Montag, 18. August 2014

Peter Stamm: Agnes

Der erste Satz: Agnes ist tot.
Wann und wo? Chicago – ich würde mal schätzen irgendwann Mitte der 90er
Das Accessoire zum Buch:  Ein Platz am Fenster. Man will gelegentlich mal innehalten, den Blick schweifen lassen und sich so seine eigenen Gedanken machen.

Dieses Buch habe ich kürzlich in der Bibliothek mitgenommen – ein totaler Spontangriff, denn eigentlich stand ich mit einem ganz anderen Ziel vor dem entsprechenden Bücherregal. Am Wochenende überkam es mich dann schließlich. Ich nahm „Agnes“ vom Stapel und las das Buch quasi „auf Ex“. Es ist ein schmales Buch, gerade mal 160 Seiten. Kurze Kapitel, relativ großzügig gesetzt, klare und schnörkellose Sprache. Aber dennoch steckt dahinter eine kleine Wucht und das Buch wird sicher noch einige Tage nachhallen.

Worum geht es? Agnes, eine junge amerikanische Physikstudentin, und der Erzähler, ein Schweizer Journalist, treffen sich zum ersten Mal in der Chicagoer Bibliothek. Beide sind dort, um zu recherchieren. Sie für eine wissenschaftliche Arbeit über Kristalle, er für ein Sachbuch zum Thema Luxuseisenbahnwagen. Sie lernen sich kennen, werden ein Paar – und schließlich fordert Agnes ihren Liebhaber auf, ein Buch über sie zu schreiben. Seine Geschichte setzt in der nahen Vergangenheit ein, genauer beim ersten Aufeinandertreffen von Agnes und ihm, und ist dummerweise relativ schnell in der Gegenwart angelangt. Was also tun, jetzt wo es sich nicht mehr über tatsächlich Geschehenes schreiben lässt? Eigentlich bleibt einem nichts anderes übrig, als Fiktion und Wirklichkeit auseinander driften und sich die Geschichte losgelöst von der Realität weiter entwickeln zu lassen. Was passiert jedoch mit einem Menschen, wenn die eigene Geschichte auf einem Papier weitergezeichnet wird? Lässt einen das kalt, lebt man unabhängig davon weiter? Lässt man sich davon beeindrucken, vielleicht weil einem der niedergeschriebene Fortgang der Geschichte eigentlich ganz gut gefällt und man nichts dagegen hätte, wenn tatsächlich alles so käme? Genau auf diese Gratwanderung müssen sich Agnes und der Erzähler nun machen: auf der einen Seite das Leben, auf der anderen die Fiktion. Und die beiden? Mal auf der einen Seite, mal auf der anderen, dann wiederum auf dem schmalen Grat dazwischen. Immer öfter greift die erfundene Handlung in die Realität ein, die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen zusehends, es entfaltet sich ein dicht gewobenes kleines Kammerspiel, in dem kein Wort zu viel fällt – jedoch immer genug, um das Kopfkino und Gedankenkarussell des Lesers in Schach zu halten, auch wenn die letzte Seite längst umgeblättert ist.

Ich war wirklich beeindruckt von diesem so unscheinbar daher kommenden Büchlein und möchte jede von euch ermuntern, zwischen all den tollen Neuerscheinungen dieses Bücherherbstes auch mal wieder zu einem „alten“ Buch zu greifen.    


Bewertung: 5/5


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