Mittwoch, 8. Oktober 2014

Mary Scherpe: An jedem einzelnen Tag

Als ich am Wochenende aus dem Urlaub kam, lag es ganz unverhofft auf dem Tisch: das erste Buch, das mir von einem Verlag als Rezensionsexemplar zugeschickt wurde :- ) Vielen Dank, liebe Rebecca von BasteiLübbe.

Und obwohl ich zu diesem Zeitpunkt seit über 24 Stunden wach und Jetlag-geplagt war und daher eigentlich „nur mal kurz“ einen Blick ins Buch werfen wollte, waren ruckzuck die ersten 50 Seiten weg gelesen. Das Buch ist kein Roman, kein Krimi oder Thriller, sondern aus dem echten Leben der Autorin gegriffen – und daher tausend Mal spannender, als es reine Fiktion je sein könnte.

Worum geht es? Mary Scherpe ist die Bloggerin hinter Stil in Berlin, außerdem auf Facebook, Instagram und Twitter aktiv  – wie so viele Blogger. Und natürlich lebt sie davon, dass ihre Kommentare und Bilder auf diesen Portalen gelikt, kommentiert und geteilt werden. Was seit Mitte Juni 2012 geschieht, geht jedoch weit über das hinaus. Zu diesem Zeitpunkt tauchen erste Konten bei Instagram, Foursquare, Twitter und Tumblr auf, die Namen tragen wie stillinberlin oder Marianne von Schelpe, und deren einziger Zweck es ist, die Posts von Mary Scherpe zu parodieren oder mit üblen Kommentaren zu versehen. Doch dabei bleibt es nicht lange. Es folgen belästigende SMS und Anrufe sowie zahlreiche Postsendungen – Webebroschüren, Produktmuster von Teppichen, Kunstrasen oder gar Ziegelsteinen, Babypakete und vieles mehr. Egal, ob sie in Berlin, Hawaii oder Wien ist: der Stalker weiß darüber Bescheid und findet Wege, sie zu belästigen.  

Mary Scherpe beschließt sich zu wehren, wendet sich direkt an die Betreiber der Social-Media-Seiten, an Anwälte und die Polizei. Geholfen wird ihr nirgends. Auch dann nicht, als sie bereits einen sehr konkreten Verdacht hat, wer hinter den Angriffen stecken könnte. Also beschließt sie, in die Offensive zu gehen, und ihren Stalker mittels eines eigenen „Stalking-Blogs“ ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Sie dokumentiert sämtliche Emails, SMS und Postsendungen, fotografiert alles akribisch ab, und stellt es schließlich online. Dadurch werden die ersten Medien auf sie aufmerksam, sie gibt unter anderem der Süddeutschen Zeitung ein Interview. Und natürlich merkt auch der Stalker, dass seine Aktionen nun für jedermann sichtbar sind.

Mehr will ich an dieser Stelle eigentlich auch gar nicht verraten und stattdessen eine dringende Leseempfehlung aussprechen. Mary Scherpe hat hier ein sehr mutiges und wichtiges Buch geschrieben, ein gleichermaßen eindrückliches wie beklemmendes, das einen stellenweise einfach nur fassungslos den Kopf schütteln lässt angesichts der Tatsache, dass es für Stalkingopfer in Deutschland quasi einem Glücksfall gleichkommt, wenn ihnen an irgendeiner Stelle kompetent geholfen wird. Das verdeutlichen zum einen die Geschichten, die Mary Scherpe von sich und anderen Betroffenen erzählt, zum anderen aber auch die nackten Zahlen: nur knapp 500 der jährlich etwa 25 000 Anzeigen führen zur gerichtlichen Verhandlung. Aus diesem Grund hat Mary Scherpe auch eine Petition an das Justizministerium aufgesetzt, die auf die Änderung des „Stalking-Paragraphen“ (§ 238 des Strafgesetzbuchs) abzielt. Ihr findet sie unter www.change.org/stalkingparagraf


Vielen Dank an Bastei Lübbe für das Rezensionexemplar – und danke an Mary Scherpe für dieses offene und intime Buch.


Bewertung: 5/5 

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