicht mit detaillierten Beschreibungen von Tatorten geizt – der ist hier genau richtig und wird mit diesem Buch ein großes Lesevergnügen haben. 

Worum geht es? Vor zwanzig Jahren freundeten sich sieben privilegierte Jungen in der elitären Privatschule Potter‘s Field miteinander an. Nun stirbt einer nach dem anderen auf grausame Art und Weise. Das ruft Detective Constable Max Wolfe auf den Plan. Er folgt – mal im Alleingang, mal mit seinem Team – der blutigen Fährte des Killers von Londons Hinterhöfen und hell erleuchteten Straßen bis in die elitären Kreise von Internat, Militär und Politik. Mit jeder neuen Leiche kommt er dem Täter ein Stück näher - doch damit bringt er nicht nur sich selbst in tödliche Gefahr.


„The Murder Bag“ ist ein Krimi, der es in sich hat und dem Leser wenig Zeit gibt, zwischendurch mal kurz durch zu schnaufen. Parsons legt wirklich ein rasantes Tempo vor – von einer Zeile auf die nächste könnte es aus heiterem Himmel das nächste Opfer oder eine überraschende Wendung geben. Lediglich die Passagen, in denen auf sehr interessante Art und Weise die Polizeiarbeit – und ein wenig auch deren Geschichte im englischen Königreich – geschildert werden, nehmen ein wenig Tempo heraus (ohne dass die Handlung dabei an Spannung verlöre). Außerdem erfährt man viel über das Privatleben Wolfes, der immer zwischen seiner Rolle als alleinerziehender, liebevoller Vater und der des knallharten Ermittlers pendelt und irgendwie versucht, beidem so gut wie möglich gerecht zu werden. Als Leser begleitet man ihn in beiden Bereichen seines Lebens und bekommt so ein sehr umfassendes, vom Autor gut ausgearbeitetes, Bild.

Ein entscheidendes Kriterium ist bei einem Krimi für mich immer, wie gut es ihm gelingt, auch alte Krimi-Hasen vor Rätsel zu stellen. Man kennt das ja: je mehr Krimis man liest, desto gewiefter wird man selbst, und allzu oft ist das Ende schon lange vor der letzten Seite offensichtlich. Ganz anders bei Parsons. Auch hier ahnt man zwar früh, welches Motiv hinter den Morden stecken könnte – aber die letztendliche Auflösung war für mich dennoch eine Überraschung. 


Ein toller und rasanter Krimi, der Lust macht auf mehr von Tony Parsons, auf mehr über DC Wolfe. Einen kleinen Abzug gibt es, weil mir ein paar der Erzählstränge überflüssig vorkamen und nicht sauber ausgearbeitet waren. Außerdem kam mir die Auflösung dann doch etwas abrupt, als hätte der Verlag die Vorgabe gegeben, den Roman auf eine maximale Seitenzahl runter zu kürzen und dann an den falschen
Stellen eingedampft. 
Nichtsdestotrotz möchte ich diesen Krimi jedem ans Herz legen, der es gerne deftig mag und/oder ein Faible für die englische Krimikunst hat.

Bewertung: 4/5

Montag, 2. Februar 2015

Michel Houellebecq: Unterwerfung

Houellebecqs neuer Roman „Unterwerfung“ hätte wohl auch losgelöst von den Pariser Attentaten für einige Diskussionen gesorgt, aber mit den Ereignissen zwischen 7. und 9. Januar wurde es so richtig lebendig in den Feuilletons und die Rezensenten gerieten in Schwankungen irgendwo zwischen Rage und Hysterie. Houellebecq schüre „islamophobeRessentiments“ und begehe „literarischen Selbstmord“, konnte man lesen. Der Stern kam sogar zu dem Schluss: Michel Houellebecq glaubt nicht an Integration […] Für alles, was jetzt noch kommt, trägt auch [„Unterwerfung“] seinen Teil Verantwortung.

Bei so manchem Journalisten hätte man sich einen etwas kühleren Kopf gewünscht und vor allem eine kurze Reflektion zu folgenden zwei Punkten: erstens wurde in den Tagen nach den Anschlägen mit großer Vehemenz gefordert, dass Satire, Presse- und Meinungsfreiheit alles dürfen muss. Überall war man plötzlich Charlie, reckte Bleistifte in die Höhe und setzte sich für die Freiheit ein – natürlich völlig zu Recht. Aber: wenn Satire alles können und völlig frei sein soll – ist es dann nicht nur recht und gut, wenn für die Literatur, die Fiktion, dasselbe gilt? Und muss man dann konsequenterweise eben nicht nur Charlie sein, sondern auch Houellebecq?

Und der zweite Punkt: seit Roland Barthes bekommen Generationen von Schülern und Literaturstudenten vehement eingehämmert, dass der Autor „tot“ ist, der Erzähler nicht mit dem Autor gleichzusetzen ist. Ich erinnere mich an Deutschaufsätze, in denen Formulierungen wie „Der Autor sagt in seinem Roman“ mit fettem Rotstift umkringelt waren – und nun ist diese These aus dem Jahr 1968 bei der Lektüre von Houellebecqs „Unterwerfung“ plötzlich null und nichtig? Irgendwie seltsam.

Genug der Vorrede, steigen wir in den Roman ein. Frankreich im Jahr 2022: die Partei der Muslimbrüderschaft gewinnt die Wahl, stellt den neuen Präsidenten und reformiert das Land einmal quer durch alle Lebensbereiche. Frauen arbeiten nun nicht mehr, tragen dafür Burka und teilen sich ihren Mann eventuell mit anderen Ehefrauen. Universitäten sind nicht mehr laizistisch, weite Teile der Professorenschaft wird mit mehr als großzügigen Bezügen in Rente geschickt. Die Kriminalität geht zurück, die Arbeitslosigkeit ebenso – und das französische Volk nimmt jegliche Veränderung geradezu stoisch hin. Inmitten dieser Umwälzungen begleiten wir Francois, Literaturwissenschaftler, 44 Jahre alt und wie bei Houellebecq üblich eher der Typ lonesome rider ohne feste Bindungen.  

So viel zur Rahmenhandlung. Und nun, ist der ganze eingangs erwähnte Aufruhr gerechtfertigt? Meiner Meinung nach definitiv nicht. Man kann sich diesem Roman auf unterschiedlichste Arten nähern, ihn als Satire auf das französische Hochschulsystem lesen oder generell als satirische Betrachtung der französischen Gesellschaft (besonders auch derer intellektueller und politischer Kreise). Er kann auch als eine Art coming-of-age-Roman oder meinetwegen Bildungsroman gelesen werden, vielleicht sogar als Künstlerroman, wenn man bedenkt, wie viel Raum die Passagen zu Joris-Karl Huysmans einnehmen.  

Was jedoch völlig an den Haaren herbeigezogen ist, ist die islamophobe Deutung, die uns so mancher Journalist nahelegen möchte. Dafür bietet Houellebecq viel zu wenig Angriffsfläche, indem er seine Charaktere überwiegend unkritisch durch den Roman wandeln und sämtliche Umwälzungen begrüßen lässt. Und genau darin liegt für mich der eigentliche Zündstoff dieses Romans: wie unkritisch und stoisch sämtliche Veränderungen seitens der Gesellschaft hingenommen werden, auch von ihren intellektuellen Kreisen. Der Roman ist für mein Verständnis ein wunderbarer Spiegel der unkritischen und orientierungslosen Haltung, mit der viele Menschen durchs Leben treiben, immer auf der Suche, irgendwo und durch irgendetwas Halt zu finden – und um diese nur allzu deutlich heraus zu stellen, muss Houellebecq thematisch dort ansetzen, wo seit einiger Zeit eine gegenteilige Strömung schwelt, die sich von Pediga, Front National & Co mobilisieren lässt. Wo Presse und Medien immer nur empört auf die Barrikaden gehen und kontroverse Strömungen klein reden statt ihnen ins Auge zu sehen, greift er diese Tendenzen auf und spinnt sie weiter – nur so konnte er in dem Maße aufrütteln und provozieren, wie es nun der Fall ist.

Das alles tut Houellebecq auf unterhaltsame, beinahe schon witzige Art und Weise, um ein Vielfaches zugänglicher als man es normalerweise von ihm gewohnt ist. Eine klare Leseempfehlung für diesen Roman, der irgendwo zwischen Vision und Utopie, Ernst und Satire wandelt – und in jedem Fall eine Debatte angestoßen hat, die man nicht länger scheuen sollte.


Bewertung: 5/5