Freitag, 12. Dezember 2014

Michaela Karl: Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals


Spätestens die Verfilmungen zu „Der Große Gatsby“ oder „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ machten seine Werke weltberühmt (klar: den Lesefreunden unter uns waren sie auch vorher schon bekannt): F. Scott Fitzgerald, herausragender Chronist seiner Zeit und zusammen mit Ehefrau Zelda das Duo infernale der sogenannten „Lost Generation“. Sie galten als DAS Paar der 1920er Jahre, das Flapper Girl und der Schriftsteller durften in keinem intellektuellen Zirkel und auf keiner Party fehlen. Aber wie es manchmal eben so ist: hinter der feierwütigen Fassade der beiden verbargen sich in Wirklichkeit viel Unsicherheit und Unzufriedenheit. Und ihre ständige Suche nach Zerstreuung und Anerkennung, ihre permanente Herausforderung von Schicksal und Abenteuer, führte sie geradewegs in eine Spirale des psychischen und körperlichen Zerfalls.   

Diesen Prozess rollt Michaela Karl in ihrem Buch „Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals“ geradezu minutiös auf. Von Scott und Zeldas Kindheit und Jugendjahren über das erste Treffen und ihre gemeinsamen Jahre bis hin zum immer tieferen Fall und letztendlich viel zu frühen Tod. Wir begleiten sie nach New York, Paris und an die Riviera, diskutieren mit Hemingway, Dos Passos und Dorothy Parker (um nur ein paar wenige zu nennen – das Buch sprüht vor interessanten Menschen!). Wir kommen mit auf ihre ausschweifenden Partys, die immer mindestens drei Tage dauern und so anstrengend sind, dass manche – wie beispielsweise John Dos Passos – ihnen lieber fernbleiben würden. Wir fahren mit den beiden Taxi (wo wir natürlich nicht auf der Rückbank Platz nehmen, sondern gemeinsam mit Scott und Zelda auf der Motorhaube oder dem Dach), nutzen die Drehtür des luxuriösen Plaza Hotels als Karussell, kullern im Morgengrauen Sektflaschen die Fifth Avenue hinab und begehren auf Partys, zu denen wir nicht eingeladen sind, auf allen Vieren und bellend Einlass. Alles steht unter Zeldas Motto: „Wir kommen übers Wochenende, und wenn wir wieder aufwachen, ist es Donnerstag.“

Fitzgerald verarbeitet all diese Erlebnisse in seinen Werken: in seinen zahlreichen Kurzgeschichten, die regelmäßig in Zeitungen veröffentlicht werden, ebenso wie in seinen Gesellschaftsromanen und später in Drehbüchern für diverse Hollywood-Studios. Zelda widmet sich währenddessen exzessiv dem Tanz und der Malerei – auch sie hat zwar schriftstellerische Ambitionen, wird dabei aber von Scott eingebremst (der sich jedoch wiederum für seine eigenen Werke nach Herzenslust ihrer Notizen bedient).

Das Leben von Scott und Zelda ist also lange Zeit wie es Hemingway einst über Paris sagte, ein „moveable feast“ – bis es irgendwann kippt und, wie Michaela Karl schreibt, „das erfolgreiche, glückliche Leben einen Sprung bekam. Einen Sprung, der sich unmerklich weiter ausbreitete und [Scotts] Leben mehr und mehr bestimmte.“

Was auf die „Roaring Twenties“ folgt, sind der Börsencrash, die Große Depression, die Prohibition und Europas allmähliches Abdriften in den Faschismus, wovor Fitzgerald übrigens schon lange vorher warnt. Und bei Scott und Zelda privat? Da zeigen exzessiver Alkoholgenuss und ein ausschweifendes Leben allmählich ihre Konsequenzen. Beide sind körperlich und seelisch am Ende, führen keine glückliche Ehe, sondern reiben sich eher aneinander auf. Scott kommt nur noch mit großen Mengen Alkohol durch den Tag und lässt keinen Versuch aus, sich und andere öffentlichkeitswirksam zu blamieren und am eigenen Ruf zu kratzen. Über ein Treffen mit Schriftsteller André Chamson ist beispielsweise überliefert: „Als Scott ihn mit einem Eiskübel voller Champagner in seinem Dachzimmer besuchen kommt, beginnt er noch auf der Treppe, sich zu entkleiden, um in dem Eiskübel zu baden. […] Zu später Stunde wird sich Scott über die Balkonbrüstung schwingen und in den Pariser Nachthimmel hinausbrüllen: ‚Ich bin Voltaire! Ich bin Rosseau!‘“

Zelda unternimmt unterdessen zahlreiche Selbstmordversuche und versucht nicht nur einmal, Scott auf der Fahrt durch die Haarnadelkurven der französischen Riviera ins Lenkrad zu greifen und den Wagen über die Steilklippen zu lenken. Es folgen jahrelange Aufenthalte in Kliniken und Sanatorien, bei der sie Behandlungsmethoden über sich ergehen lassen muss, die mehr schaden als nützen.

Bevor meine Rezension noch ausschweifender wird, spreche ich hiermit eine klare Leseempfehlung aus. Für jeden, der sich für die Fitzgeralds, die 20er Jahre, zeitgenössische US-Literatur oder die „Lost Generation“ interessiert, ist Michaela Karls Buch ein echter Genuss. Und wer Gefallen daran gefunden hat, dem möchte ich auch gleich noch Michaela Karls Buch über Dorothy Parker ans Herz legen:
"Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber".

Bewertung: 5/5

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