Montag, 22. Dezember 2014

Die goldenen 20er und New York in Bildern

Heute möchte ich euch zwei ganz besondere Prachtexemplare vorstellen – und dieses Mal geht’s mehr ums Blättern, Schauen und Schwelgen als direkt ums Lesen. Diese beiden tollen Bildbände sind kürzlich bei mir eingezogen (und machen sich übrigens auch prima als Last-Minute-Geschenk unter dem Weihnachtsbaum):

Frauen der 1920erJahre von Thomas Bleitner, erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag. Dieses Buch nimmt uns mit auf eine Reise in die Goldenen Zwanziger, als die Partys immer länger wurden und die Röcke und Haare der Damen immer kürzer. Als das Leben ein einziger Rausch war und in vollen Zügen ausgekostet wurde – als hätten die Menschen gewusst, das nur wenige Jahre später Weltwirtschaftskrise, Faschismus und letztendlich der Weg in den Weltkrieg folgen würden. Thomas Bleitner gibt uns einen tollen Einblick in diese Zeit und widmet sich vor allem den interessanten Frauen, die damals auf der Bildfläche erschienen und in unterschiedlichsten Bereichen des Lebens für Furore sorgten. Wir begegnen Damen wie der legendären US-Schriftstellerin und Kritikerin Dorothy Parker, der Grand Dame der Mode, Coco Chanel, oder auch deren absoluten Gegenpol Elsa Schiaparelli. Überhaupt, die Mode: wer dafür etwas übrig hat, wird auf den zahlreichen Fotos in diesem Buch tolle Anregungen und Eindrücke erhalten. Ein wirklich schöner – und schwerer – Bildband für alle Fans der 20er Jahre (und toller Frauen :-)).


New York, erschienen bei Dumont. New York ist für mich die Stadt aller Städte. Ach was, eigentlich ist New York nicht einfach nur eine Stadt, New York ist ein Lebensgefühl. Tolle Architektur, eine großartige Kunstszene, abgefahrene Läden und Restaurants, gemütliche und stylishe Bars, und Einwohner, wie man sie wirklich nur in dieser Stadt findet. Ich hatte vor zwei Jahren das Glück, acht Wochen dort leben und arbeiten zu dürfen – und ich würde sagen, ein kleines Stück meines Herzens habe ich da gelassen. Und wann immer mich jetzt die Sehnsucht packt und ich nicht spontan ins Flugzeug hüpfen kann, hole ich mir diesen tollen Bildband aus dem Regal und verliere mich in den zahlreichen Bildern. Das perfekte Buch, um in Erinnerungen zu schwelgen oder die Vorfreude auf den nächsten Städtertrip zu wecken.   

Dienstag, 16. Dezember 2014

Johanna Alba & Jan Chorin: Hosianna!


Der erste Satz: Ihre nackten Füße auf dem Marmorboden.
Wann und wo? Rom zur Weihnachtszeit

Hosianna!“ ist nach „Halleluja!“ und „Gloria!“ bereits der dritte Papst-Krimi von Autoren-Ehepaar Johanna Alba und Jan Chorin – für mich war es allerdings der erste (was sich bald ändern wird, so viel kann ich schonmal vorab verraten). Setting und Thema der Krimis sind denkbar gut gewählt, denn man merkt, wie heimisch sich die beiden Autoren mit beidem fühlen: Johanna Alba hat unter anderem in Rom studiert, wo sie in einer WG gleich hinter dem Vatikan wohnte, Jan Chorin ist Historiker und hat sich auf europäische Religions- und Geistesgeschichte spezialisiert.

Worum geht es? Weihnachtszeit in Rom. Doch bevor Papst Petrus zum besinnlichen Teil des Programms übergehen kann, sich Plätzchen schmecken lassen und Geschenke auspacken darf, muss erst einmal das Verschwinden des spanischen Priesters Juan aufgeklärt werden. Der wohnte seit Kurzem im gleichen Palazzo wie die Schwestern des Papstes und ist nun über Nacht plötzlich verschwunden. Wo könnte sich Juan befinden, ist er überhaupt noch am Leben – und wer hatte eigentlich ein Motiv, ihn aus dem Weg zu räumen? Der Palazzo beherbergt eine ganze Reihe kurioser Gestalten, die verdächtig erscheinen, und so ist der päpstliche Spürsinn schnell geweckt.

Die Coveranmutung lässt es bereits ahnen: in diesem Krimi geht es eher gemütlich zu, Fans von viel Blut und wilden Schießereien kommen eher nicht auf ihre Kosten. Aber wer ein bisschen cosy crime zu schätzen weiß und gerne Krimis mit Lokalkolorit, pointierten Dialogen und liebevoll-skurril gezeichneten Charakteren mag, der ist hier goldrichtig. Petrus ist ein Papst, wie man ihn sich wünschen würde: knattert gerne mit der Vespa durch Rom, zischt sein Bierchen auch mal direkt aus der Flasche, und verfolgt akribisch die Geschehnisse der italienischen Fußballliga. Das erzkatholische Kontrastprogramm bietet Schwester Immaculata, seine Haushälterin, mit der er sich so manchen verbalen Schlagabtausch liefert.  

Im Zentrum des Romans steht also das Verschwinden von Juan – und wie die beiden Autoren das aufgezogen haben, ist wirklich genial. Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gelesen, und jede der Teilnehmerinnen war von der Auflösung des Falles völlig überrascht und von den Socken. Chapeau!

Aber auch was so alles um den eigentlichen Kriminalfall herum gestrickt oder damit verwoben ist, hat mich wirklich begeistert. Bei aller Heiterkeit, die durch die Seiten schwingt, werden auch Dinge thematisiert, die für die katholische Kirche und/oder Rom ein echtes Problem darstellen (das Zölibat und die Immobiliensituation beispielsweise) oder eng mit der Geschichte der Stadt verknüpft sind wie die Borgias. 

Mich hat dieser Krimi daher sowohl wunderbar unterhalten als auch zum Nachdenken angeregt – klare Leseempfehlung!

Bewertung: 5/5

Freitag, 12. Dezember 2014

Michaela Karl: Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals


Spätestens die Verfilmungen zu „Der Große Gatsby“ oder „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ machten seine Werke weltberühmt (klar: den Lesefreunden unter uns waren sie auch vorher schon bekannt): F. Scott Fitzgerald, herausragender Chronist seiner Zeit und zusammen mit Ehefrau Zelda das Duo infernale der sogenannten „Lost Generation“. Sie galten als DAS Paar der 1920er Jahre, das Flapper Girl und der Schriftsteller durften in keinem intellektuellen Zirkel und auf keiner Party fehlen. Aber wie es manchmal eben so ist: hinter der feierwütigen Fassade der beiden verbargen sich in Wirklichkeit viel Unsicherheit und Unzufriedenheit. Und ihre ständige Suche nach Zerstreuung und Anerkennung, ihre permanente Herausforderung von Schicksal und Abenteuer, führte sie geradewegs in eine Spirale des psychischen und körperlichen Zerfalls.   

Diesen Prozess rollt Michaela Karl in ihrem Buch „Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals“ geradezu minutiös auf. Von Scott und Zeldas Kindheit und Jugendjahren über das erste Treffen und ihre gemeinsamen Jahre bis hin zum immer tieferen Fall und letztendlich viel zu frühen Tod. Wir begleiten sie nach New York, Paris und an die Riviera, diskutieren mit Hemingway, Dos Passos und Dorothy Parker (um nur ein paar wenige zu nennen – das Buch sprüht vor interessanten Menschen!). Wir kommen mit auf ihre ausschweifenden Partys, die immer mindestens drei Tage dauern und so anstrengend sind, dass manche – wie beispielsweise John Dos Passos – ihnen lieber fernbleiben würden. Wir fahren mit den beiden Taxi (wo wir natürlich nicht auf der Rückbank Platz nehmen, sondern gemeinsam mit Scott und Zelda auf der Motorhaube oder dem Dach), nutzen die Drehtür des luxuriösen Plaza Hotels als Karussell, kullern im Morgengrauen Sektflaschen die Fifth Avenue hinab und begehren auf Partys, zu denen wir nicht eingeladen sind, auf allen Vieren und bellend Einlass. Alles steht unter Zeldas Motto: „Wir kommen übers Wochenende, und wenn wir wieder aufwachen, ist es Donnerstag.“

Fitzgerald verarbeitet all diese Erlebnisse in seinen Werken: in seinen zahlreichen Kurzgeschichten, die regelmäßig in Zeitungen veröffentlicht werden, ebenso wie in seinen Gesellschaftsromanen und später in Drehbüchern für diverse Hollywood-Studios. Zelda widmet sich währenddessen exzessiv dem Tanz und der Malerei – auch sie hat zwar schriftstellerische Ambitionen, wird dabei aber von Scott eingebremst (der sich jedoch wiederum für seine eigenen Werke nach Herzenslust ihrer Notizen bedient).

Das Leben von Scott und Zelda ist also lange Zeit wie es Hemingway einst über Paris sagte, ein „moveable feast“ – bis es irgendwann kippt und, wie Michaela Karl schreibt, „das erfolgreiche, glückliche Leben einen Sprung bekam. Einen Sprung, der sich unmerklich weiter ausbreitete und [Scotts] Leben mehr und mehr bestimmte.“

Was auf die „Roaring Twenties“ folgt, sind der Börsencrash, die Große Depression, die Prohibition und Europas allmähliches Abdriften in den Faschismus, wovor Fitzgerald übrigens schon lange vorher warnt. Und bei Scott und Zelda privat? Da zeigen exzessiver Alkoholgenuss und ein ausschweifendes Leben allmählich ihre Konsequenzen. Beide sind körperlich und seelisch am Ende, führen keine glückliche Ehe, sondern reiben sich eher aneinander auf. Scott kommt nur noch mit großen Mengen Alkohol durch den Tag und lässt keinen Versuch aus, sich und andere öffentlichkeitswirksam zu blamieren und am eigenen Ruf zu kratzen. Über ein Treffen mit Schriftsteller André Chamson ist beispielsweise überliefert: „Als Scott ihn mit einem Eiskübel voller Champagner in seinem Dachzimmer besuchen kommt, beginnt er noch auf der Treppe, sich zu entkleiden, um in dem Eiskübel zu baden. […] Zu später Stunde wird sich Scott über die Balkonbrüstung schwingen und in den Pariser Nachthimmel hinausbrüllen: ‚Ich bin Voltaire! Ich bin Rosseau!‘“

Zelda unternimmt unterdessen zahlreiche Selbstmordversuche und versucht nicht nur einmal, Scott auf der Fahrt durch die Haarnadelkurven der französischen Riviera ins Lenkrad zu greifen und den Wagen über die Steilklippen zu lenken. Es folgen jahrelange Aufenthalte in Kliniken und Sanatorien, bei der sie Behandlungsmethoden über sich ergehen lassen muss, die mehr schaden als nützen.

Bevor meine Rezension noch ausschweifender wird, spreche ich hiermit eine klare Leseempfehlung aus. Für jeden, der sich für die Fitzgeralds, die 20er Jahre, zeitgenössische US-Literatur oder die „Lost Generation“ interessiert, ist Michaela Karls Buch ein echter Genuss. Und wer Gefallen daran gefunden hat, dem möchte ich auch gleich noch Michaela Karls Buch über Dorothy Parker ans Herz legen:
"Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber".

Bewertung: 5/5

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Petra Bock: MINDFUCK Love

Heute mache ich mal einen kleinen Ausflug zu den Ratgebern und habe mir dafür ein Thema ausgesucht, das wohl jeden von uns beschäftigt: die Liebe. Vermutlich gibt es kaum ein Thema, über das mehr geschrieben wurde und immernoch wird – vom Liebesroman über Gedichte und Dramen bis hin zum Ratgeber trägt quasi jedes Genre seinen Teil dazu bei, dass uns der Lesestoff nicht ausgeht.

Petra Bock nähert sich dem Thema nun mit ihrer Methode MINDFUCK. Mindfucks sind Denkmuster, die unsere persönliche Entfaltung hemmen und uns klein halten. Beispielsweise wenn wir versuchen, es anderen recht zu machen, und darüber hinaus unsere eigenen Bedürfnisse vergessen. Wenn wir uns selbst kritisieren und abwerten oder wenn wir still halten, wo wir eigentlich aufmucken sollten. Kurz gesagt: es sind kleine Störer, die uns daran hindern, unser wahres Potenzial zu entfalten.

Wie sieht das Ganze auf die Liebe übertragen aus? Petra Bocks Grundthese ist, dass wir in der Anfangsphase einer neuen Beziehung das wahre Potenzial dieser Liebe erleben, sie nennt es „die Essenz des Anfangs“: Jeder der beiden Beteiligten zeigt sich von seiner besten Seite, man ist offen, interessiert und neugierig gegenüber dem Partner, nimmt sich ausreichend Zeit füreinander und sorgt dafür, dass kleine Aufmerksamkeiten und Überraschungen in der Beziehung nicht zu kurz kommen. Und was passiert dann? Irgendwann kennt man den anderen und dessen Macken in- und auswendig, der Neuigkeitsfaktor der Beziehung ist verpufft, der Alltag macht sich immer breiter – und plötzlich ist der Wurm drin. Unzufriedenheit schleicht sich ein und man verfällt in gewisse Muster oder eben MINDFUCKS. Um nur drei kleine Beispiele zu kennen: ein MINDFUCK kann sich darin äußern, dass man das eigene Glück schlecht redet („Das kann doch sowieso nicht lange gutgehen, bald passiert irgendetwas Schlimmes“), die eigenen Interessen notorisch hinter die des anderen Stellt und dadurch für beide Seiten Unzufriedenheit sät oder den eigentlich geliebten Partner plötzlich überkritisch bewertet, weil er eben auch nur ein Mensch ist, was man in der Anfangszeit ja gerne mal verdrängt.

Petra Bock zufolge passiert das klassischerweise dann, wenn man an einer Schwelle steht. Ihre langjährige Erfahrung zeigt, dass Menschen „immer dann anfangen sich zu blockieren, wenn sie kurz vor einem wirklichen Durchbruch stehen. Wenn sie sich erlauben, etwas wirklich Großes und Wunderbares zu erleben und nicht nur darüber zu reden. Genau dann setzen die selbstsabotierenden Gedanken ein. Verrückt. Es scheint eine innere Grenze in uns zu geben, die das Gewohnte schützt“ (Seite 31).

Petra Bock analysiert diese Verhaltensmuster und liefert auch interessante Erklärungen für deren Zustandekommen – vor allem liefert sie jedoch auch interessante Ansätze, wie man mit ihnen umgeht und nicht zulässt, dass sie die Beziehung immer weiter in eine Negativspirale treiben. Da alle Theorie bekanntlich grau ist, veranschaulicht die Autorin ihre Thesen durch zahlreiche Fälle aus der eigenen Praxis (die es nebenbei gesagt gar nicht unbedingt bräuchte, denn beim Lesen fallen einem spontan genügend Beispiele aus dem eigenen Umfeld ein und plötzlich löst sich so manches Fragezeichen in Luft auf).

Ich muss sagen, ich hatte wirklich großen Spaß beim Lesen. Petra Bock schreibt kurzweilig und verständlich, sehr klar und auf den Punkt. Man kann ihrer Argumentation gut folgen und hat so manches Aha-Erlebnis. Klare Leseempfehlung!

Bewertung: 5/5