Freitag, 7. November 2014

Edward St. Aubyn: Der beste Roman des Jahres

Der erste Satz: Als Sir David Hampshire, ein wahres Relikt aus dem kalten Krieg, ihn darauf ansprach, ob er den Vorsitz der Jury für den Elysia Preis übernehmen wolle, hatte Malcolm Craig um vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gebeten.
Wann und wo? London 2013


Herbstzeit ist die Zeit der großen Buchpreise, und eines ist ihnen in der Regel gleich: Longlist, Shortlist und der letztendliche Gewinner sind selten unumstritten. Ob es nun darum geht, dass zu wenig Frauen auf der Longlist stehen, die ausgewählten Romane für Otto Normalleser zu hochtrabend sind oder wieder einmal zu wenig kleine Verlage Berücksichtigung gefunden haben – irgendein Kritikpunkt findet sich immer, und schon geht es in den Feuilletons dieser Welt drunter und drüber. Eigentlich ein gefundenes Fressen für eine satirische Betrachtung des ganzen Spektakels, dachte sich Edward St. Aubyn.

Worum geht’s? Der Elysia Preis ist der wichtigste Literaturpreis des Commonwealth. Die Zusammensetzung der Jury ist gleichermaßen von persönlichen Beziehungen wie auch strategischen Gedanken geprägt, der Literatursachverstand der einzelnen Mitglieder ist eher zweitrangig bis unwichtig. Der Weg hin zur letztendlichen Preisverleihung wird im Roman aus vielen unterschiedlichen Perspektiven geschildert: auf der einen Seite haben wir die teils überforderten, teils gelangweilten Jurymitglieder, auf der anderen Seite die nominierten Autoren – oder solche, die es doch nicht auf die Liste geschafft haben. Herausheben will ich an dieser Stelle nur Katherine Burns, deren vielversprechender Roman es nicht auf die Longlist geschafft hat, da eine Verlagsmitarbeiterin fälschlicherweise das Kochbuch einer indischen Hausfrau an die Jury weitergeleitet hat – für das wiederum die Longlist noch nicht Endstation ist.

St. Aubyns Roman „Der beste Roman des Jahres“ (im englischen Original übrigens „Lost for Words“, eine wie ich finde geniale Titelformulierung) ist eine herrliche Satire – teilweise fast schon Farce – auf den Literaturbetrieb, seine Mechanismen und vor allem Eitelkeiten. Der Aufhänger, an dem all das sichtbar wird, ist in erster Linie das fälschlicherweise an die Jury abgeschickte "Palast-Kochbuch" auf der Longlist. Herrlich, wie die einzelnen Jurymitglieder ihre Ratlosigkeit zu überdecken versuchen und sich in irgendwelchen postmodernen Interpretationsversuchen verstricken, immer darum  bemüht, die intellektuelle Fassade aufrecht zu erhalten: "Du behauptest, du seist Expertin für Gegenwartsliteratur, und dann wirst du mit einem spielerischen, postmodernen, multimedialen Meisterwerk konfrontiert und leugnest ganz naiv, dass es sich dabei überhaupt um einen Roman handelt." (Seite 139) oder auch "Ganz offensichtlich [...] bewegen wir uns hier im Grenzbereich zwischen Text und Textilie, wo die Fabrik-kation eines feinen, aber das scheinbare Thema verhüllenden Schleiers ausschlaggebend ist, womit dem Vorrang der figurativen Sprache vor der inhaltlichen Bedeutung oder, allgemeiner ausgedrückt, dem Vorrang des Boten vor jeglicher Botschaft, die er transportieren könnte, das Wort geredet wird." (Seite 171).

Mit diesem Roman lassen sich einige heitere Lesestunden verbringen, ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Perfekt für alle, die spontan mit den Augen rollen, wenn es im Feuilleton mal wieder mehr um die Selbstbeweihräucherung des Rezensenten als um das eigentliche Thema geht und Literaturpreise so vergeben werden, dass man möglichst viele potenzielle Leser von vornherein ausgrenzt, weil Literatur in den Augen gewisser Kritiker nunmal eine möglichst exklusive Veranstaltung bleiben sollte.  

Vielen Dank an dieser Stelle an den Piper Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Bewertung: 4/5
   

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