Donnerstag, 27. November 2014

Marco Malvaldi: Toskanische Verhältnisse

Der erste Satz: Schon bevor man das Dorf erreicht, lässt die Straße nach Montesodi Marittimo wohl niemanden kalt.
Wann und wo? Irgendwann im Winter in Montesodi Marittimo, einem fiktiven Dorf in der Toskana

Wer in letzter Zeit ab und an hier oder auf meiner Facebook-Seite vorbeigeschaut hat, wird es bereits wissen: ich liebe Weihnachtsromane. Was ich aber fast noch mehr liebe, sind Romane, in denen Menschen eingeschneit werden (das absolut allerbeste sind natürlich Weihnachtsromane, in denen die Protagonisten eingeschneit werden – aber ich will es mal nicht übertreiben mit den Ansprüchen). Am häufigsten wird meine Lust auf Schneemassen natürlich in Kriminalromanen bedient, in denen so ein Eingeschneitwerden ungemein hilfreich sein kann, um den Plot richtig schön dicht und spannend zu machen. Man denke nur an „Mord im Orient-Express“ – der erste richtige Krimi, den ich irgendwann in recht zartem Alter in die Hände bekommen habe und dem seither nur sehr wenige Krimis das Wasser reichen konnten.

Auch „Toskanische Verhältnisse“ ist ein Krimi, allerdings würde ich ihn eher der Gattung „cosy crime“ zuordnen, von der man in letzter Zeit häufig liest. Worum geht es? Montesodi Marittimo ist ein Nest in den toskanischen Bergen: 812 Einwohner (Durchschnittsalter: 69 Jahre), 1726 Hühner – und eine große Besonderheit. Die Bewohner des Dorfes verfügen nämlich bereits seit vielen Generationen über ungewöhnliche Kräfte. Aus diesem Grund werden Piergiorgio Pazzi, ein junger Arzt, und Dr. Margherita Castelli, Forschungsangestellte in Romanischer Philologie, ins Dorf abbestellt. Gemeinsam sollen sie unter anderem mittels DNA-Tests herausfinden, wo der Schlüssel zu diesen unerklärlichen Kräften liegt.

Einer Dame aus dem Dorf, Signora Zerbi, passt das so überhaupt nicht in den Kram – aus gutem Grund: „In diesem Dorf trägt etwa ein Drittel der Kinder den falschen Familiennamen. In manchen Fällen ist das allgemein bekannt, in anderen wird es vermutet, in wieder anderen weiß keiner davon. Und manchmal ist es besser, dass diese Ungewissheit erhalten bleibt.“ Wir sehen also: es geht ums dörfliche Italien, um gut gehütete Geheimnisse und Vetternwirtschaft – und eventuell auch noch um ganz andere Dinge, die während der Ermittlungen erst noch ans Licht kommen müssen. Zum Beispiel, warum Signora Zerbi am Morgen ihres Todes eigentlich einen Notartermin gehabt hätte.

Ich habe es bereits eingangs erwähnt: bei Malvaldi bekommt man eher einen behaglichen Krimi, als Action, Verfolgungsjagden und Explosionen. Es wird gut gegessen und getrunken – wir sind ja schließlich in Italien -, geklatscht und getratscht, gemutmaßt und ermittelt, und zwischendrin fällt genügend Schnee, um das Dorf immerhin für den Zeitpunkt des Mordes von der Außenwelt abzuschneiden. Abgesehen von dieser Tatsache spielt der Schnee allerdings keine größere Rolle.

Unterm Strich hat mich dieser Roman gut unterhalten und ich empfehle ihn gerne weiter an Leser, die es eher gemütlich statt temporeich mögen, die gerne Lokalkolorit in ihren Büchern haben und die italienische Lebensart schätzen.

Bewertung: 4/5 

Montag, 24. November 2014

Ulla Hahn: Spiel der Zeit

Der erste Satz: Lommer jonn, hatte der Großvater gesagt, zum ersten, zum zweiten und zum dritten Mal.
Wann und wo? Ende der 60er Jahre, Köln und Umgebung

Von diesem Buch lest ihr heute bereits zum dritten Mal auf diesem Blog – ganz einfach, weil es mein absolutes Highlight dieses Lesejahres ist und ich gar nicht genug Werbung dafür machen kann. Schon seit ich im Frühjahr in der DVA-Vorschau gesehen hatte, dass Ulla Hahn endlich den dritten Teil der Trilogie um ihr Alter Ego Hilla Palm geschrieben hat, war ich hibbelig – und vor ein paar Wochen lag das Buch endlich in meinem Briefkasten. Vielen Dank an DVA für mein Leseexemplar!

Warum diese große Begeisterung? Wie kürzlich schon einmal erwähnt, hatte Band 1 der Trilogie, „Das verborgene Wort“, maßgeblichen Anteil an meiner späteren Studien- und damit auch Berufswahl. Dieser Roman (den ich mit 16 Jahren gelesen habe), hat meine ohnehin schon ziemlich ausgeprägte Liebe zur Literatur geradezu potenziert und einiges in mir bewirkt – bis hin zum Literaturstudium und späterer Anstellung in einem Verlag :-) Auch den zweiten Band, „Aufbruch“, in dem wir Hilla während ihrer Jugendjahre und dem allmählichen Erwachsenwerden begleiten, habe ich in kurzer Zeit verschlungen.

Worum geht es nun in „Spiel der Zeit“? Wir treffen Hilla als frischgebackene Studentin in Köln. Im turbulenten Jahr 1968 versucht sie hier heimisch zu werden, erkundet die Welt der Sprache, genießt die Freiheit des Denkens und sehnt sich nach Orientierung im Leben. Sie liest sich durch die großen Theoretiker der deutschen Literaturwissenschaft, besucht erste Demos und lernt zwischen Literaturseminaren und „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ ihre erste Liebe kennen: Hugo, der auf intellektueller wie auch körperlicher Ebene ein Seelenverwandter zu sein scheint. Es wird diskutiert und debattiert, geliebt und gezweifelt.

Raus aus dem erzkatholischen und wenig von Liebe und Zuneigung geprägten Elternhaus, rein ins pralle Studentenleben also – jedoch immer in dem Wissen, dass sie auch ein Stück weit ihre Vergangenheit ist und bleibt. Sie ist immernoch „Hilla Selberschuld“, sie bleibt „dat Kenk vun nem Prolete“, das nun seinen Platz inmitten von jungen Erwachsenen aus dem Bildungs- und Großbürgertum finden muss. Die Nacht auf der Lichtung (wer „Aufbruch“ kennt, weiß wovon ich rede) kann sie so schnell nicht abschütteln. Auch die Werte, die ihre Erziehung geprägt haben, muss sie erst mühsam abstreifen wie eine Raupe bei der Verpuppung. Auffallend oft tritt dann Ulla Hahn als Erzählerin aus dem Hintergrund nach vorne und lässt uns an ihren Gedanken über ihr Alter Ego Hilla teilhaben: „So sehr ich weiß, dass es weitergehen muss, so dringend mein erzählerisches Pflichtgefühl gebietet, Hilla endlich vorwärtszuschicken ins neue Leben, so mächtig treiben mich meine Gefühle zurück zu den Orten und Menschen meiner Kindheit. Erst jetzt beim Schreiben merke ich das. All das Neue, das Hilla erlebt, wird erst neu, wird erst zur Gewissheit, zum Eigen, wenn es sich widerspiegelt im Alten, wenn es zum Vergangene in Beziehung gesetzt wird.“

Hilla auf dieser Reise zu begleiten hat mir große Freude gemacht. Ich bedauere es sehr, dass die Trilogie nun abgeschlossen ist – aber zum Glück kann ich ja jederzeit zu Hilla zurückkehren. Zusammen genommen ist diese Trilogie ein wunderbarer Entwicklungs- und Bildungsroman, eine kraftvolle und sprachgewaltige Liebeserklärung an die Macht der Literatur und der Sprache, die ich jedem ans Herz legen möchte. Ob man nun direkt beim dritten Band einsteigt oder sich die Freude macht, ganz von vorne zu beginnen: ich bin mir sicher, dass jeder, der Literatur mag, direkt angefixt sein wird.

Bewertung: 5/5

Dienstag, 18. November 2014

Klara Nordin: Totenleuchten

Der erste Satz: Frostige Kälte lag über der beschaulichen Kleinstadt nördlich des Polarkreises. 
Wo und wann? Jokkmokk am Polarkreis, Gegenwart
Das Accessoire zum Buch: heißer Tee und Wolldecke – es fröstelt beim Lesen!

Langsam aber sicher wird es Winter, die Temperaturen sinken, die Tage werden kürzer –  eigentlich also die perfekte Zeit für einen Krimi aus dem kalten und manchmal etwas düsteren hohen Norden. „Totenleuchten“ ist der erste Krimi von Klara Nordin und wie ich finde direkt ein toller Wurf! Klara Nordin heißt übrigens eigentlich ganz anders: hinter diesem Pseudonym verbirgt sich nämlich eine deutsche Buchhändlerin und Verlagsmitarbeiterin, die vor über zehn Jahren nach Schweden ausgewandert ist und inzwischen in Jokkmokk am Polarkreis wohnt, wo sie auch ihren Roman angesiedelt hat. Ich selbst war letztes Jahr auch im schwedischen Teil Lapplands unterwegs, wenn auch nicht ganz so weit oben, und muss sagen, dass es der Autorin wunderbar gelungen ist, diese ganz eigene Stimmung, die weite und unberührte Landschaft, das Klima und das Wesen der Menschen in ihrem Roman einzufangen.

Worum geht es genau? Bergeweise Neuschnee, zugefrorene Seen, samischer Wintermarkt – und mittendrin ein grausamer Mord an einem samischen Jugendlichen. Kurz zuvor ist bereits dessen bester Freund, der seit einem schweren Autounfall im Rollstuhl saß, auf sonderbare Art und Weise in einem See ertrunken. Hängen die beiden Todesfälle zusammen? Linda Lundin hat gerade ihren neuen Job als Hauptkommissarin in Nordschweden angetreten, einen solch schrecklichen Mord hat auch sie selten gesehen. Wer tötet einen Jungen, der im Dorf rundum beliebt war? Gemeinsam mit ihren Kollegen Bengt und Margareta nimmt sie die Ermittlungen auf und stößt im kleinen Jokkmokk auf kuriose Bewohner, samische Geschichten und dunkle Geheimnisse.

Es ist gar nicht so einfach, die Handlung zu umreißen, ohne viele Worte zu gebrauchen oder aber schon zu viel zu verraten. Klara Nordin hat hier wirklich einen sehr dichten Plot gewoben, interessante Wendungen und Zusammenhänge eingebaut. Auch wenn der Krimi unterm Strich eher „ruhig“ ist – wer auf Verfolgungsjageden, Herumgeballere oder Ähnliches steht, wird hier eventuell nicht so ganz zufrieden gestellt – hält sich die Spannung über das ganze Buch hinweg. Unterfüttert wird die Krimihandlung durch viele Geschichten über die Samen, ihre Bräuche und Lebensart. Auch die Landschaft und das Klima Lapplands spielen eine Rolle, was mir persönlich sehr gut gefiel.

Ich freue mich schon auf weitere Krimis von Klara Nordin und gebe eine klare Leseempfehlung für alle, die Krimis aus Skandinavien mögen oder es gerne haben, wenn das Krimi-Setting genauso kühl und frostig ist, wie einige der Charaktere :-)
 
Bewertung: 4/5

Montag, 17. November 2014

Lena Dunham: Not That Kind of Girl

Wann und wo? Hauptsächlich New York und Umgebung, 1986 bis heute
Der erste Satz: I am twenty years old and I hate myself. 

Ich muss ehrlich gestehen: ich sitze hier gerade einigermaßen ratlos – wie steige ich in diese Rezension ein, wie soll eigentlich am Ende mein Fazit aussehen? Ich habe selten ein Buch gelesen, das mich so zwiespältig zurück ließ. Aber mal der Reihe nach: vorab sollte ich vielleicht sagen, dass ich die ersten ca. 7 Folgen von Lena Dunhams Serie „Girls“ im amerikanischen Original gesehen habe, danach jedoch keinen Drang verspürte, mir auch weitere Folgen anzuschauen. Irgendwie fand ich das alles ein wenig befremdlich und weit weg von mir und meinem Leben – das sind Frauenserien zwar generell, denn wer lebt schon wie Carrie Bradshaw oder Serena van der Woodsen. Aber „Girls“ schreibt sich ja auf die Fahnen, das Leben der Twentysomethings – zu denen ich gerade noch so gehöre -,ihre Sorgen und Ängste abzubilden. Lassen wir das mal dahingestellt, ich fühlte jedenfalls weder mich noch die Gleichaltrigen, die ich so kenne, abgebildet.

Als die Vorankündigung zu Dunhams Buch kam, wurde ich dennoch hellhörig, denn aus irgendeinem Grund interessierte es mich brennend, wer genau die Frau hinter dieser Serie ist. Und da ich am Erscheinungstag gerade in den USA war, habe ich mir direkt ein Exemplar besorgt. Sofort positiv aufgefallen ist mir die Gestaltung: ein schnörkellos aber ansprechend gestalteter Schutzumschlag, richtig schnuckeliges Vorsatzpapier, witzige Illustrationen, schöne Typo – rein optisch ist das Buch wirklich gelungen.

Kommen wir zum Inhalt: Lena Dunham schreibt durchaus unterhaltsam. Ich habe das Buch gerne gelesen, stellenweise fast schon rauschartig. ABER: Irgendwie habe ich mich dabei manchmal gefühlt, als sei ich eine dieser Gafferinnen an einer Unfallstelle – eigentlich finden sie das, was es dort zu sehen gibt, unangenehm. Aber wegschauen können sie trotzdem nicht. Lena Dunham erzählt über sich und ihr Leben mit einer Konsequenz, die mich manchmal peinlich berührte. Kein Detail scheint ihr intim genug, um es nicht zu teilen. Man hat den Eindruck, als könne sie gar nicht genug davon bekommen, schreibenderweise blank zu ziehen. Und was sie dabei so über ihre Kindheit und Jugend erzählt, erzeugt bei mir ein Gefühl irgendwo zwischen Verstörtheit und Mitleid. Beispielsweise wenn sie erzählt, wie sie im Alter von fünf Jahren auf einer Kunstausstellung von einer Dame gefragt wird, was denn passiere, wenn sie unartig sei: „When I’m bad“, I announced, „my father sticks a fork in my vagina.“ Oder wenn sie von ihren ersten Sitzungen mit einer Psychotherapeutin berichtet – im Alter von acht Jahren. Dazu kommen bereits im Kindesalter Phobien aller Art (besonders vor Keimen, Viren und diversen Krankheiten), die sie so sehr plagen, dass sie irgendwann darauf besteht, sich die Weisheitszähne entfernen zu lassen, nur um für die Dauer der Narkose Ruhe vor ihren Gedanken zu haben. Auch das Verhältnis zu ihrem Körper, ihrer Sexualität oder allem, was männlich ist, ist von Kindesbeinen an gestört.

„Gleich und gleich gesellt sich gern“, hört man ja oft. Bei Lena Dunham ist es nicht anders. Die Menschen, die sie umgeben, sind ähnlich verkorkst und sonderbar wie Lena selbst – dieses Muster zieht sich von der Grundschule über die Highschool und das College bis zum Beginn ihrer Schauspielkarriere wie ein roter Faden durch ihr Leben. Manchmal will man einfach nur ins Buch fassen und dieses Mädel in den Arm nehmen.

Ich erwähnte es schon: dieses Buch lässt mich zwiegespalten zurück und ich habe das Gefühl, dass eine normale Bewertung irgendwo zwischen 1 und 5 Punkten an dieser Stelle keinen Sinn macht. Ich habe versucht, euch zu skizzieren, wie die Frau hinter dieser Autobiographie tickt – wen diese Zeilen neugierig gemacht haben, der sollte sich auf jeden Fall ermutigt fühlen, das Buch zu lesen. Ich empfehle das englische Original, aber wer es lieber auf Deutsch mag, wird hier fündig.

Donnerstag, 13. November 2014

Herzlich Willkommen, liebe Neuzugänge!

Platz ist in der kleinsten Hütte – für gute Bücher natürlich allemal. Meine übervollen Regale und bunt in der Wohnung verstreute Türmchen ignorierend, begrüße ich heute also wieder einmal ein paar Neuzugänge in meiner Sammlung :- ) Als da wären:

Tom Hillenbrand: Tödliche Oliven

Endlich ist er da: der vierte Fall von Xavier Kieffer, Luxemburger Koch, Restaurantbesitzer und Gourmet in Personalunion. Hillenbrands ersten Krimi, „Teufelsfrucht“, habe ich damals quasi neben dem offenen Kühlschrank gelesen, denn seine Schilderungen von Luxemburger Spezialitäten und Kieffers Ausflügen in diverse Pariser Gourmettempel haben für andauernden Hunger gesorgt. Gute Unterhaltung und einen spannenden Kriminalfall gab es quasi als Zugabe. Auch „Rotes Gold“, Hillenbrands zweiter Krimi, konnte mich begeistern. Der dritte Fall, „Letzte Ernte“ war nicht so ganz meins, aber ich bin guten Mutes, dass „Tödliche Oliven“ wieder gleichauf sein wird mit den beiden ersten Büchern.

Worum geht es? Gemeinsam mit seinem Schulfreund, dem Wein- und Ölhändler Alessandro Colao, fährt Xavier Kieffer alljährlich in die Toskana, unternimmt Weinproben und fährt einige Tage darauf voll bepackt mit Wein und Öl zurück nach Luxemburg. Diesmal läuft der Trip allerdings nicht ganz nach Plan: Sein Freund versetzt ihn und Kieffer findet heraus, dass Alessandro bereits Tage zuvor ohne ihn nach Italien aufgebrochen ist – und seither hat niemand etwas von ihm gehört. Der Koch macht sich auf die Suche. Aber statt Alessandro findet er eine verlassene Mühle, Tanks voll seltsam riechenden Olivenöls und bewaffnete Männer, die gerade Öl in einen Lastwagen pumpen. Man darf gespannt sein…


Petra Bock: Mindfuck Love

Petra Bocks Bücher zu ihrer Mindfuck-Methode habe ich zwar schon öfter im Handel stehen sehen, mich allerdings nie näher damit befasst – bis ich kürzlich gesehen habe, dass sie nun auch das Thema Liebe und Beziehungen auf diese Art beleuchtet. Und da es nie schaden kann, sich mal damit auseinanderzusetzen, wie man in Liebesdingen so tickt und sich und dem jeweiligen Gegenüber das (Liebes)leben schwer macht, wurde ich neugierig.

Aber worum geht es hier eigentlich genau? Mindfucks sind Denkmuster, die unsere persönliche Entfaltung hemmen und uns klein halten. Ein paar Beispiele, die wohl jeder kennt: oft versuchen wir, es anderen recht zu machen, und vergessen darüber unsere eigenen Bedürfnisse. Manchmal neigen wir dazu, uns selbst zu kritisieren und abzuwerten, halten still, wo wir eigentlich aufmucken sollten, oder setzen uns bei irgendetwas unnötig unter Druck. Gelegentlich halten wir uns an starre Regeln, anstatt selbstbewusst unseren Weg zu gehen, und bleiben damit unter unseren Möglichkeiten. Ich bin sehr gespannt, wie Petra Bock dieses Konzept nun auf das Thema Liebe und Beziehungen herunterbricht.


Ulla Hahn: Spiel der Zeit

Auf dieses Buch freue ich mich schon seit Monaten – umso mehr hat es mich gefreut, dass ich kürzlich ein Rezensionsexemplar von der DVA erhalten habe. „Spiel der Zeit“ ist der dritte und damit leider letzte Roman um Hilla Palm, Ulla Hahns Alter Ego. Band 1, „Das verborgene Wort“, habe ich mit 16 Jahren gelesen, und ich würde behaupten, dass er maßgeblichen Anteil an meiner späteren Studien- und damit auch Berufswahl hatte. Gelesen habe ich schon immer gerne, auch klassische Literatur fand ich schon zu einer Zeit interessant, als es eigentlich gerade cool war, alles was auch nur im Entferntesten mit der Schule zu tun hatte, uncool zu finden. Aber dieser Roman hat meine Liebe zur Literatur geradezu potenziert. Wie es Hilla Palm schafft, durch ihr Interesse an der Literatur und die Macht der Phantasie ihrem  nicht gerade liebevollen Elternhaus und den Regeln der Arbeiterklasse zu entfliehen, ist einfach nur faszinierend. Lesen, Schreiben und Denken öffnen ihr die Tür zu einer völlig neuen und anziehenden Welt und haben auch bei mir einiges bewirkt – bis hin zum Literaturstudium und späterer Anstellung in einem Verlag :-)


Aber genug der Vorrede, worum geht es in diesem Roman? Nachdem „Das verborgene Wort“ Hillas Kindheit zum Thema hatte und wir in „Aufbruch“ ihre Jugendjahre und das allmähliche Erwachsenwerden begleiten konnten, treffen wir Hilla nun als Studentin in Köln. Im turbulenten Jahr 1968 versucht sie hier heimisch zu werden, erkundet die Welt der Sprache, genießt die Freiheit des Denkens und sehnt sich nach Orientierung im Leben. Ich freue mich sehr auf diese Lektüre und möchte an dieser Stelle auch noch einmal eine große Empfehlung für die beiden Vorgängerromane aussprechen – jeder, der Freude an Literatur hat, wird auch eine große Freude an diesen Schmökern haben. 

Montag, 10. November 2014

Rachel Cohn und David Levithan: Dash and Lily’s Book of Dares

Der erste Satz: „Imagine this: You’re in your favorite bookstore, scanning the shelves.
Wann und wo: Mitte der 2000er, all over Manhattan
Das Accessoire zum Buch: Weihnachtskekse, heiße Schokolade und ein breites Grinsen – aber das stellt sich ohnehin bald automatisch ein…

Dass ich eine Schwäche für Weihnachtsromane habe, ist ja seit letzter Woche bekannt. Ich habe in den letzten Jahren wirklich so einige davon in den Händen gehabt, aber „Dash und Lily“ ist definitiv einer der wenigen, der herausragt und nachhallt. Ich LIEBE dieses Buch! Lest es! Vor allem, wenn gerade Weihnachten vor der Tür steht. Von mir aus aber auch, wenn es draußen 30 Grad hat oder ihr auf den Fidschi-Inseln seid. Hauptsache, ihr lest es. Ich selbst habe es nun bereits zum dritten Mal getan und war auf ein Neues fasziniert und verzaubert.

Worum geht es? Vielleicht kennt ihr den Strand Bookstore am Broadway in New York, direkt unterhalb vom Union Square. Für Bücherfreunde ist er eine wahre Fundgrube, und es ist quasi unmöglich, den Laden ohne einen Stapel Bücher – neu,  gebraucht oder auch von allem etwas – zu verlassen. Dem 16-jährigen Dash geht es ähnlich. Stundenlang kann er durch die Regalreihen streifen und sich in den Büchermassen verlieren. Ein paar Tage vor Weihnachten stößt er dabei direkt neben einem seiner Lieblingsbücher („Franny and Zoey“ von J.D. Salinger) auf ein rotes Moleskine-Notizbuch, das auf der ersten Seite folgende Anweisung enthält: „I’ve left some clues for you. If you want them, turn the page. If you don’t, put the book back on the shelf, please. ” – Wer würde da nicht neugierig werden?

Diese erste Botschaft ist von Lily und mir ihr beginnt eine Schnitzeljagd der etwas anderen Art durch das vorweihnachtliche New York. Abwechselnd aus Dashs und Lilys Perspektive erzählt, verfolgen wir mit, wie sich die beiden immer neue Aufgaben stellen, die es zu bewältigen gilt, um wieder an das Notizbuch zu gelangen. Sie nutzen das Buch auch, um sich gegenseitig kennenzulernen, halten ihre Gedanken und Kindheitserinnerungen darin fest, ihre Wünsche und Träume. Dass sie dabei manchmal fast zu erwachsen und philosophisch klingen für ihr Alter, sieht man dem Autorenduo nach. Denn Rachel Cohn und David Levithan gelingt es, nicht nur diese beiden Chaoten, sondern gleich eine ganze Schar liebenswürdiger und schrulliger Personen lebendig werden zu lassen.  

Ich lege dieses Buch jedem ans Herzen, der einen schönen Weihnachtsroman ebenso zu schätzen weiß, wie klug geschriebene Jugendbücher. David Levithan ist in den USA einer der angesehensten Jugendbuchautoren und hat schon vor Dash und Lily für Furore gesorgt mit Romanen wie „Nick &Norah – Sondtrack einer Nacht“ oder „Will & Will“ (gemeinsam mit "Jugendbuch-Guru" John Green). Ich habe Dash und Lily im amerikanischen Original gelesen, wer lieber die deutsche Übersetzung mag, wird hier fündig.

Bewertung: 5/5  

Freitag, 7. November 2014

Edward St. Aubyn: Der beste Roman des Jahres

Der erste Satz: Als Sir David Hampshire, ein wahres Relikt aus dem kalten Krieg, ihn darauf ansprach, ob er den Vorsitz der Jury für den Elysia Preis übernehmen wolle, hatte Malcolm Craig um vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gebeten.
Wann und wo? London 2013


Herbstzeit ist die Zeit der großen Buchpreise, und eines ist ihnen in der Regel gleich: Longlist, Shortlist und der letztendliche Gewinner sind selten unumstritten. Ob es nun darum geht, dass zu wenig Frauen auf der Longlist stehen, die ausgewählten Romane für Otto Normalleser zu hochtrabend sind oder wieder einmal zu wenig kleine Verlage Berücksichtigung gefunden haben – irgendein Kritikpunkt findet sich immer, und schon geht es in den Feuilletons dieser Welt drunter und drüber. Eigentlich ein gefundenes Fressen für eine satirische Betrachtung des ganzen Spektakels, dachte sich Edward St. Aubyn.

Worum geht’s? Der Elysia Preis ist der wichtigste Literaturpreis des Commonwealth. Die Zusammensetzung der Jury ist gleichermaßen von persönlichen Beziehungen wie auch strategischen Gedanken geprägt, der Literatursachverstand der einzelnen Mitglieder ist eher zweitrangig bis unwichtig. Der Weg hin zur letztendlichen Preisverleihung wird im Roman aus vielen unterschiedlichen Perspektiven geschildert: auf der einen Seite haben wir die teils überforderten, teils gelangweilten Jurymitglieder, auf der anderen Seite die nominierten Autoren – oder solche, die es doch nicht auf die Liste geschafft haben. Herausheben will ich an dieser Stelle nur Katherine Burns, deren vielversprechender Roman es nicht auf die Longlist geschafft hat, da eine Verlagsmitarbeiterin fälschlicherweise das Kochbuch einer indischen Hausfrau an die Jury weitergeleitet hat – für das wiederum die Longlist noch nicht Endstation ist.

St. Aubyns Roman „Der beste Roman des Jahres“ (im englischen Original übrigens „Lost for Words“, eine wie ich finde geniale Titelformulierung) ist eine herrliche Satire – teilweise fast schon Farce – auf den Literaturbetrieb, seine Mechanismen und vor allem Eitelkeiten. Der Aufhänger, an dem all das sichtbar wird, ist in erster Linie das fälschlicherweise an die Jury abgeschickte "Palast-Kochbuch" auf der Longlist. Herrlich, wie die einzelnen Jurymitglieder ihre Ratlosigkeit zu überdecken versuchen und sich in irgendwelchen postmodernen Interpretationsversuchen verstricken, immer darum  bemüht, die intellektuelle Fassade aufrecht zu erhalten: "Du behauptest, du seist Expertin für Gegenwartsliteratur, und dann wirst du mit einem spielerischen, postmodernen, multimedialen Meisterwerk konfrontiert und leugnest ganz naiv, dass es sich dabei überhaupt um einen Roman handelt." (Seite 139) oder auch "Ganz offensichtlich [...] bewegen wir uns hier im Grenzbereich zwischen Text und Textilie, wo die Fabrik-kation eines feinen, aber das scheinbare Thema verhüllenden Schleiers ausschlaggebend ist, womit dem Vorrang der figurativen Sprache vor der inhaltlichen Bedeutung oder, allgemeiner ausgedrückt, dem Vorrang des Boten vor jeglicher Botschaft, die er transportieren könnte, das Wort geredet wird." (Seite 171).

Mit diesem Roman lassen sich einige heitere Lesestunden verbringen, ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Perfekt für alle, die spontan mit den Augen rollen, wenn es im Feuilleton mal wieder mehr um die Selbstbeweihräucherung des Rezensenten als um das eigentliche Thema geht und Literaturpreise so vergeben werden, dass man möglichst viele potenzielle Leser von vornherein ausgrenzt, weil Literatur in den Augen gewisser Kritiker nunmal eine möglichst exklusive Veranstaltung bleiben sollte.  

Vielen Dank an dieser Stelle an den Piper Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Bewertung: 4/5
   

Dienstag, 4. November 2014

Heike Wanner: O du fröhliche Weibernacht

Der erste Satz: Die Geschäftsleitung möchte Sie hiermit ganz herzlich zu unserer DIESJÄHRIGEN WEIHNACHTSFEIER einladen.
Wann und wo? Hamburg und He
lgoland im Dezember 2013
Das Accessoire zum Buch: Heißgetränke in rauen Mengen


Ich gebe es zu: ich l-i-e-b-e Weihnachtsromane. Und während ich von Januar bis Oktober Romane, die allzu schnulzig und liebeslastig sind, eher weiträumig umgehe, kann es in den zwei Monaten danach gar nicht schnulzig genug werden. Von Singledasein und Liebeskummer geplagte Menschen, die inmitten von Schnee und Sturm ihr persönliches Weihnachtswunder erleben? Immer her damit! Auch dieses Jahr habe ich mir wieder einen schönen Stapel Weihnachtslektüre angehäuft, und auch mein e-Reader ist gut bestückt und wird mir die Zeit bis Heilig Abend (und vermutlich auch noch ein wenig darüber hinaus) versüßen.

Den Anfang im weihnachtlichen Lesereigen macht dieses Jahr Heike Wanner mit „O du fröhliche Weibernacht“, erschienen bei Ullstein – vielen Dank an dieser Stelle für mein Rezensionsexemplar! Heike Wanner kannte ich bereits von ihrem Roman „Weibersommer“, den ich Anfang des Jahres gelesen habe: ein richtiger Wohlfühlroman, der mir gut gefallen hat. Und auch mit diesem Weihnachtsroman hat mir die Autorin wieder einige schöne und gemütliche Lesestunden bereitet.

Worum geht es? Beim Hamburger Unternehmen „Sonne und Seife“ steht die Weihnachtsfeier vor der Tür – dieses Jahr wird jedoch nicht einfach nur schick essen gegangen, sondern direkt ein dreitägiger Ausflug nach Helgoland unternommen, Teambildungsmaßnahmen und lustige Spielchen inklusive. Das Prinzip, nach welchem bei „Vergnügungsfahrten“ dieser Art die Zimmerverteilung geregelt wird, kennt man ja: das Los entscheidet, und man erwischt prinzipiell immer die Zimmergenossen, die man eigentlich so gar nicht im Bett nebenan haben möchte. So geht es auch unserer kleinen Schicksalsgemeinschaft, die wir in diesem Roman begleiten (die anderen Angestellten werden mit Ausnahme des Chefs in der Handlung tatsächlich völlig ausgeblendet): die etwas verstockte Chefsekretärin Ulrike, die ehrgeizige Jana, die zurückhaltende Miriam und die resolute Cordula bilden „Team Zimtstern“ und teilen sich damit nicht nur das Zimmer, sondern müssen auch die gestellten Aufgaben gemeinsam bewältigen. Durch gewisse Umstände – die ich hier nicht verraten will, da ich spoilern müsste – müssen die vier ihren Aufenthalt auf der Insel unfreiwillig verlängern, da ein Schneesturm die Fähr- und Flugverbindungen ans Festland kappt.

Wer wie ich Weihnachtsromane mag oder einfach auf der Suche ist nach leichter Lektüre für gemütliche Winterabende, der ist bei diesem Buch bestens aufgehoben. Die vier Mädels, die im Mittelpunkt der Handlung stehen, sind ebenso unterschiedlich wie liebenswert (wenn auch nicht jede von Anfang an), und es macht einfach Spaß zu entdecken, welche Geschichten sie mit sich herumtragen und warum sie so sind, wie sie sind. Jede der Damen ist für die Handlung wichtig, hat ihren eigenen Erzählstrang und macht im Laufe des Romans eine gewisse Entwicklung durch – natürlich auf Ebene eines Unterhaltungsromans. Komplexe Charakterpsychologie sollte man eher nicht erwarten, aber das ist ja auch nicht das Ziel des Romans.

Ein toller Startschuss für meine diesjährige Weihnachtslesezeit und daher eine klare Leseempfehlung!


Bewertung: 4/5