Montag, 21. Dezember 2015

Maria Lang: Tragödie auf einem Landfriedhof

„Die schwedische Agatha Christie“ – so wird Maria Lang (die „Tragödie auf einem Landfriedhof“ übrigens schon 1954 geschrieben hat) in den Werbetexten zu ihren Büchern gerne mal beschrieben. Und da ich Agatha Christie und ihre Ermittler genauso gerne mag wie Schweden, kann man mich mit dieser Kombi natürlich schnell neugierig machen.

Worum geht’s? Weihnachtszeit im schwedischen Västlinge: Das beschauliche Dörfchen liegt friedlich unter einer schönen Schneedecke und im Pfarrhaus bereitet man sich auf das Fest vor – bis ein Mord an Heilig Abend die Idylle stört. Gemeinsam mit den anderen Dorfbewohnern machen sich Pfarrer Ekstedt und seine Familie auf die Suche nach dem Täter, und bald wird klar, dass er immernoch im Ort unterwegs ist.

Ich muss sagen, dass mich dieser Krimi etwas zwiegespalten zurück lässt. Einerseits passt vieles: das Setting ist schön winterlich-gemütlich, auch die Handlung – die eher cosy als bloody ist – fand ich in großen Teilen ganz okay. Aber irgendwas fehlte dann leider doch. Nachdem ich mal drauf hatte, wer von den Protagonisten wer ist (mit ungewöhnlichen nordischen Namen nicht immer ganz so einfach, aber zum Glück gibt’s vorne im Buch eine Übersicht), fand ich recht gut in den Roman rein und fühlte mich bis ungefähr zur Hälfte auch einigermaßen unterhalten. Aber dann wurde es allmählich etwas zäh und ich habe gemerkt, dass mein Interesse an der Handlung und den einzelnen Figuren nachließ und sich stattdessen ein wenig Enttäuschung breit machte.

Ich weiß nicht genau, woran es liegt: Ob mir einfach der Vergleich zu Agatha Christie  „im Nacken saß“ und Erwartungen geweckt hat, die der Roman dann doch nicht halten konnte; oder ob mir die Handlung auch ohne diesen Vergleich zu dünn gewesen wäre. Mir hat jedenfalls eine gewisse Raffinesse gefehlt, und ich habe mich dabei ertappt, wie ich beim Lesen ein wenig teilnahmslos wurde und nicht wie sonst üblich mitgerätselt habe, wer wohl der Mörder sein könnte und welche Spur ins Leere führen wird.

Obwohl bei mir der Funke leider nicht übergesprungen ist, würde ich „Tragödie auf einem Landfriedhof“ Lesern empfehlen, die „extremely cosy crime“ zu schätzen wissen. Fans von Agatha Christie würde ich dagegen eher zum Original raten.


Bewertung: 3/5

Freitag, 4. Dezember 2015

Tanja Kinkel: Schlaf der Vernunft

Dem aufmerksamen Blog-Leser dürfte nicht entgangen sein, dass ich nahezu alles lese, was es zur RAF in Buchform gibt. Sachbücher, Krimis, Bücher von Betroffenen aus Tätersicht, Bücher von Betroffenen aus Opfersicht – immer her damit. Diesen Herbst hat sich Tanja Kinkel (bisher hauptsächlich bekannt für ihre historischen Romane) dem Thema gewidmet und mit „Schlaf der Vernunft“ einen – wie ich finde – tollen Wurf gelandet.

Worum geht’s? Wir schreiben das Jahr 1998: die RAF löst sich offiziell auf und Martina Müller wird nach 20 Jahren Gefängnis begnadigt. Ihre Tochter Angelika soll ihrer Mutter nach der langen Haftzeit beistehen, obwohl die Verbindung zwischen den beiden eigentlich längst abgebrochen war. Um herauszufinden, ob sich ihre Mutter geändert hat, Reue in sich entdeckt, und Teil ihrer Familie werden kann, muss Angelika Martinas Spuren folgen. Von der Sympathisantin, über die Illegalität und dem Gängelband der Stasi, bis hin zum großen Attentat. Aber nicht nur sie. Durch die Begnadigungen gibt es zwar Ex-Terroristen – aber Ex-Opfer gibt es nicht, denn deren Leid verjährt nie.

Im letzten Satz dieser kurzen Zusammenfassung klingt es schon an: es geht hier nicht nur um eine ehemalige Terroristin und die Frage, wie es nach der Begnadigung mit ihr weitergeht (in dieser Form nähert sich beispielsweise Bernhard Schlink in seinem Roman „Das Wochenende“ dem Thema). Tanja Kinkel beleuchtet in ihrem Roman unterschiedliche Seiten und der Plot entfaltet sich aus mehreren Perspektiven und auf zwei Zeitebenen (heute vs. „damals“). So wird beiden Seiten Raum gegeben: der Täter- wie auch der Opferseite. Neben Martina und deren Tochter Angelika sind beispielsweise einige Betroffene des vorher erwähnten „großen Attentats“ auf Staatssekretär Werder zentrale Figuren: Steffen Seidel, der damals als Personenschützer tätig war und als einziger das Attentat überlebte; Michael Werder, Sohn des ermordeten Staatssekretärs; Alex Gschwindner, Sohn des ermordeten Chauffeurs. Aber auch Martinas Jugendfreundin Renate kommt vor, die eine für die damalige Zeit typische Karriere hingelegt hat: von der Sympathisantin zur Grünenpolitikerin (siehe Fischer oder Ströbele).

Zusätzlich arbeitet Tanja Kinkel immer wieder ganz grundsätzliche Dinge zur RAF und deren Gedankengut ein, die in dieser Form auch in Stefan Austs Grundlagenwerk „Der Baader-Meinhof-Komplex“ stehen könnten. Auf dieser Art wird der Roman super unterfüttert und man findet sich vermutlich auch gut in der Handlung zurecht, wenn man bisher noch nicht so viel über die RAF wusste. Und anhand von Martinas Werdegang von der unbedarften Schülerin, die zur Zeit des Schah-Besuchs 1967 zum ersten Mal Demos und Polizeigewalt erlebt über die Sympathisantin bis hin zur Terroristin bekommt man einen sehr guten Eindruck davon, welche Dynamik die Dinge in den späten 60ern und danach hatten.

Was mir sehr gut gefallen hat: Tanja Kinkel verzettelt sich zu keiner Zeit zwischen den unterschiedlichen Zeit- und Erzählerperspektiven, der Krimihandlung und der „Informationsebene“ wie ich es jetzt einfach mal nenne. Sie macht es dem Leser möglich, jederzeit den Überblick zu behalten – und da ich bereits einige RAF-Romane gelesen habe, weiß ich, dass das kein leichtes Unterfangen ist.

Jedem, der sich mit diesem spannenden Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigen möchte, ist „Schlaf der Vernunft“ absolut zu empfehlen!


Bewertung: 4/5

Dienstag, 10. November 2015

Henriette Hell: Achtung, ich komme!

So, meine Lieben – heute geht’s mal ans Eingemachte: Let’s talk about Sex! Vor einigen Tagen hatte ich „Achtung, ich komme“ als Rezensionsexemplar im Briefkasten (vielen Dank an Blanvalet!) und habe mich auf der Bahnfahrt zur Arbeit auch direkt ans Werk gemacht. Und so viel kann ich direkt mal verraten: das Lesevergnügen war groß!

Worum geht’s? Henriette Hell liebt Sex und ist äußerst experimentierfreudig. Dass sie beim normalen Rein-Raus keinen Orgasmus bekommt, ist für sie kein Drama – für die Herren der Schöpfung aber offenbar schon ... Die sind gekränkt, wenn es nicht klappt, und machen Stress. Das ist Henriette irgendwann zu blöd. Sie räumt ihr Konto leer und begibt sich auf eine Reise rund um die Welt. Der Plan: In jedem der bereisten Länder mit einem Einheimischen schlafen, um herauszufinden: Kommt man in anderen Ländern entspannter? Und ist der Stress rund um „the big O“ am Ende ein rein deutsches Problem?

Henriette macht sich also auf dem Weg von ihrem Hamburger Kiez in die große weite Welt: über Indien und Tibet Richtung Kairo und Tansania, ab nach New York, danach über Bangkok, Vietnam und die Türkei Richtung Frankreich, Peru und Italien. Im Fokus hat sie natürlich ihren Plan, in jedem Land Sex – möglichst mit einem Einheimischen – zu haben. Aber darüber hinaus lernt sie auch viel über sich selbst, über ihren Körper und über die Einstellung, die man in unterschiedlichen Ecken der Welt zu gewissen Dingen rund ums Lieben, Daten und Vögeln hat. Und genau das fand ich eigentlich viel spannender als die Frage, wo sich die vermeintlich besten Liebhaber tummeln und was genau diese so umwerfend macht.

Ich nenne mal zwei Beispiele: sicher ist den meisten bekannt, dass es in Indien in Sachen Dating und Liebe komplett anders abläuft als hierzulande. Man sucht sich seinen Partner nicht selbst aus, sondern wird von den Eltern verheiratet. Oft wissen Jungs und Mädchen schon im Kindesalter, wen sie später einmal heiraten werden – was nicht bedeutet, dass sie den künftigen Gatten bzw. die Ehefrau auch persönlich kennen. Darüber hinaus ist es Frauen verboten, einfach so einen  Mann auf der Straße anzusprechen, es sei denn, er ist beispielsweise Straßenhändler und sie kaufen etwas von ihm. Völlig andere Rahmenbedingungen also, als wir sie aus Deutschland kennen, und plötzlich wird die Sorge um die Orgasmusfähigkeit zum absoluten Luxusproblem.    

Auch was Henriette in Tansania erlebt, regt zum Nachdenken an. Sex-Tourismus kennt man ja meistens im Zusammenhang mit Männern: ab nach Thailand oder auf die Philippinen und dort eine möglichst hübsche Dame gekauft: für eine Nacht, für ein paar Tage – oder direkt für immer (oder zumindest, bis einer von beiden die Scheidung einreicht). In Afrika lernt Henriette den umgekehrten Fall kennen: deutsche Frauen, die den gängigen Schönheitsidealen hierzulande nicht entsprechen, werden dort vergöttert und haben abends beim Weggehen an jeder Hand drei potenzielle Verehrer. Und so mancher Dame ist dieses Gefühl des Begehrtwerdens ihren Jahresurlaub und einen großen Batzen Geld wert – und zwar über viele Jahre hinweg.

Es sind Betrachtungen wie diese, die mich das Buch förmlich aufsaugen ließen und die auch noch nach der Lektüre nachhallen und einen über gewisse Dinge nachdenken lassen.

Was die Autorin angeht… nun ja. Sie nimmt Drogen, von denen sie nicht weiß, was drin steckt (und die sie wiederum von Männern zugesteckt bekommt, die sie nicht kennt). Sie folgt Männern scheinbar völlig unbedarft und sorglos durch fremde Städte und Länder(auch mal mehreren auf einen Schlag)- in einem Moment sitzt sie noch gedankenverloren im Schlossgarten von Versailles, im nächsten kommt ein schöner Franzose des Weges und kurz darauf treiben sie es auch schon im nächstgelegenen Gebüsch. Ich will darüber nicht weiter urteilen, es ist ja quasi auch Prinzip des Buches und ihr Verhalten vielleicht Grundbedingung, damit ihr Vorhaben überhaupt erst gelingen kann…

Unterm Strich möchte ich euch das Buch auf jeden Fall gerne weiterempfehlen!

Bewertung: 4/5  

Montag, 2. November 2015

Sandra Grauer: Wo das Chaos hinfällt

Sandra Grauer kannte ich bereits von ihrem Roman „Schorle für dich“, den ich letztes Jahr im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks lesen durfte und der mir damals richtig gut gefallen hat. Daher musste ich auch nicht lange zögern, mich für die Leserunde ihres neuen Buches zu bewerben - und wurde auch direkt ausgelost.

Worum geht es? Haus, Hund, Mann und zwei Kinder: in Gedanken kann sich Buchhändlerin Laura das bereits in den schönsten Farben ausmalen. Aber in der Realität sieht es leider anders aus: 30, Single, kinderlos – aber immerhin mit Hund. Nach einem unverbindlichen One-Night-Stand von Hundedame Princess steht jedoch plötzlich Nachwuchs ins Haus. Der Welpenvater gehört ausgerechnet dem chaotischen Boris Albrecht, mit dem sich Laura schon in der Buchhandlung regelmäßig kabbelt. Da ihre Hündin aber ein geordnetes Familienleben haben soll, nimmt Laura Herrchen samt Hund in die Pflicht. Zwischen Ultraschallterminen und zerkauten Schuhen kommen Laura und Boris sich näher. Zwei Welten prallen aufeinander, und am Ende steht die Frage: Kann aus Ordnung und Chaos wirklich Liebe werden?

Man sieht schon anhand der Zusammenfassung: „Wo das Chaos hinfällt“ ist der klassische leichte Liebesroman mit relativ klarem Ausgang – aber der Weg zum Happy End hat mir großen Spaß gemacht! Sandra Grauer hat ein Händchen dafür, liebenswerte Charaktere zu erschaffen, die man am liebsten in den eigenen Freundeskreis aufnehmen möchte. Auch die Nebenfiguren sind sehr liebevoll angelegt und bekommen genügend Raum, sich wirklich als Charaktere zu entfalten und nicht nur als „schmückendes Beiwerk“ mitzulaufen. Man wird richtig in die Handlung rein gezogen und fühlt sich nicht nur als außenstehende Beobachterin, sondern mittendrin. Das schafft nicht jede Autorin.

Klare Leseempfehlung für alle, die ein Faible für Liebesromane mit einer großen Portion Humor und teilweise auch Situationskomik haben.

Bewertung: 4/5

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Camille Anseaume: Ein ganz kleines Glück

Schon als ich die Vorschau des List Verlags in der Hand hatte, wusste ich, dass dieser Roman zu meiner Pflichtlektüre gehören wird. Ich fand und finde die Ausgangssituation einfach wahnsinnig spannend und bin der Meinung, dass sie sich geradezu aufdrängt, literarisch bearbeitet zu werden.  

Worum geht’s? Wir begleiten Camille, die direkt auf der ersten Seite mit einem positiven Schwangerschaftstest in der Hand vor uns sitzt – dummerweise teilt sie mit dem Vater des Kindes jedoch nicht viel mehr als ihr Bett, von einem Wunschkind kann also nicht die Rede sein. Am liebsten wäre es Camilles Affäre sogar, dass sie das Kind abtreiben lässt, und als sie nicht sofort einwilligt, verschwindet er aus ihrem Leben. Für Camille beginnen nun Wochen voller Fragen und Zweifeln, die sie mit Pro- und Contra-Listen füllt: Soll sie das Baby behalten – allein, als freie Journalistin in Paris, die lieber im Café sitzt als auf Kinderspielplätzen? Oder lieber doch abtreiben? Natürlich mischen sich Eltern und Freunde mit guten oder zumindest gut gemeinten Ratschlägen ein – aber letztendlich muss Camille selbst zu einer Entscheidung finden.

Ihr kennt doch sicher diese Fragen, die beginnen mit „was würdest du tun, wenn…?“ – Nun, ich finde, es gibt im Leben Situationen, über die man in der bloßen Theorie nicht wirklich entscheiden kann. Situationen, von denen man im Vorfeld nicht sicher beurteilen kann, wie man reagieren würde. Ungewollt schwanger zu werden von einem Mann, den man sich eigentlich nicht als Vater seines Kindes vorstellen kann oder der dieses entschieden ablehnt, gehört für mich dazu. Welche Fragen und Gefühle in so einem Moment auf einen einprasseln, wenn eben nicht nur theoretisch, sondern ganz tatsächlich neues Leben in einem wächst, weiß man wohl tatsächlich erst, wenn dieser Fall eintritt. Das wird auch in „Ein ganz kleines Glück“ deutlich. Camille macht eine wahre Gefühlsachterbahn durch und pendelt zwischen dem klaren Wunsch nach einer Abtreibung einerseits und zarten Annäherungsversuchen an ihr Ungeborenes andererseits. Mal wirkt sie fest und unerschütterlich entschlossen, kurz darauf wiederum wie ein ratloses Fähnchen im Wind.

Ich fand es rasend spannend, Camille auf dieser Achterbahnfahrt zu begleiten, ihren Gedanken, Sorgen und Hoffnungen zu folgen und mir dabei natürlich auch gelegentlich zu überlegen, wie es mir wohl an ihrer Stelle ginge. Ich weiß nicht, inwiefern die Autorin selbst schon einmal in so einer Situation war oder sie in ihrem direkten Umfeld miterlebt hat, aber für mein Empfinden hat sie einen sehr treffenden Ton gefunden. Auch die Gedanken, die Camille im Kopf hat oder in Gesprächen mit anderen Leuten äußert, wirkten durchaus realistisch auf mich – aber natürlich sind da manchmal auch Dinge dabei, die einen schlucken lassen. Wenn Camille beispielsweise ihrem Ungeborenen in Gedanken sagt, dass es sich in ihrem Bauch gar nicht erst heimisch fühlen soll, da es eh nicht lange bleiben wird… Aber ich finde es mutig und wichtig, dass auch solchen Gedanken Platz eingeräumt wird und die Autorin nichts weichspült.

Zu welcher Entscheidung Camille letztendlich gelangt, kann man zwar bereits der Umschlaginnenseite entnehmen, aber ich will es an dieser Stelle dennoch nicht verraten, falls sich jemand überraschen lassen möchte.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für diesen stillen, bewegenden Roman und ich werde sicher die Augen offen halten, wann Madame Anseaume ein Nachfolgewerk an den Start bringt.

Bewertung: 4/5

Montag, 7. September 2015

Astrid Rosenfeld: Zwölf Mal Juli

Ich werde ja nicht müde, es zu betonen: ein Buch aus dem Hause Diogenes ist in 9 von 10 Fällen ein ziemlicher Volltreffer – sowohl bei Autoren, die man ohnehin schon kennt und mag, aber auch wenn man mal bewusst zu Büchern von Debütautoren greift oder den Roman eines Autors zur Hand nimmt, von dem man bisher nichts gelesen hat. So geschehen mit „Zwölf Mal Juli“ von Astrid Rosenfeld. Die anderen Romane der Autorin kenne ich bisher nur vom Hörensagen, aber ihr neuester hat mich so angefixt, dass sich das sicher bald ändern wird.

Worum geht’s? „Ich komme am 24. Mai. Bist du da? Hoffe, alles gut bei dir? – Jakob “ – diese Email findet Juli eines Tage in ihrem Posteingang. Drei Zeilen von Jakob, der ihr einst sehr nahe stand, bevor er aus dem Nichts heraus verschwand. Juli ist Schriftstellerin, hortet in ihrer Wohnung Stapel unbezahlter Rechnungen, schart eine Reihe kurioser Freunde und Bekannten um sich und neigt zur Träumerei. Nun bleiben ihr zwölf Tage, bis sie Jakob wiedersieht, den Mann, der ihr das Herz gebrochen hat. An jedem dieser Tage trifft sie auf einen anderen Menschen.

Wir begleiten Juli also über den Zeitraum von zwölf Tagen. An jedem davon trifft sie irgendeinen Menschen, von ihrer Mutter über ihren Literaturagenten bis hin zu einem ihr völlig unbekannten Kind. Und sie versucht, eine Entscheidung zu treffen: will sie Jakob wiedersehen oder nicht? Mit manchen der zwölf Menschen redet sie über diese Frage – ein paar davon kennen Jakob auch –, mit anderen nicht. Und gleichzeitig stellt sie sich immer wieder selbst die Frage nach dem „Warum?“. Warum verschwand Jakob plötzlich? War ihre Beziehung unwichtig genug, um sie ohne weiteres und quasi über Nacht aufzugeben? In Gedanken spielt Juli so manches Mal Szenen dieser Beziehung durch und frägt sich, an welcher Stelle vielleicht etwas schief gelaufen sein könnte – welche Frau kennt dieses Spielchen nicht…? Dabei erfahren wir nicht nur ein paar Dinge über die Beziehung zu Jakob, sondern lernen auch Juli mit all ihren Eigenheiten, kuriosen Charakterzügen und Unsicherheiten ein bisschen besser kennen.

Ich habe dieses Buch wirklich sehr gern gelesen. Natürlich könnte man der Autorin ankreiden, dass die zwölf einzelnen Begegnungen sehr kurz und an der Oberfläche gehalten sind und dass dadurch vieles offen und irgendwie wabernd bleibt – ja, das stimmt, und bei so mancher Figur hätte ich mir tatsächlich gewünscht, sie etwas näher kennenlernen zu dürfen. Aber gleichzeitig haben diese Verknappung und die schnellen Wechsel auch durchaus ihren Charme und da die Autorin ihrer Linie so konsequent treu bleibt habe ich mich auch nicht daran gestört oder den Roman in irgendeiner Form als unvollständig erachtet. Im Gegenteil, ich fand es sogar ganz erfrischend – vielleicht, weil mich der Roman zu einem Zeitpunkt erwischt hat, an dem ich auch im echten Leben meinen Frieden damit gemacht habe, dass manche Fragen eben einfach unbeantwortet bleiben oder es für gewisse Dinge auch schlicht keine zufriedenstellende Erklärung gibt. Und dass nicht nur ein Ende, an dem alle Fäden zufriedenstellend zu einem großen Ganzen verwurschtelt worden sind, ein gutes Ende ist.

„Zwölf Mal Juli“ ist ein stilles Buch für Menschen, die kuriose Figuren zu schätzen wissen und gerne ganz genau lesen, um nur ja nichts zu verpassen – denn genau das würde passieren, wenn man sich von diesem dünnen und luftig gesetzten Buch dazu verleiten ließe, ein hohes Lesetempo anzuschlagen. Es wäre schade, denn die Raffinesse liegt bei Astrid Rosenfeld im Detail, und in so manchem Absatz verbirgt sich ein kleines Schätzchen, das einen überrascht, wissend schmunzeln oder innehalten lässt. Klare Leseempfehlung!


Bewertung: 4/5 

Dienstag, 18. August 2015

Nina Blazon: Liebten wir

„Manchmal muss man auf eine Reise gehen, um anzukommen“, heißt es auf der Seite des Ullstein-Verlags – und genau das ist auch die Ausgangssituation von Nina Blazons „Liebten wir“. Im Roman begleiten wir Moira und Aino auf ihrer Reise nach Finnland. Für die eine wird dieser Roadtrip zur Reise in die Vergangenheit, für die andere zu einer Reise weg von ihrer Vergangenheit und hin zu einer neuen Zukunft.

Worum geht’s? Verstohlene Blicke, versteckte Gesten, die Abgründe hinter lächelnden Mündern: Fotografin Mo sieht durch ihre Linse alles – und oft genug benutzt sie sie auch, um sich dahinter zu verstecken. Denn wenn sie der Welt ohne den Filter ihrer Kamera begegnen soll, wird es kompliziert. Das Verhältnis zu ihrer Schwester ist von gegenseitiger Argwohn und Missgunst geprägt, von ihrem Vater hat sie sich entfremdet. Umso mehr freut sich Mo auf das Familienfest ihres Freundes Leon. Doch das endet in einer Katastrophe und Mo will nur noch fliehen. Gemeinsam mit Aino, Leons eigensinniger und etwas gebrechlichen Großmutter, startet sie durch. Ab nach Finnland. Es wird eine Reise mit vielen Umwegen für die beiden grundverschiedenen Frauen; eine Reise, die beide verändern wird.

Wir begleiten also ein sehr ungleiches Duo auf einem völlig übers Knie gebrochenen Roadtrip, und wie schon angedeutet, liegt der Reiz daran für beide unterschiedlich begründet: Aino reist zurück in ihre Jugend und damit die Vergangenheit, weil es für sie in Finnland noch „unfinished Business“ gibt. Wir begleiten sie in ihren Erinnerungen und Erzählungen zurück bis in die Zeit des zweiten Weltkriegs und den Freundschaften (und vielleicht auch Lieben?), die damals entstanden sind. Moira dagegen kann gar nicht schnell genug von ihrer Vergangenheit fliehen. Bei ihr liegt im familiären Umfeld sehr vieles im Argen und es gibt einige düstere Erinnerungen, die unter der Oberfläche brodeln und nur darauf warten, aufgearbeitet zu werden.

Mit 560 Seiten ist dieser Roman eher von der dickeren Sorte – und ich muss zugeben, dass er für mich neben vielen tollen und packenden Passagen auch seine Längen hatte, durch die ich mich ein wenig durchquälen musste. Als Grund dafür habe ich zwei Punkte ausgemacht: zum einen taugt leider keiner der Charaktere zum Sympathieträger, und ich finde, bei einem so dicken Roman fällt das deutlich mehr ins Gewicht, als wenn man das Personal eines Romans nur 200 Seiten lang begleitet. Wenn man so viel Zeit mit einem Roman verbringt, sehnt man sich ab und an dann doch nach einer Figur, mit der man aufrichtig mitfühlt, weil sie einem wirklich nahegeht. Natürlich berührt einen sowohl Moiras Geschichte als auch die von Aino auf einer gewissen Ebene – aber für mich persönlich blieb dabei immer ein Rest Distanz.  

Der zweite Punkt liegt für mich in der Erzählstruktur gepaart mit der generellen Stimmung im Roman begründet: wir haben einerseits die Handlung in der Gegenwart und andererseits zusätzlich die Rückblenden von Moira und Aino, die wiederum beide recht vielschichtig sind (wenn Moira zurückdenkt, dann denkt sie teilweise an ihren Vater, teilweise aber auch an enge Freundinnen oder ihre Zeit in Irland). Da muss man schon ziemlich aufpassen, alle Fäden sauber getrennt in den Händen zu behalten – und ich meine, dass einem das besser gelingt, je näher einem die Figuren gehen. Noch dazu haben wir ein eher düsteres Setting, das mir zwar gut gefiel – Finnland at its best – aber in Kombination mit den vielen schwermütigen und traurigen Erinnerungen der beiden Damen auch ein wenig auf die Stimmung drückte. Ich würde den Roman zumindest eher für dunkle Herbstabende am Kamin empfehlen als für tropische Temperaturen jenseits der 30 Grad :-)

Nun, ihr merkt schon: mir taugte „Liebten wir“ leider nicht so sehr – aber ich würde den Roman auf jeden Fall Leuten empfehlen, die sich so richtig gerne in komplexe Familiengeschichten eingraben und auch ein Faible für psychologisch interessante Figuren haben.   


Bewertung: 3/5

Mittwoch, 12. August 2015

Victoria Seifried: Liebe zum Nachtisch

Da sitze ich nun und überlege, wie ich zwei Dinge zusammenbringe, die eigentlich nicht zusammen passen: einerseits habe ich „Liebe zum Nachtisch“ innerhalb von knapp zwei Tagen verschlungen und wollte permanent wissen, wie es weitergeht. Andererseits habe ich zwei ganz große Kritikpunkte, die mir die Lesefreude etwas getrübt haben, und komme unterm Strich daher auch nicht zu einer uneingeschränkten Leseempfehlung. Aber fangen wir von vorne an…

Worum geht’s? Helena ist 26, wohnt in Berlin und hat kürzlich ihr Zweistudium angefangen, das ihr jedoch leider nicht so wirklich liegt. Die Beziehung mit ihrem langjährigen Freund Rainer ist in etwa so spannend wie Staubsaugerbeutel und die Schildkröte Pirmin – ihr Lebensberater und Orakel in Personalunion –, kann sie auch nicht dazu bewegen, ihr Leben umzukrempeln. Doch das ändert sich schlagartig, als sie ihrem Traummann Jeffrey begegnet. Die beiden verbringen eine aufregende Nacht und Helena ist im siebten Himmel. Doch am nächsten Morgen muss Jeff nach New York fliegen. Für Nesthocker Helena, deren bisher einzige Reise nach München ging, eine quasi unüberwindbare Distanz – aber Jeff niemals wieder sehen? No way! Sie packt ihre Koffer und reist ihm nach. Aber wie soll sie ihn nur anhand seines Vornamens aufspüren?

Wie schon eingangs erwähnt: ich fand den Roman durchaus unterhaltsam und habe ihn eigentlich gerne gelesen. Kommen wir nun aber zu zwei Punkten, die meine Lesefreude dann doch etwas getrübt haben. Zum einen ist mir Helena eindeutig zu kindlich für einen Roman, der eben nicht in der Jugendbuchabteilung liegt, sondern bei den „erwachsenen“ Frauenromanen. Ich musste mir beim Lesen ein ums andere Mal in Erinnerung rufen, dass die gute Dame bereits 26 Jahre alt ist, denn sie wirkt in ihrem Auftreten und ihrer teils sehr naiven Sicht aufs Leben eher wie maximal 19. Das Zeug zur Sympathieträgerin hatte sie daher für mich leider nicht. Die anderen Charaktere haben da teilweise schon interessantere Züge, bleiben jedoch eher flach.

Der zweite Punkt hängt damit zusammen, weshalb ich mich überhaupt erst für diesen Roman interessiert habe: New York City. Ich liebe NYC und war mehrmals dort, das letzte Mal acht Wochen am Stück. Daher lese ich auch ungemein gerne Romane, die in der Stadt spielen. Denn ganz oft gelingt es Autoren, das ganz besondere Flair dieser Stadt einzufangen und mich auf neue Dinge zu stoßen – seien es Stadtteile, Restaurants, coole Läden, Parks, Eigenheiten der New Yorker, was auch immer… Nicht so Victoria Seifried. Ich frage mich, ob die Autorin überhaupt jemals in New York war oder ob sie einfach kurz durch einen Reiseführer geblättert hat? Das New York, das sie in ihrem Roman beschreibt, bleibt vollkommen im Klischee behaftet. Helena pendelt zwischen Central Park (dort ist sie quasi jeden Tag) und Fifth Avenue hin und her – für volle zwei Wochen. Einmal ist sie kurz in Chinatown und gefühlte zwei Sätze lang auch in SoHo. Das Village? Chelsea? Die Upper West Side? Williamsburg? Die Lower East Side? Finden nicht statt. Davon mal ganz abgesehen läuft Helena seltsame Wege, die eigentlich nicht möglich sind. Aus dem Central Park – der in der 59th Street anfängt – heraus will sie zur 5th Avenue laufen (wohin auch sonst…) und steht nach ein paar Schritten vor Macy’s in der 34th Street. Wie das möglich ist, weiß wohl alleine die Autorin. 

So, und wie lautet nun mein Fazit? Nun, wer gerade auf der Suche nach einem Roman ist, der einen einfach nur sanft berieselt und gut unterhält, und für wen im Gegensatz zu mir der Handlungsort unwichtig ist – der soll gerne zugreifen und wird sicher auch seinen Gefallen an diesem Roman finden. Eingefleischte NYC-Fans und Leserinnen, die ihre Romanfiguren gerne etwas erwachsener und reflektierter mögen, werden dagegen vermutlich eher enttäuscht sein. 


Bewertung: 3/5

Donnerstag, 6. August 2015

Zwei auf einen Streich

Ihr Lieben, heute bekommt ihr nicht wie sonst eine Rezension, sondern direkt mal ein Doppelpack vorgestellt. Beide Bücher habe ich kürzlich beendet und beide haben mich gut unterhalten – ein eindeutiger Favorit wird sich aber trotzdem herauskristallisieren :-)

Max Küng: Wir kennen uns doch kaum

Man muss schon sagen: das hat der Rowohlt Verlag clever gemacht. Wenn man sich die Verlagstexte rund um "Wir kennen uns doch kaum" durchliest, kommt man nicht umhin, sofort Daniel Glattauers „Gut gegen Nordwind“ und dessen Fortsetzung "Alle sieben Wellen" in Erinnerung zu haben und - sofern man diese Romane mochte - schnell zugreifen zu wollen: Moritz schreibt Meta. Meta schreibt zurück. So geht das, monatelang. Aber es ist kompliziert. Sie lebt nicht allein und in Berlin. Er in einer kleinen Stadt in der Schweiz. Nie sehen sie sich. Nie hören sie ihre Stimmen. Irgendwann fangen sie an, sich SMS zu schreiben, in einem Monat 837 Stück. 

Was man dann jedoch bekommt, hat nur ganz minimal mit Glattauers beiden Romanen zu tun. Wir haben bei Küng keine Aneinanderreihung von SMS und Emails, sondern dazwischen auch sehr viel normale Prosa, und wir konzentrieren uns auch nicht ausschließlich auf die beiden Hauptfiguren, sondern bekommen auch einiges aus deren Umfeld mit. Außerdem hat Küng ein paar wirklich schöne Ideen in den Roman eingeflochten, beispielsweise wenn Meta und Moritz "zusammen" ins Kino gehen - sie in Berlin, er in seiner Schweizer Kleinstadt, in einen Film der in beiden Städten gleichzeitig läuft. Dennoch muss ich sagen: das Personal in diesem Roman blieb mir etwas fremd. Ich konnte mich für keinen davon erwärmen, worunter dann auch mein Bezug zum Geschehen litt - es war mir eigentlich nahezu egal, ob die beiden sich am Ende bekommen, ein wirkliches Mitfiebern hat sich nicht eingestellt.
Meine Bewertung daher: 3/5

Jan Brandt: Tod in Turin


Eines der bisherigen Highlights dieses Jahr ist für mich „Tod in Turin“ von Jan Brandt. Es genügte, kurz in der Buchhandlung Daumenkino durchs Buch zu machen, und schon war es gekauft. Denn was alleine gestalterisch zwischen den Buchdeckeln abläuft, ist schon klasse: Illustrationen, Fußnoten, geschwärzte Stellen, eine Tabelle mit Suizidfällen großer Autoren... Es ist wirklich etwas komplett anderes als man sonst überwiegend geboten bekommt.  

Kurz zur Handlung: wie die meisten von euch wissen werden, stand Jan Brandt 2011 mit seinem Roman "Gegen die Welt" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Im Anschluss daran begann, wie er es nennt, eine Zeit des permanenten Ausnahmezustandes: Lesungen in allen Winkeln Deutschlands, ca. 60 innerhalb von acht Monaten, dazu Interviews und das ganze Pipapo, das man als "Beinahepreisträger" zu absolviere hat. Und schließlich der mehrtägige Besuch der Turiner Buchmesse, wiederum mit Lesungen, Interviews, Einladungen, bla bla. 

Genau über diese Zeit berichtet Brandt, und was dabei herausgekommen ist, lässt sich nicht so ganz benennen: ein Roman über den Literaturbetrieb? Eine Reisereportage? Eine Ansammlung von Alltagsbetrachtungen? Künstlerroman? Im Endeffekt ist das aber auch völlig unerheblich, denn wichtig ist nur: "Tod in Turin" ist ungemein unterhaltsam! Wenn man auf (selbst)ironische Erzähler steht, sich für die Mechanismen von Literatur und Literaturbetrieb interessiert, kluge Betrachtungen und auch mal einen kleinen philosophischen Ausflug mag, der sollte unbedingt zugreifen. Ganz klare Leseempfehlung!
Meine Bewertung: 5/5   

Montag, 20. Juli 2015

Sophie Kinsella: Finding Audrey

Dass sich ein Autor mal auf einem komplett neuen Feld ausprobiert, kommt ja nicht allzu oft vor – Sophie Kinsella hat es jetzt gewagt, und zwar gleich im doppelten Sinne: weg von der chick lit hin zum Jugendbuch; und statt locker-leicht-lustigen Charakteren steht dieses Mal ein junges Mädchen im Fokus, das unter Angstzuständen leidet. Ich war im Vorfeld daher wirklich sehr gespannt darauf, mit diesem Roman eine ganz andere Seite von Sophie Kinsella kennenzulernen.

Worum geht’s? Audrey ist Mitglied einer ziemlich durchgeknallten Familie: Ihr Bruder verbringt sein Leben vor dem Computer, ihre Mutter ist eine hysterische Gesundheitsfanatikerin, die der Tageszeitung mehr vertraut als dem gesunden Menschenverstand, und ihr Vater ein charmanter, mitunter leicht verpeilter Teddybär. Und Audrey selbst? Die versteckt sich aufgrund einer Angststörung hinter ihrer Sonnenbrille – bloß niemandem in die Augen schauen und am liebsten keine Nähe zulassen! Als sie eines Tages auf Anraten ihrer Therapeutin beginnt, einen Dokumentarfilm über ihre verrückte Familie zu drehen, gerät ihr dabei immer häufiger der Freund ihres großen Bruders vor die Linse: Linus…

Ich will jetzt gar nicht weiter um den heißen Brei herumreden: ich fand es ganz wunderbar, diesen Roman zu lesen! In einem Rutsch war er komplett verschlungen und die Seiten flogen nur so dahin. Sophie Kinsella gelingt der Spagat zwischen Audreys Problemen und Sorgen einerseits und einer fein dosierten Portion Komik andererseits sehr gut. Ich war im Vorfeld wirklich gespannt, wie sie dieses ernste Thema meistern würde, da ich bisher nur locker-leichte Lektüre von ihr kenne – und ich bin wirklich sehr angetan! Ich finde, sie bekommt es toll hin, dass man zwar mit Audrey mitfühlt, sie ernst nimmt und durch ihre Geschichte auch zum Nachdenken angeregt wird – aber andererseits dennoch viel Spaß beim Lesen hat und nicht in den Mitleids- oder Trauermodus verfällt.

Audrey selbst ist sehr sympathisch und ich finde es spannend, dass man als Leser ihre Gedanken sehr ungefiltert mitbekommt und dadurch einen anderen Zugang zu ihr hat als die Menschen in ihrem Umfeld. Auch wenn man nie bis ins letzte Detail erfährt, was der Ausgangspunkt für Ihre Ängste war, kommt man ihr als Leser recht nahe. Und wie ich eingangs schon angedeutet habe, gelingt es mir der Zeit auch Linus, ihre Barriere zum Bröckeln zu bringen – er ist für mich ohnehin der geheime Star dieses Romans und eine sehr liebenswerte Figur.

Mein Fazit: gelungenes Debüt von Sophie Kinsella im Bereich Jugendbuch – ein toller Roman für Jugendliche aber auch junge Erwachsene!
Auf Deutsch ist der Roman übrigens bei cbj erschienen unter dem Titel "Schau mir in die Augen, Audrey".

Bewertung: 5/5

Montag, 6. Juli 2015

Kristine Bilkau: Die Glücklichen

Wie rezensiert man ein Buch, das einen so vom Hocker gerissen hat, dass man vor lauter Überwältigung überhaupt nicht weiß, wie man die richtigen Worte dafür finden und ihm gerecht werden soll? Weil man sich so viele Textstellen markiert hat, die einen in ganz besonderer Form berührt haben und die man gerne erwähnen möchte – aber andererseits am liebsten einfach nur schreiben möchte: „Lest es! Flott!“ Beginnen wir mal der Reihe nach…

Worum geht’s? Vordergründig geht es um Isabell und Georg sowie deren Sohn Matti. Eigentlich könnten sie eine glückliche kleine Familie sein – doch die Fassade bröckelt. Isabells Karriere als Cellistin steht auf dem Spiel, als sie das unkontrollierte Zittern ihrer Hände nicht mehr in den Griff bekommt. Georgs Stelle als Journalist bei einer Tageszeitung wird weg rationalisiert. Dazu kommt, dass sich die beiden auch erst noch in ihre Elternrolle einfinden müssen. Der Druck und die Verunsicherung wachsen ebenso wie das Schweigen und die stillen oder auch lauteren Vorwürfe zwischen den beiden.

Schon auf den ersten Seiten fiel mir die tolle Sprache von Kristine Bilkau auf: sehr präzise, klar und auf den Punkt. Dennoch war mein Lesetempo deutlich langsamer als sonst, da die Sätze trotz ihrer Klarheit recht komplex sind und ich den Eindruck hatte, dass mir sehr leicht etwas entgehen könnte, wenn ich zu schnell werde. Und trotz ihrer „Stille“ schlugen einige der Sätze für mich ein wie eine Bombe. Gerade wenn man auch selbst im Alter von Isabell und Georg ist, fühlt man sich quasi ständig persönlich angesprochen. Egal, ob es Dinge sind, die einem gerade selbst unter den Nägeln brennen oder ob es Geschichten aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sind, an die man spontan erinnert wird – einen Nerv trifft der Roman in jedem Fall.

Hierzu trägt meiner Meinung nach auch die Art der Figurenzeichnung bei: sowohl Isabell als auch Georg sind beide so gezeichnet, dass man zwar ein sehr klares Bild von beiden vor Augen hat, aber dennoch genügend auf Distanz gehalten wird, um die beiden beinahe wie durch ein Mikroskop beobachten und analysieren zu können. Anhand der Figurenzeichnung wird man nicht dazu verleitet, eindeutig für einen von beiden Partei zu ergreifen, sondern kann die Handlungen und Denkweise der beiden recht analytisch und objektiv betrachten. Und was man dadurch zu sehen bekommt, ist ein großartiges Sittengemälde unserer Zeit: wie finde ich als Frau um die 30, die scheinbar alle Möglichkeiten hat (???), meinen Platz in der Gesellschaft – ohne mich dabei verbiegen oder selbst vernachlässigen zu müssen und dem allgegenwärtigen Perfektionsdruck zu unterliegen? Welche Rolle spielt hierbei meine Partnerschaft bzw. meine Familie? Inwiefern haben der eigene Beruf und der des Partners Einfluss auf dieses Gefüge? Und was passiert, wenn eines dieser zahlreichen Mosaiksteinchen plötzlich quer liegt und Perfektion nicht (mehr) möglich ist?  Und, wenn auch eher am Rande: wie zur Hölle wird in diesem Land eigentlich mit der viel zitierten „Elite“ umgegangen? Wie kann es sein, dass man sich als Akademiker von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln muss und nicht einmal genügend Sicherheit hat, um einigermaßen beruhigt eine Familie gründen und sich dieser auch ausreichend widmen zu können?

Kristine Bilkau ist ein genialer Roman gelungen, der von scharfen und klugen Beobachtungen lebt und hervorragend zum Nachdenken und Diskutieren einlädt. Für mich ist „Die Glücklichen“ ein Buch, an dem man dieses Jahr nicht vorbeikommt. Ich hoffe, dass es möglichst viele Menschen lesen und sich vor allem auch über das Gelesene hinaus ein paar Gedanken machen – denn letztendlich tragen wir ja alle dazu bei, dass unser derzeitiges Gesellschaftssystem in genau dieser Form aufrechterhalten wird.

Bewertung: 5/5

Dienstag, 23. Juni 2015

Maike van den Boom: Wo geht’s denn hier zum Glück?

Mit dem Glück ist es ja so eine Sache: wann ist man denn wirklich glücklich? Und merkt man das in diesem Moment überhaupt und nimmt es bewusst wahr – oder ist es nicht oftmals so, dass man erst hinterher bemerkt, wie glücklich man „damals“ eigentlich war, als dieses und jenes passiert ist, man gesund war, eine schöne Beziehung hatte, jung und knackig war etc….? Und warum scheinen es die Menschen in manchen Ländern besonders gut hinzubekommen mit dem Glück und in anderen – Deutschland, hüstel – nicht so gut? Maike van den Boom wollte es genau wissen und machte sich auf eine spannende Reise durch die 13 glücklichsten Länder der Erde, von der sie uns in "Wo geht's denn hier zum Glück?" berichtet.

Worum geht’s? Eine Frau, 13 Länder und die Suche nach dem Glück – so könnte man dieses Buch zusammenfassen. Warum sind Menschen in anderen Ländern glücklicher als wir? Um das herauszufinden, reist Maike van den Boom in die 13 glücklichsten Länder der Erde, von Australien bis Kanada, von Finnland bis Costa Rica, und spricht vor Ort mit Glücksforschern, Korrespondenten, Auslands-Deutschen und Menschen auf der Straße. In einem sind sich alle einig: Glücklich zu sein ist das Wichtigste im Leben.

Ja, das stimmt wohl – aber was braucht es denn, um glücklich zu sein? Zu dieser Frage liefern das Buch beziehungsweise die Menschen, mit denen die Autorin gesprochen hat, sehr unterschiedliche und interessante Antworten.  Was ich besonders spannend finde ist, dass sich unter den glücklichsten Ländern sowohl reiche Länder wie die skandinavischen tummeln, aber auch Länder, in denen politische Probleme, hohe Kriminalität oder/und Armut herrschen – Kolumbien, Mexiko und Costa Rica beispielsweise. Wo liegt zwischen diesen ganzen Ländern der gemeinsame Nenner, wenn es Wohlstand und Sicherheit nicht sein können?

Nun, zum einen finde ich es interessant, dass in den genannten Nationen Dinge wie Status und Titel eine deutlich kleinere Rolle spielen, als wir das hierzulande kennen. Ob ich mit dem Porsche vorfahre oder mit der Straßenbahn, ob ich mehrere Doktortitel habe oder einen einfachen Hauptschulabschluss – das alles ist völlig nebensächlich. Denn es kommt auf mich als Mensch an. Nicht die materiellen Dinge, mit denen ich mich schmücke, zählen oder meine schulische Ausbildung – sondern mein Wesen, mein Charakter und die Werte, die ich lebe. In Skandinavien gibt es dazu sogar ein Gesetz, das „Jante“: denke nicht, du seist etwas Besonderes, heißt es da unter anderem.

Das bringt gleichzeitig ein hohes Maß an Gelassenheit und Entspannung mit sich: denn wenn ich mich nicht ständig darauf konzentrieren muss, irgendwelchen Dingen nachzujagen, werde ich automatisch ruhiger und zufriedener. Denken wir nur mal an die Schweizer und Finnen, denen man ja gerne nachsagt, dass sie nichts aus der Ruhe bringt.

Auch Vertrauen ist etwas, das immer wieder im Buch genannt wird. Mal ehrlich: wer von uns kann sich vorstellen, Haustüre und Auto unverschlossen zu lassen und dann einen ausgedehnten Shoppingbummel zu starten? In den skandinavischen Ländern oder Island ist das überhaupt kein Thema – denn die Menschen vertrauen einander und würden nicht im Traum daran denken, dass der nette Nachbar nur darauf warten könnte, ihnen das Goldrand-Service aus dem Schrank zu klauen.

„Wo geht’s denn hier zum Glück?“ ist ein Buch, das ich wirklich jedem ans Herz legen möchte. Es liefert neben wunderbaren persönlichen Geschichten einige interessante Denkanstöße und Aha-Erlebnisse – und weckt manchmal auch ein wenig das schlechte Gewissen, da es einem vor Augen führt, dass man doch eigentlich allen Grund hätte, sich auch schon im Jetzt und Hier glücklich zu fühlen statt nur in der Rückschau.

Bewertung: 5/5

Montag, 15. Juni 2015

Sophie Bonnet: Provenzalische Geheimnisse

Sophie Bonnet war wohl eine der tollsten Krimi-Neuentdeckungen des letzten Jahres. „Provenzalische Verwicklungen“, der erste Fall von Kommissar Pierre Durand, fand direkt viele begeisterte Leser, die Durand mit großer Freude beim Ermitteln aber vor allem auch beim Genießen der provenzalischen Küche begleiteten. Ende Mai legte sie nun mit „Provenzalische Geheimnisse“ nach und ich habe mich sehr gefreut, als ich ein Rezensionsexemplar vom Blanvalet Verlag zugeschickt bekam – vielen Dank!

Worum geht es? Im idyllischen Dorf Sainte-Valérie bereitet man sich auf die Hochzeit des Jahres vor: die Location ist bereits festlich geschmückt, es duftet nach Lavendel, und der Wildschweinbraten dreht sich am Spieß. Pierre Durand hingegen fiebert eher dem Ende der Feier entgegen, denn dann will er endlich mal wieder gemütlich ein Gläschen mit seiner neuen Freundin Charlotte trinken, die als Köchin alle Hände voll zu tun hat mit der Vorbereitung der Hochzeitsfeier. Doch so weit kommt es nicht: Der Bruder der Braut wird am Morgen der Hochzeit tot im Wald aufgefunden, nackt und von Schrotkugeln durchsiebt. War es ein Jagdunfall? Oder Mord? Pierres Ermittlungen führen ihn in die einsamen Wälder der Provence – und mitten ins Herz der Dorfgemeinschaft...

Sophie Bonnet liefert uns auch in ihrem zweiten Krimi die Provence der Urlaubskataloge und Reiseführer – und das meine ich durch und durch positiv! Denn immer, wenn ich das Buch nach ein paar Kapiteln zugeklappt habe, hatte ich den Eindruck von einem Kurzurlaub zurück zu kommen. Zwischen den Seiten blüht der Lavendel, man trifft sich auf dem Dorfplatz und spielt Boule, isst die herrlichsten provenzalischen Spezialitäten (praktischerweise gibt’s hinten im Buch ein Glossar, damit man auch weiß, was man da eigentlich auf dem Teller hat) und streift durch Landschaften, wie sie idyllischer nicht sein könnten. Für manch einen mag das schon zu viel des Klischees sein, mich dagegen stört es in diesem Fall nicht, da die Autorin immer darauf achtet, dass zwischen allem Urlaubsflair der Kriminalfall und die einzelnen Figuren nicht zu kurz kommen und sich alles die Waage hält. Da sie selbst regelmäßig in die Provence reist, greift sie in ihren Büchern außerdem auch Dinge auf, die die Menschen dort tatsächlich beschäftigen – im aktuellen Fall beispielsweise die alljährliche Wildschweinjagd, die in der Provence eine lange Tradition hat, aber natürlich nicht nur für Begeisterung sorgt, sondern auch jedes Jahr Tierschützer auf den Plan ruft und für Spannungen innerhalb der Bevölkerung sorgt.  Man bekommt also nicht nur schöne Landschaften fürs Kopfkino angeboten, sondern auch wirklich ein bisschen „Landeskunde“.  Außerdem steckt Sophie Bonnet viel Liebe zum Detail in die Charakterzeichnung und die Gestaltung ihres fiktiven Sainte-Valérie, sodass man sich wirklich mitten im Geschehen fühlt und zu jeder Figur ein klares Bild vor Augen hat. Vorne im Buch findet man sogar einen kleinen Ortsplan und kann darauf immer nachverfolgen, wo sich Pierre Durand gerade herum treibt.

Mir hat das Wiedersehen mit Pierre, Charlotte & Co. gut gefallen. Der Autorin gelingt es auch in ihrem zweiten Krimi wunderbar, den Leser gekonnt auf diverse Fährten zu schicken. Sie präsentiert mehrere Verdächtige und Motive und hält den Spannungsbogen dabei bis zum Ende aufrecht – auch ausgebuffte Krimileser werden hier ihre Freude haben! Zusätzlich spinnt sie die Liebesgeschichte, die sich zwischen Pierre und Charlotte im ersten Buch angebahnt hat, weiter und lässt auch die anderen Dorfbewohner wieder mit von der Partie sein.  

Ich hoffe, dass Sophie Bonnet noch einige Fällt für Pierre Durand und uns Leser bereit hält und freue mich schon auf die nächste Reise nach Sainte-Valérie!

Bewertung: 4/5

Mittwoch, 10. Juni 2015

Bettina Kerwien: Machtfrage

Bücher zur RAF habe ich bereits haufenweise gelesen: das Standardwerk von Aust ebenso wie zahlreiche andere Sachbücher, aber auch Romane oder Krimis. Das Thema interessiert mich wirklich brennend und daher war meine Freude sehr groß, als ich bei Lovelybooks in der Leserunde zu „Machtfrage“ von Bettina Kerwien teilnehmen durfte.

Worum geht’s in diesem Krimi? Wir befinden uns im Jahr 1993, es ist der Tag nach Bad Kleinen: Die RAF wird verraten, ihre Auflösung ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber die Mitglieder der dritten Generation werden nie gefasst. Beachtliche Geldbeträge aus Beschaffungsaktionen bleiben verschwunden. Ex-RAF-Mitglied Martin Landauer nutzt das herrenlose Geld auf seine Weise. Er räumt eines der geheimen Erddepots aus und gründet mit dem Politologen Lennard Johannson eine Stiftung, die sich der Wiedergutmachung von gesellschaftlichem Unrecht widmet. Allerdings ziehen sie damit den Hass von Staatssekretär Hans Grendel auf sich. Als auch die totgeglaubte RAF-Legende Michael Glass auftaucht, spitzt sich der Konflikt zu. Denn jeder der Beteiligten ist bereit, über Leichen zu gehen...

Ich sage euch direkt, wie es ist: ich wurde aus verschiedenen Gründen leider nicht warm mit diesem Krimi, so sehr mich das Thema auch interessiert. Im ersten Drittel hatte ich alle Hände voll damit zu tun, mich zwischen den ganzen Figuren – teils reale, teils fiktive –, Zeitsprüngen und Handlungsorten (von Berlin nach Kuwait, dann plötzlich wieder in ein Gurkenbett in Brandenburg) zurecht zu finden und überhaupt mal einen Zugang zu diesem Buch zu bekommen. Die Kapitel sind allesamt sehr kurz, springen aber wie gesagt nahezu ständig, was Zeit und Handlungsorte angeht. Zu Beginn jedes neuen Kapitels ist also erst einmal Zurückblättern angesagt, um einordnen zu können, wie viel Zeit seit den letzten Geschehnissen vergangen ist. In einen richtigen Lesefluss kam ich erst nach gut 100 Seiten, und auch dann war irgendwie noch beständig Sand im Getriebe.

Der Grund: mir war der Krimi leider einfach zu überladen – sowohl, was die Handlung angeht, als auch sprachlich. Habe ich in meinerletzten Rezension noch hervorgehoben, wie wohl dosiert Doris Dörrie mit Adjektiven und Stilmitteln umgeht, muss ich hier leider kritisieren, dass Bettina Kerwien für meinen Geschmack etwas zu sehr in die Vollen greift. Adjektive und Vergleiche, soweit das Auge reicht. Das hat zur Folge, dass das eigene Kopfkino und die Phantasie, sich selbst Bilder zu schaffen, völlig lahmgelegt werden. Ganz davon abgesehen, dass einen die Bilder manchmal auch etwas achselzuckend zurücklassen und nicht wirklich zur Aufwertung eines Satzes beitragen – ich denke da an Sätze wie: „Seine Stimme strahlte“, „Ihre Augen weiteten sich, als zerriss sie der Teufel“ oder „Ein hysterisches Zittern schüttelte ihn. Aber das war nicht, was er wirklich fühlte. Da war sofort wieder diese manische Hoffnung.“ Und leider erinnerte mich das Ganze teilweise auch ein wenig an Heftchenroman. Ein Beispiel: „Alis Körper war ein Anachronismus, der Körper eines Kriegers. Eine aussterbende Art. […] Das Sonnenlicht verwandelte sein Kreuz in eine Landschaft aus Blut, Muskeln und Narben.“  Manchmal wäre weniger eindeutig mehr gewesen.  
Leider ließ mich dieser Krimi also ziemlich enttäuscht zurück. In der Leserunde erwähnte Bettina Kerwien, dass sie ihr ursprüngliches Manuskript aufgrund von Verlagsvorgaben um 250.000 Zeichen kürzen musste – meiner Meinung nach hat der Verlag der Autorin damit keinen Gefallen getan und den Krimi durch dieses rigorose Eindampfen eher geschwächt.

Bewertung: 2/5



Montag, 1. Juni 2015

Doris Dörrie: Diebe und Vampire

Kennt ihr das auch: man liest zum ersten Mal einen Roman eines Schriftstellers, der schon jahrelang erfolgreich publiziert und von dem man eigentlich auch längst etwas gelesen haben wollte – und hinterher grinst man breit. Man grinst, weil man weiß, dass man nun nicht sehnsüchtig auf den zweiten Roman dieses neu gefundenen Schatzes warten muss, sondern sich direkt in aller Gemütlichkeit durch eine große Backlist lesen kann :-) So in etwa fühle ich mich gerade.

Doris Dörries Romane habe ich schon die letzten Jahre über immer verfolgt: ich habe interessiert die Vorschautexte gelesen, kurz darauf dann ins Feuilleton oder in Blogs gespickelt und gedacht „Das scheint sich ja echt zu lohnen“ – aber gelesen habe ich keinen einzigen davon. Irgendwas kam immer dazwischen. Aber jetzt bin ich zum Glück endlich mal in die Gänge gekommen: „Diebe und Vampire“ hat mir letzte Woche anderthalb Tage pures Lesevergnügen bereitet.

Worum geht’s? Alice, eine junge deutsche Studentin, lernt beim Urlaub in Mexiko eine dreißig Jahre ältere amerikanische Schriftstellerin kennen, die sie insgeheim „die Meisterin“ nennt. Alice erkennt auf den ersten Blick: die Meisterin ist alles, was sie selbst auch gerne wäre. Elegant. Selbstbewusst. Souverän (besonders auch im Umgang mit Männern). Und vor allem: eine Schriftstellerin.

Alices Wunsch, ebenfalls Schriftstellerin zu werden, ist die Triebfeder dieses Romans. Es geht viel darum, wie (und ob überhaupt) sich das Schreiben erlernen lässt, wie man als Schriftsteller arbeitet, wie man an eine gute Geschichte gelangt und so weiter. Aber es geht auch sehr viel darum, wie man im Leben generell seinen Weg findet und zu dem wird, was man gerne wäre – sei es nun beruflich oder auch „einfach nur“ als Mensch. Wie man herausfiltert, welche Entscheidungen im Leben die richtigen sind und inwiefern einem hierbei Vorbilder dienlich sind – oder ob sie einen eher einschränken und in der Entwicklung behindern. Zu Beginn des Romans hat Alice, wie sie selbst sagt, „weder Geld noch Plan“. Sie reist gemeinsam mit ihrem deutlich älteren Liebhaber Pe nach Mexiko und „spielte die Rolle der flippigen, jungen Frau, weil ich wusste, dass ihm das gefiel“. Dieses Gefallsüchtige und Fragile der jungen Alice zieht sich recht lange durch den Roman – zunächst durch die Episode in Mexiko, ein paar Jahre später dann, als sie die Meisterin in San Francisco besucht. Doch zum Ende hin gibt es einen Cut.

Wir erleben Alice nun deutlich älter – die Lebensmitte hat sie zwischenzeitlich überschritten – und treffen sie als völlig veränderte Frau. Man merkt ihr an, dass sie ihre jugendliche Unsicherheit abgestreift hat, dass ihre Lebenserfahrung sie gelassener und souveräner gemacht hat. Sie wirkt in sich ruhend und mit sich im Reinen. Mich würde ja rasend interessieren, was in der Zwischenzeit so alles passiert ist und zu dieser Veränderung geführt hat, aber hierzu erfährt man nur ein paar wenige Fetzen. Dass man den Lebenslauf von Alice nicht auf dem Silbertablett serviert bekommt, macht aber wiederum den Kontrast zur jüngeren Alice umso deutlicher und unterstreicht noch einmal die Tatsache, dass das Leben ein ständiger Prozess ist und man nicht dauerhaft derjenige bleibt, der man in jungen Jahren ist.  

Doris Dörrie schreibt sehr klar und unaufgeregt. Ihre Sprache empfand ich sehr präzise und die Bilder, die sie verwendet, sind angenehm schlicht – was keineswegs negativ klingen soll. Im Gegenteil, denn dadurch schafft sie es, einen durch manche Dinge beinahe schon hinterrücks zu überraschen und aus dem Konzept zu bringen. Beispielsweise wenn Alice aus einem Taxi steigt und ihm nachsieht: „Ich sah den roten Bremslichtern nach und fragte mich, wie lange ich noch leben und woran ich sterben würde.“ Wer würde erwarten, dass ein so banaler Zusammenhang solche Fragen aufwerfen könnte? Ich habe es jedenfalls genossen, mich immer wieder von solchen Gedanken oder auch Formulierungen überraschen zu lassen – als Alice und die Meisterin sich in San Francisco wiedersehen, heißt es beispielsweise: „Wir umarmten uns luftig“. Meine Augen sind an dieser Stelle förmlich gestolpert und ich denke noch heute darüber nach, wie sich so eine luftige Umarmung wohl anfühlen mag :-)

Wie schon eingangs erwähnt, habe ich wirklich Feuer gefangen für diese Autorin und mache mich nun mal mit ihren älteren Büchern vertraut. Dem Diogenes Verlag möchte ich an dieser Stelle für das Rezensionsexemplar von „Diebe und Vampire“ danken!

Bewertung: 4/5

Dienstag, 26. Mai 2015

Laura Dave: Ein wunderbares Jahr

Sicher kennt ihr solche Filme auch: ein besonderer Anlass steht an – meistens Weihnachten, ein runder Geburtstag oder die Silberhochzeit – und die ganze Familie findet sich im Elternhaus ein. Mutter, Vater, mehrere Geschwister samt Ehepartnern und Kindern sitzen um den Tisch – und dann kracht es, aber so richtig. Lange gehütete Geheimnisse kommen ans Licht, in der elterlichen Ehe stimmt es schon lange nicht mehr, der Ehemann der ältesten Tochter geht fremd, der mittlere Sohn hat seine Liebe zu Männern entdeckt, kurz: nichts ist mehr so, wie es noch vor einem Tag zu sein schien. Aber trotzdem schwingt durch solche Filme irgendwie immer ein heiterer Unterton, man befindet sich trotz aller Widrigkeiten in einer Komödie und nicht im Drama, und hat Freude beim Zuschauen, denn man weiß: am Ende ist alles nur noch maximal halb so schlimm, als es im ersten Moment aussah.

Etwas Ähnliches ist Laura Dave mit „Ein wunderbares Jahr“ nun in Buchform gelungen. Vorwegschicken möchte ich, dass ich den deutschen Titel auch nach längeren Überlegungen nicht verstehe, denn die Erzählzeit im Roman erstreckt sich nur über ein paar Tage, die erzählte Zeit dagegen über mehrere Jahrzehnte. Aber sei es drum. Im Original heißt der Roman übrigens „800 Grapes“, also „800 (Wein)Trauben“. Und damit wären wir dann auch schon beim Setting: ein Weingut im wunderschönen Hinterland Kaliforniens. Hierher, in den Schoß ihrer Familie, zieht es Georgia Ford, nachdem sie – ausgerechnet bei der letzten Anprobe ihres Brautkleids – feststellen muss, dass ihr Verlobter ein Geheimnis hat, das alles über den Haufen wirft.  Kurzentschlossen steigt Georgia in ihr Auto und fährt an den einen Ort, an dem sie sich geborgen fühlt:  das Weingut ihrer Familie. Doch dort sind Georgias Eltern gerade dabei,  Zukunftspläne zu schmieden, die den Verkauf des Weinbergs und das Ende ihrer Ehe beinhalten. Noch dazu tragen Georgias beiden Brüder lange schwelende Konflikte aus und ein gewisser Jacob taucht auf der Bildfläche auf und möchte die Weinberge der Familie kaufen. Als schließlich noch Georgias Verlobter samt „diversen Anhängen“ vorfährt, nimmt das Drunter und Drüber vollends seinen Lauf.

„Ein wunderbares Jahr“ ist ein richtiger Wohlfühlroman, der einen von der ersten Zeile an reinzieht in die Fänge von Georgias Familie. Wie bereits erwähnt hat eigentlich jeder der Protagonisten sein Päckchen zu tragen und es wird keineswegs ein heiteres Familienidyll dargestellt, das kitschig vor sich hinplätschert. Dennoch hat man beim Lesen durchweg ein positives Gefühl und der Roman wird bei allen ernsthaften Momenten nie zu schwermütig oder melancholisch, sondern behält sich eine gewisse Leichtigkeit. Das Setting in den Weinbergen Kaliforniens ist natürlich ein Traum für jedes Kopfkino und die Charaktere sind ebenfalls so gezeichnet, dass man zu jedem ein konkretes Bild vor Augen hat.

Ein interessanter Nebenaspekt ist der Weinanbau. Laura Dave hat hierfür gründlich recherchiert und lässt ihr Wissen geschickt in die Handlung einfließen. Man bekommt beim Lesen richtig Lust, sich nebenher ein gutes Gläschen Wein zu genehmigen – und auf der Seite des Blanvalet Verlags bekommt man sogar tolle Anregungen passend zum Roman: http://www.randomhouse.de/webarticle/aid58729.rhd?mid=12254

Ich empfehle diesen Roman jedem, dem der Sinn nach ein paar gemütlichen Lesestunden auf dem Balkon oder der Strandliege stehen und der gute Familiengeschichten zu schätzen weiß.
Vielen Dank an den Blanvalet Verlag für das Rezensionsexemplar!

Bewertung: 4/5  

Sonntag, 17. Mai 2015

David Levithan: Hold Me Closer. The Tiny Cooper Story.

Es passiert ja leider selten, dass einem ein Buch in die Hand fällt, das bereits von der Grundidee oder der Aufmachung her total überrascht, noch bevor die erste Seite gelesen ist. David Levithan ist das mit „Hold me Closer“ gelungen – oder hatte jemand von euch schon einmal eine „musical novel“ in der Hand? Eben! Als Ausgangspunkt diente Levithan sein Roman „Will Grayson, Will Grayson“, den er gemeinsam mit dem nicht weniger genialen John Green geschrieben hat (auf Deutsch erschienen bei cbt unter dem Titel „Will & Will“). Einer der Nebencharaktere dieses Romans betritt nun in „Hold me Closer“ sprichwörtlich die Bühne und wird zum Hauptdarsteller: Tiny Cooper.

Schon auf dem Cover bekommen wir einen ersten Eindruck davon, was zwischen den beiden Buchdeckeln abgehen wird, denn hier passiert so richtig viel: es glitzert und funkelt, es ist an manchen Stellen geprägt, an anderen erhaben - Glitzer, viel Trara und Bäm! Und genau in diesem Stil rauscht dann auch Tiny Cooper auf die Bühne. Das Buch beginnt mit seiner Geburt und rast dann - mal gesungen, mal gesprochen, aber immer in Dialogform - durch seine Kindheit bis zur Pubertät. Und da wird es dann so richtig interessant, denn nun kommt seine illustre Schar von Ex-Freunden ins Spiel.

Richtig, Ex-Freunde - nicht FreundINNEN. Denn Tiny ist schwul, wie er direkt in seinem ersten Song klarstellt: "I was born this way, big-boned and happily gay." Und damit sind wir schon bei einem Punkt, für den ich David Levithan (übrigens auch selbst homosexuell) über alle Maßen schätze: in seinen Büchern gibt er vor allem den Jugendlichen eine Stimme, die aus irgendeinem Grund eher als „anders“ hervorstechen – sei es, weil sie nerdig sind, weil sie besondere Macken haben oder eben auch aufgrund ihrer Homosexualität, die ja leider nach wie vor von vielen als alles andere als normal angesehen wird. Wie er diese Jugendlichen in ihrem Findungsprozess und ihrer Verwirrung auffängt und begleitet, und ihre Andersartigkeit nicht stigmatisiert, sondern sie im Gegenteil dadurch erst so richtig strahlen lässt, ist vermutlich von größerem Wert, als man es vermuten würde, wenn man nicht selbst in so einer Situation ist. Ich finde es jedenfalls ganz große Klasse und bin mir sicher, dass er durch diese Art schon so manchem Jugendlichen ein anderes Selbstbewusstsein verschafft hat.

"Hold me Closer" hat mir wie auch Levithans andere Bücher sehr gut gefallen und ich empfand seinen Ansatz, das Ganze wie ein Musical aufzuziehen, sehr erfrischend. Witzig finde ich, wie Levithan mit Klischees spielt. Zum einen diese völlig schrill-bunte und teilweise auch feminine Welt, wie man sie Schwulen gerne mal nachsagt und von deren CSD-Paraden kennt. Zum anderen geht Tiny wiederum einer der wohl männlichsten Sportarten überhaupt nach – American Football - und ist eher ein Bär von einem Kerl statt der feingliedrige und zarte „Klischee-Schwule“. Das finde ich sehr augenzwinkernd.

Aber davon abgesehen, dass Homosexualität das dominierende Thema ist, kann so ziemlich jeder etwas aus diesem Buch ziehen und erkennt sich wieder, egal ob gay or straight. Die klassische Verunsicherung – und teilweise auch Überforderung –, wenn man das erste Mal auf eine ganz andere Art und Weise als bisher mit dem anderen (oder eben mit dem gleichen) Geschlecht Kontakt hat und plötzlich mit ganz neuen Gefühlen konfrontiert ist. Wie gehe ich es richtig an, was sollte ich auf gar keinen Fall tun, hat er/sie die selben Gefühle…? Und dann immer die enorme Aufregung und Angespanntheit vor dem ersten Date – da fühlt wohl jede/r mit! Ich finde, Levithan hat das ganz gut eingefangen, man kann sich richtig in Tiny hineinversetzen und fühlt sich an eigene Erfahrungen zurück erinnert. Und auch der grundlegenden Message, die sich durchs ganze Buch zieht, wird wohl jeder zustimmen können: sei, wie du wirklich bist und lass dich von niemandem dazu bringen, dich zu verstecken – denn du bist völlig in Ordnung so!
Eine klare Leseempfehlung - für Fans von David Levithan natürlich sowieso, aber auch für alle, die sich gerne mal von einem Buch überraschen lassen und etwas anderes als den klassischen Roman erleben möchten. 
Bewertung: 5/5


Mittwoch, 6. Mai 2015

Mario Giordano: Tante Poldi und die sizilianischen Löwen

Vor ein paar Wochen erhielt ich farbenfrohe Überraschungspost von Bastei Lübbe: ein Exemplar von „Tante Poldi und die sizilianischen Löwen“ sowie ein paar tolle Bierdeckel mit einem Best of von Poldis markigen Sprüchen – da Poldi gerne mal einen zwitschert, fand ich diese Idee des Verlags wirklich sehr originell! Schon der erste Blick auf den Klappentext weckte meine Freude auf einen locker-leichten Sommerkrimi mit italienischem Flair, den ich dann auch bekam – leider kommt diese Rezension dennoch nicht ohne ein ABER aus. Doch erst einmal der Reihe nach…

Worum geht’s? Isolde Oberreiter, kurz: Poldi, will nach Sizilien, die Heimat ihres verstorbenen Mannes. Geschuftet hat sie im Leben genug, jetzt möchte sie es gemütlich ausklingen lassen. Und so bezieht sie an ihrem 60. Geburtstag ein charmantes Häuschen im verschlafenen Nest Torre Archirafi. Sie sagt: Um auf der Dachterrasse die Sonne, den Blick auf das Meer und den Ätna zu genießen. Ihre Familie sagt: Um sich vor schönem Panorama tot zu saufen. Gemeinsam mit ihrem Markenzeichen, einer riesigen schwarzen Perücke, bezieht sie also Stellung, aber wie es manchmal so ist im Leben: die Ruhe hält nicht lange vor, denn plötzlich verschwindet jemand. In diesem Fall ist es der junge Valentino aus der Nachbarschaft. Poldis detektivische Ader ist geweckt und trotz aller Promille findet sie eine heiße Spur.

Kommen wir zunächst zum Positiven: Poldi ist wirklich eine Marke. Eine resolute Bayerin, wie sie im Buche steht, immer einen satten Spruch auf den Lippen. Meine Top 3:
 
"Und überhaupt gilt im Leben eh: Always overdress! Weil, alte Theaterregel: Dezenz ist Schwäche." 
"Oberste Regel des Erfolgs im Business für Frauen: wenn’s ernst wird, immer Rock, immer Ausschnitt!"
"Und der Kriminalkommissar ist die höchste Erscheinungsform des Menschen. Die perfekte Synthese aus Gefühl und Verstand."

Mit dieser Frau kann man arbeiten, oder? Ihr könnt euch schon vorstellen, wie sie ihr sizilianisches Dorf aufmischt. Pluspunkte gibt es von mir außerdem für das tolle sizilianische Flair, das sich durch den Roman zieht. Ich war selbst vor ein paar Jahren auf Sizilien und habe mich beim Lesen sofort wieder dorthin versetzt gefühlt. Der Autor fängt die italienische Lebensart und das Wesen der Menschen toll ein.

Allerdings komme ich jetzt zum Aber: mir war die ganze Sache ein wenig zu konstruiert. Zunächst ist es nämlich so, dass nicht Poldi direkt als Erzählerin fungiert, sondern ihr Neffe, dem sie die ganze Geschichte bei einem Besuch erzählt und der sie dann wiederum uns erzählt. Warum es diese Zwischenebene braucht, verstehe ich nicht und ich habe sie auch als eher störend empfunden, da der Neffe nicht als wirklicher Charakter in Erscheinung tritt, sondern eher wie eine kleine Stolperfalle wirkt, wenn er sich alle 20-30 Seiten plötzlich wieder aus heiterem Himmel aus dem Off meldet. Das zweite, was mich etwas genervt hat, war das bemüht Bayrische. Dieser Aspekt war mir einfach ein wenig unentschlossen und nicht konsequent genug durchgezogen - und leider ist die Sprache eines Romans nun mal etwas ganz Essenzielles und ein wichtiges Kriterium dafür, ob man Gefallen an einem Roman findet oder eben nicht. Entweder ich lasse eine Figur wie die Poldi konsequent Hochdeutsch sprechen und überlasse es dem Leser, sich die richtige Tonspur zu denken - oder ich lasse sie konsequent Bayrisch sprechen. Leider hat der Autor eine etwas halblebige Mischform gewählt, die mich ziemlich im Lesefluss gestört hat, weil es sehr willkürlich wirkt, welche Worte Poldi bayrisch ausspricht und welche nicht, und es an vielen Stellen daher hinten und vorne einfach nur merkwürdig und unstimmig gewirkt hat.

Obwohl ich mich stellenweise gut unterhalten fühlte, wurde ich unterm Strich leider nicht komplett warm mit diesem Krimi.

Bewertung: 3/5

 

Samstag, 2. Mai 2015

Eric Berg: Das Nebelhaus

Hiddensee: windumtose Insel in der Ostsee. Keine Autos, stattdessen blühende Heidelandschaften, Dünen, Strände und Leuchttürme. Wer nun aber an Inselromantik und beschauliche Strandspaziergänge beim Leuchten des Abendrots denkt, ist auf dem falschen Dampfer. Bei Eric Berg geht’s neblig, stürmisch und düster zu, und mit seinem Krimi holt man sich eher Gänsehaut als Sonnenbrand.

Worum geht’s? Während des Studiums waren Timo, Philipp, Yasmin und Leonie eine verschworene Einheit, wenn es darum ging, sich gegen Atommülltransporte an die Gleise zu ketten, Tiere vor dem Schlachter zu retten oder sonst irgendwie fürs Gemeinwohl aktiv zu werden. Aber das ist einige Jahre her, und inzwischen hat sich das Quartett aus den Augen verloren. Als sie sich im Internet wiederbegegnen, verabreden sie sich für ein Wiedersehen auf Hiddensee bei Philipp, inzwischen erfolgreicher Architekt mit vermeintlicher Bilderbuchfamilie. Doch das Treffen endet mit einem grauenvollen Verbrechen: In einer stürmischen Septembernacht werden drei Menschen erschossen, die vermeintliche Amokläuferin Leonie wird schwer verletzt und fällt ins Koma.

Doch was genau damals in der „Blutnacht von Hiddensee“ geschah, ist zu Beginn des Buches – zwei Jahre nach eben jener Nacht – mehr schlecht als recht aufgeklärt. Welche Rolle spielte beispielsweise die kambodschanische Familie Yim, die direkt neben dem Nebelhaus wohnt und verschiedene Dienste für Philipp und seine Familie tat? Und warum wurde Steffen Herold, der damalige Freund der vermeintlichen Amokläuferin Leonie, nie zu den Geschehnissen vernommen? Die Berliner Journalistin Doro Kagel beginnt, den Fall neu aufzurollen. Nach und nach kommt sie den tatsächlichen Geschehnissen jener Nacht auf die Spur, und bald keimt ein schrecklicher Verdacht in ihr auf.

Der Krimi wird auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen erzählt. Zum einen begleiten wir Doro Kagel in der Gegenwart bei ihren Recherchen. Zum anderen erleben wir nahezu minutiös die Erlebnisse auf Hiddensee zwei Jahre zuvor mit. Wir sind dabei, wenn die vier ehemaligen Weggefährten aufeinander treffen. Wir beobachten, wie diese vier ehemals so ähnlichen Menschen inzwischen völlig konträre Richtungen in ihrem Leben und Denken eingeschlagen haben und welche Konflikte und Feindseligkeiten sich daraus ergeben. Und wir verfolgen mit, wie nach den ersten beiden Tagen plötzlich ein Sturm auf Hiddensee zuhält und sich parallel dazu auch die Stimmung im Nebelhaus immer mehr zu einem heftigen Gewitter zusammenbraut.

Ich muss zugeben, dass ich schon relativ zu Beginn des Krimis der festen Meinung war, als versierte Krimileserin die Sache durchschaut und den tatsächlichen Mörder entlarvt zu haben. Beinahe schon etwas missmutig habe ich dennoch weitergelesen, auch weil mich der sehr dichte und atmosphärische Schreibstil von Eric Berg wirklich in seinen Bann gezogen hat und das beinahe schon Kammerspiel-artige Setting perfekt dazu beigetragen hat, die Spannungskurve oben zu halten. Nun, ich muss sagen: zum Glück habe ich weitergelesen, denn am Ende war ich völlig von den Socken, was die tatsächliche Auflösung anging! Krimierfahrung hin oder her – Eric Berg hat mich auf ganzer Linie hinters Licht geführt und ich wage zu behaupten, dass es vielen Lesern so ging. Daher kann ich nur sagen: wenn ihr Lust habt auf einen intelligent konstruierten Krimi, der euch gnadenlos im Dunkeln tappen und euer Herz dank des ein oder anderen Schreckmoments schneller schlagen lässt – dann greift zu!

Bewertung: 4.5/5