Montag, 22. Dezember 2014

Die goldenen 20er und New York in Bildern

Heute möchte ich euch zwei ganz besondere Prachtexemplare vorstellen – und dieses Mal geht’s mehr ums Blättern, Schauen und Schwelgen als direkt ums Lesen. Diese beiden tollen Bildbände sind kürzlich bei mir eingezogen (und machen sich übrigens auch prima als Last-Minute-Geschenk unter dem Weihnachtsbaum):

Frauen der 1920erJahre von Thomas Bleitner, erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag. Dieses Buch nimmt uns mit auf eine Reise in die Goldenen Zwanziger, als die Partys immer länger wurden und die Röcke und Haare der Damen immer kürzer. Als das Leben ein einziger Rausch war und in vollen Zügen ausgekostet wurde – als hätten die Menschen gewusst, das nur wenige Jahre später Weltwirtschaftskrise, Faschismus und letztendlich der Weg in den Weltkrieg folgen würden. Thomas Bleitner gibt uns einen tollen Einblick in diese Zeit und widmet sich vor allem den interessanten Frauen, die damals auf der Bildfläche erschienen und in unterschiedlichsten Bereichen des Lebens für Furore sorgten. Wir begegnen Damen wie der legendären US-Schriftstellerin und Kritikerin Dorothy Parker, der Grand Dame der Mode, Coco Chanel, oder auch deren absoluten Gegenpol Elsa Schiaparelli. Überhaupt, die Mode: wer dafür etwas übrig hat, wird auf den zahlreichen Fotos in diesem Buch tolle Anregungen und Eindrücke erhalten. Ein wirklich schöner – und schwerer – Bildband für alle Fans der 20er Jahre (und toller Frauen :-)).


New York, erschienen bei Dumont. New York ist für mich die Stadt aller Städte. Ach was, eigentlich ist New York nicht einfach nur eine Stadt, New York ist ein Lebensgefühl. Tolle Architektur, eine großartige Kunstszene, abgefahrene Läden und Restaurants, gemütliche und stylishe Bars, und Einwohner, wie man sie wirklich nur in dieser Stadt findet. Ich hatte vor zwei Jahren das Glück, acht Wochen dort leben und arbeiten zu dürfen – und ich würde sagen, ein kleines Stück meines Herzens habe ich da gelassen. Und wann immer mich jetzt die Sehnsucht packt und ich nicht spontan ins Flugzeug hüpfen kann, hole ich mir diesen tollen Bildband aus dem Regal und verliere mich in den zahlreichen Bildern. Das perfekte Buch, um in Erinnerungen zu schwelgen oder die Vorfreude auf den nächsten Städtertrip zu wecken.   

Dienstag, 16. Dezember 2014

Johanna Alba & Jan Chorin: Hosianna!


Der erste Satz: Ihre nackten Füße auf dem Marmorboden.
Wann und wo? Rom zur Weihnachtszeit

Hosianna!“ ist nach „Halleluja!“ und „Gloria!“ bereits der dritte Papst-Krimi von Autoren-Ehepaar Johanna Alba und Jan Chorin – für mich war es allerdings der erste (was sich bald ändern wird, so viel kann ich schonmal vorab verraten). Setting und Thema der Krimis sind denkbar gut gewählt, denn man merkt, wie heimisch sich die beiden Autoren mit beidem fühlen: Johanna Alba hat unter anderem in Rom studiert, wo sie in einer WG gleich hinter dem Vatikan wohnte, Jan Chorin ist Historiker und hat sich auf europäische Religions- und Geistesgeschichte spezialisiert.

Worum geht es? Weihnachtszeit in Rom. Doch bevor Papst Petrus zum besinnlichen Teil des Programms übergehen kann, sich Plätzchen schmecken lassen und Geschenke auspacken darf, muss erst einmal das Verschwinden des spanischen Priesters Juan aufgeklärt werden. Der wohnte seit Kurzem im gleichen Palazzo wie die Schwestern des Papstes und ist nun über Nacht plötzlich verschwunden. Wo könnte sich Juan befinden, ist er überhaupt noch am Leben – und wer hatte eigentlich ein Motiv, ihn aus dem Weg zu räumen? Der Palazzo beherbergt eine ganze Reihe kurioser Gestalten, die verdächtig erscheinen, und so ist der päpstliche Spürsinn schnell geweckt.

Die Coveranmutung lässt es bereits ahnen: in diesem Krimi geht es eher gemütlich zu, Fans von viel Blut und wilden Schießereien kommen eher nicht auf ihre Kosten. Aber wer ein bisschen cosy crime zu schätzen weiß und gerne Krimis mit Lokalkolorit, pointierten Dialogen und liebevoll-skurril gezeichneten Charakteren mag, der ist hier goldrichtig. Petrus ist ein Papst, wie man ihn sich wünschen würde: knattert gerne mit der Vespa durch Rom, zischt sein Bierchen auch mal direkt aus der Flasche, und verfolgt akribisch die Geschehnisse der italienischen Fußballliga. Das erzkatholische Kontrastprogramm bietet Schwester Immaculata, seine Haushälterin, mit der er sich so manchen verbalen Schlagabtausch liefert.  

Im Zentrum des Romans steht also das Verschwinden von Juan – und wie die beiden Autoren das aufgezogen haben, ist wirklich genial. Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gelesen, und jede der Teilnehmerinnen war von der Auflösung des Falles völlig überrascht und von den Socken. Chapeau!

Aber auch was so alles um den eigentlichen Kriminalfall herum gestrickt oder damit verwoben ist, hat mich wirklich begeistert. Bei aller Heiterkeit, die durch die Seiten schwingt, werden auch Dinge thematisiert, die für die katholische Kirche und/oder Rom ein echtes Problem darstellen (das Zölibat und die Immobiliensituation beispielsweise) oder eng mit der Geschichte der Stadt verknüpft sind wie die Borgias. 

Mich hat dieser Krimi daher sowohl wunderbar unterhalten als auch zum Nachdenken angeregt – klare Leseempfehlung!

Bewertung: 5/5

Freitag, 12. Dezember 2014

Michaela Karl: Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals


Spätestens die Verfilmungen zu „Der Große Gatsby“ oder „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ machten seine Werke weltberühmt (klar: den Lesefreunden unter uns waren sie auch vorher schon bekannt): F. Scott Fitzgerald, herausragender Chronist seiner Zeit und zusammen mit Ehefrau Zelda das Duo infernale der sogenannten „Lost Generation“. Sie galten als DAS Paar der 1920er Jahre, das Flapper Girl und der Schriftsteller durften in keinem intellektuellen Zirkel und auf keiner Party fehlen. Aber wie es manchmal eben so ist: hinter der feierwütigen Fassade der beiden verbargen sich in Wirklichkeit viel Unsicherheit und Unzufriedenheit. Und ihre ständige Suche nach Zerstreuung und Anerkennung, ihre permanente Herausforderung von Schicksal und Abenteuer, führte sie geradewegs in eine Spirale des psychischen und körperlichen Zerfalls.   

Diesen Prozess rollt Michaela Karl in ihrem Buch „Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals“ geradezu minutiös auf. Von Scott und Zeldas Kindheit und Jugendjahren über das erste Treffen und ihre gemeinsamen Jahre bis hin zum immer tieferen Fall und letztendlich viel zu frühen Tod. Wir begleiten sie nach New York, Paris und an die Riviera, diskutieren mit Hemingway, Dos Passos und Dorothy Parker (um nur ein paar wenige zu nennen – das Buch sprüht vor interessanten Menschen!). Wir kommen mit auf ihre ausschweifenden Partys, die immer mindestens drei Tage dauern und so anstrengend sind, dass manche – wie beispielsweise John Dos Passos – ihnen lieber fernbleiben würden. Wir fahren mit den beiden Taxi (wo wir natürlich nicht auf der Rückbank Platz nehmen, sondern gemeinsam mit Scott und Zelda auf der Motorhaube oder dem Dach), nutzen die Drehtür des luxuriösen Plaza Hotels als Karussell, kullern im Morgengrauen Sektflaschen die Fifth Avenue hinab und begehren auf Partys, zu denen wir nicht eingeladen sind, auf allen Vieren und bellend Einlass. Alles steht unter Zeldas Motto: „Wir kommen übers Wochenende, und wenn wir wieder aufwachen, ist es Donnerstag.“

Fitzgerald verarbeitet all diese Erlebnisse in seinen Werken: in seinen zahlreichen Kurzgeschichten, die regelmäßig in Zeitungen veröffentlicht werden, ebenso wie in seinen Gesellschaftsromanen und später in Drehbüchern für diverse Hollywood-Studios. Zelda widmet sich währenddessen exzessiv dem Tanz und der Malerei – auch sie hat zwar schriftstellerische Ambitionen, wird dabei aber von Scott eingebremst (der sich jedoch wiederum für seine eigenen Werke nach Herzenslust ihrer Notizen bedient).

Das Leben von Scott und Zelda ist also lange Zeit wie es Hemingway einst über Paris sagte, ein „moveable feast“ – bis es irgendwann kippt und, wie Michaela Karl schreibt, „das erfolgreiche, glückliche Leben einen Sprung bekam. Einen Sprung, der sich unmerklich weiter ausbreitete und [Scotts] Leben mehr und mehr bestimmte.“

Was auf die „Roaring Twenties“ folgt, sind der Börsencrash, die Große Depression, die Prohibition und Europas allmähliches Abdriften in den Faschismus, wovor Fitzgerald übrigens schon lange vorher warnt. Und bei Scott und Zelda privat? Da zeigen exzessiver Alkoholgenuss und ein ausschweifendes Leben allmählich ihre Konsequenzen. Beide sind körperlich und seelisch am Ende, führen keine glückliche Ehe, sondern reiben sich eher aneinander auf. Scott kommt nur noch mit großen Mengen Alkohol durch den Tag und lässt keinen Versuch aus, sich und andere öffentlichkeitswirksam zu blamieren und am eigenen Ruf zu kratzen. Über ein Treffen mit Schriftsteller André Chamson ist beispielsweise überliefert: „Als Scott ihn mit einem Eiskübel voller Champagner in seinem Dachzimmer besuchen kommt, beginnt er noch auf der Treppe, sich zu entkleiden, um in dem Eiskübel zu baden. […] Zu später Stunde wird sich Scott über die Balkonbrüstung schwingen und in den Pariser Nachthimmel hinausbrüllen: ‚Ich bin Voltaire! Ich bin Rosseau!‘“

Zelda unternimmt unterdessen zahlreiche Selbstmordversuche und versucht nicht nur einmal, Scott auf der Fahrt durch die Haarnadelkurven der französischen Riviera ins Lenkrad zu greifen und den Wagen über die Steilklippen zu lenken. Es folgen jahrelange Aufenthalte in Kliniken und Sanatorien, bei der sie Behandlungsmethoden über sich ergehen lassen muss, die mehr schaden als nützen.

Bevor meine Rezension noch ausschweifender wird, spreche ich hiermit eine klare Leseempfehlung aus. Für jeden, der sich für die Fitzgeralds, die 20er Jahre, zeitgenössische US-Literatur oder die „Lost Generation“ interessiert, ist Michaela Karls Buch ein echter Genuss. Und wer Gefallen daran gefunden hat, dem möchte ich auch gleich noch Michaela Karls Buch über Dorothy Parker ans Herz legen:
"Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber".

Bewertung: 5/5

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Petra Bock: MINDFUCK Love

Heute mache ich mal einen kleinen Ausflug zu den Ratgebern und habe mir dafür ein Thema ausgesucht, das wohl jeden von uns beschäftigt: die Liebe. Vermutlich gibt es kaum ein Thema, über das mehr geschrieben wurde und immernoch wird – vom Liebesroman über Gedichte und Dramen bis hin zum Ratgeber trägt quasi jedes Genre seinen Teil dazu bei, dass uns der Lesestoff nicht ausgeht.

Petra Bock nähert sich dem Thema nun mit ihrer Methode MINDFUCK. Mindfucks sind Denkmuster, die unsere persönliche Entfaltung hemmen und uns klein halten. Beispielsweise wenn wir versuchen, es anderen recht zu machen, und darüber hinaus unsere eigenen Bedürfnisse vergessen. Wenn wir uns selbst kritisieren und abwerten oder wenn wir still halten, wo wir eigentlich aufmucken sollten. Kurz gesagt: es sind kleine Störer, die uns daran hindern, unser wahres Potenzial zu entfalten.

Wie sieht das Ganze auf die Liebe übertragen aus? Petra Bocks Grundthese ist, dass wir in der Anfangsphase einer neuen Beziehung das wahre Potenzial dieser Liebe erleben, sie nennt es „die Essenz des Anfangs“: Jeder der beiden Beteiligten zeigt sich von seiner besten Seite, man ist offen, interessiert und neugierig gegenüber dem Partner, nimmt sich ausreichend Zeit füreinander und sorgt dafür, dass kleine Aufmerksamkeiten und Überraschungen in der Beziehung nicht zu kurz kommen. Und was passiert dann? Irgendwann kennt man den anderen und dessen Macken in- und auswendig, der Neuigkeitsfaktor der Beziehung ist verpufft, der Alltag macht sich immer breiter – und plötzlich ist der Wurm drin. Unzufriedenheit schleicht sich ein und man verfällt in gewisse Muster oder eben MINDFUCKS. Um nur drei kleine Beispiele zu kennen: ein MINDFUCK kann sich darin äußern, dass man das eigene Glück schlecht redet („Das kann doch sowieso nicht lange gutgehen, bald passiert irgendetwas Schlimmes“), die eigenen Interessen notorisch hinter die des anderen Stellt und dadurch für beide Seiten Unzufriedenheit sät oder den eigentlich geliebten Partner plötzlich überkritisch bewertet, weil er eben auch nur ein Mensch ist, was man in der Anfangszeit ja gerne mal verdrängt.

Petra Bock zufolge passiert das klassischerweise dann, wenn man an einer Schwelle steht. Ihre langjährige Erfahrung zeigt, dass Menschen „immer dann anfangen sich zu blockieren, wenn sie kurz vor einem wirklichen Durchbruch stehen. Wenn sie sich erlauben, etwas wirklich Großes und Wunderbares zu erleben und nicht nur darüber zu reden. Genau dann setzen die selbstsabotierenden Gedanken ein. Verrückt. Es scheint eine innere Grenze in uns zu geben, die das Gewohnte schützt“ (Seite 31).

Petra Bock analysiert diese Verhaltensmuster und liefert auch interessante Erklärungen für deren Zustandekommen – vor allem liefert sie jedoch auch interessante Ansätze, wie man mit ihnen umgeht und nicht zulässt, dass sie die Beziehung immer weiter in eine Negativspirale treiben. Da alle Theorie bekanntlich grau ist, veranschaulicht die Autorin ihre Thesen durch zahlreiche Fälle aus der eigenen Praxis (die es nebenbei gesagt gar nicht unbedingt bräuchte, denn beim Lesen fallen einem spontan genügend Beispiele aus dem eigenen Umfeld ein und plötzlich löst sich so manches Fragezeichen in Luft auf).

Ich muss sagen, ich hatte wirklich großen Spaß beim Lesen. Petra Bock schreibt kurzweilig und verständlich, sehr klar und auf den Punkt. Man kann ihrer Argumentation gut folgen und hat so manches Aha-Erlebnis. Klare Leseempfehlung!

Bewertung: 5/5

Donnerstag, 27. November 2014

Marco Malvaldi: Toskanische Verhältnisse

Der erste Satz: Schon bevor man das Dorf erreicht, lässt die Straße nach Montesodi Marittimo wohl niemanden kalt.
Wann und wo? Irgendwann im Winter in Montesodi Marittimo, einem fiktiven Dorf in der Toskana

Wer in letzter Zeit ab und an hier oder auf meiner Facebook-Seite vorbeigeschaut hat, wird es bereits wissen: ich liebe Weihnachtsromane. Was ich aber fast noch mehr liebe, sind Romane, in denen Menschen eingeschneit werden (das absolut allerbeste sind natürlich Weihnachtsromane, in denen die Protagonisten eingeschneit werden – aber ich will es mal nicht übertreiben mit den Ansprüchen). Am häufigsten wird meine Lust auf Schneemassen natürlich in Kriminalromanen bedient, in denen so ein Eingeschneitwerden ungemein hilfreich sein kann, um den Plot richtig schön dicht und spannend zu machen. Man denke nur an „Mord im Orient-Express“ – der erste richtige Krimi, den ich irgendwann in recht zartem Alter in die Hände bekommen habe und dem seither nur sehr wenige Krimis das Wasser reichen konnten.

Auch „Toskanische Verhältnisse“ ist ein Krimi, allerdings würde ich ihn eher der Gattung „cosy crime“ zuordnen, von der man in letzter Zeit häufig liest. Worum geht es? Montesodi Marittimo ist ein Nest in den toskanischen Bergen: 812 Einwohner (Durchschnittsalter: 69 Jahre), 1726 Hühner – und eine große Besonderheit. Die Bewohner des Dorfes verfügen nämlich bereits seit vielen Generationen über ungewöhnliche Kräfte. Aus diesem Grund werden Piergiorgio Pazzi, ein junger Arzt, und Dr. Margherita Castelli, Forschungsangestellte in Romanischer Philologie, ins Dorf abbestellt. Gemeinsam sollen sie unter anderem mittels DNA-Tests herausfinden, wo der Schlüssel zu diesen unerklärlichen Kräften liegt.

Einer Dame aus dem Dorf, Signora Zerbi, passt das so überhaupt nicht in den Kram – aus gutem Grund: „In diesem Dorf trägt etwa ein Drittel der Kinder den falschen Familiennamen. In manchen Fällen ist das allgemein bekannt, in anderen wird es vermutet, in wieder anderen weiß keiner davon. Und manchmal ist es besser, dass diese Ungewissheit erhalten bleibt.“ Wir sehen also: es geht ums dörfliche Italien, um gut gehütete Geheimnisse und Vetternwirtschaft – und eventuell auch noch um ganz andere Dinge, die während der Ermittlungen erst noch ans Licht kommen müssen. Zum Beispiel, warum Signora Zerbi am Morgen ihres Todes eigentlich einen Notartermin gehabt hätte.

Ich habe es bereits eingangs erwähnt: bei Malvaldi bekommt man eher einen behaglichen Krimi, als Action, Verfolgungsjagden und Explosionen. Es wird gut gegessen und getrunken – wir sind ja schließlich in Italien -, geklatscht und getratscht, gemutmaßt und ermittelt, und zwischendrin fällt genügend Schnee, um das Dorf immerhin für den Zeitpunkt des Mordes von der Außenwelt abzuschneiden. Abgesehen von dieser Tatsache spielt der Schnee allerdings keine größere Rolle.

Unterm Strich hat mich dieser Roman gut unterhalten und ich empfehle ihn gerne weiter an Leser, die es eher gemütlich statt temporeich mögen, die gerne Lokalkolorit in ihren Büchern haben und die italienische Lebensart schätzen.

Bewertung: 4/5 

Montag, 24. November 2014

Ulla Hahn: Spiel der Zeit

Der erste Satz: Lommer jonn, hatte der Großvater gesagt, zum ersten, zum zweiten und zum dritten Mal.
Wann und wo? Ende der 60er Jahre, Köln und Umgebung

Von diesem Buch lest ihr heute bereits zum dritten Mal auf diesem Blog – ganz einfach, weil es mein absolutes Highlight dieses Lesejahres ist und ich gar nicht genug Werbung dafür machen kann. Schon seit ich im Frühjahr in der DVA-Vorschau gesehen hatte, dass Ulla Hahn endlich den dritten Teil der Trilogie um ihr Alter Ego Hilla Palm geschrieben hat, war ich hibbelig – und vor ein paar Wochen lag das Buch endlich in meinem Briefkasten. Vielen Dank an DVA für mein Leseexemplar!

Warum diese große Begeisterung? Wie kürzlich schon einmal erwähnt, hatte Band 1 der Trilogie, „Das verborgene Wort“, maßgeblichen Anteil an meiner späteren Studien- und damit auch Berufswahl. Dieser Roman (den ich mit 16 Jahren gelesen habe), hat meine ohnehin schon ziemlich ausgeprägte Liebe zur Literatur geradezu potenziert und einiges in mir bewirkt – bis hin zum Literaturstudium und späterer Anstellung in einem Verlag :-) Auch den zweiten Band, „Aufbruch“, in dem wir Hilla während ihrer Jugendjahre und dem allmählichen Erwachsenwerden begleiten, habe ich in kurzer Zeit verschlungen.

Worum geht es nun in „Spiel der Zeit“? Wir treffen Hilla als frischgebackene Studentin in Köln. Im turbulenten Jahr 1968 versucht sie hier heimisch zu werden, erkundet die Welt der Sprache, genießt die Freiheit des Denkens und sehnt sich nach Orientierung im Leben. Sie liest sich durch die großen Theoretiker der deutschen Literaturwissenschaft, besucht erste Demos und lernt zwischen Literaturseminaren und „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ ihre erste Liebe kennen: Hugo, der auf intellektueller wie auch körperlicher Ebene ein Seelenverwandter zu sein scheint. Es wird diskutiert und debattiert, geliebt und gezweifelt.

Raus aus dem erzkatholischen und wenig von Liebe und Zuneigung geprägten Elternhaus, rein ins pralle Studentenleben also – jedoch immer in dem Wissen, dass sie auch ein Stück weit ihre Vergangenheit ist und bleibt. Sie ist immernoch „Hilla Selberschuld“, sie bleibt „dat Kenk vun nem Prolete“, das nun seinen Platz inmitten von jungen Erwachsenen aus dem Bildungs- und Großbürgertum finden muss. Die Nacht auf der Lichtung (wer „Aufbruch“ kennt, weiß wovon ich rede) kann sie so schnell nicht abschütteln. Auch die Werte, die ihre Erziehung geprägt haben, muss sie erst mühsam abstreifen wie eine Raupe bei der Verpuppung. Auffallend oft tritt dann Ulla Hahn als Erzählerin aus dem Hintergrund nach vorne und lässt uns an ihren Gedanken über ihr Alter Ego Hilla teilhaben: „So sehr ich weiß, dass es weitergehen muss, so dringend mein erzählerisches Pflichtgefühl gebietet, Hilla endlich vorwärtszuschicken ins neue Leben, so mächtig treiben mich meine Gefühle zurück zu den Orten und Menschen meiner Kindheit. Erst jetzt beim Schreiben merke ich das. All das Neue, das Hilla erlebt, wird erst neu, wird erst zur Gewissheit, zum Eigen, wenn es sich widerspiegelt im Alten, wenn es zum Vergangene in Beziehung gesetzt wird.“

Hilla auf dieser Reise zu begleiten hat mir große Freude gemacht. Ich bedauere es sehr, dass die Trilogie nun abgeschlossen ist – aber zum Glück kann ich ja jederzeit zu Hilla zurückkehren. Zusammen genommen ist diese Trilogie ein wunderbarer Entwicklungs- und Bildungsroman, eine kraftvolle und sprachgewaltige Liebeserklärung an die Macht der Literatur und der Sprache, die ich jedem ans Herz legen möchte. Ob man nun direkt beim dritten Band einsteigt oder sich die Freude macht, ganz von vorne zu beginnen: ich bin mir sicher, dass jeder, der Literatur mag, direkt angefixt sein wird.

Bewertung: 5/5

Dienstag, 18. November 2014

Klara Nordin: Totenleuchten

Der erste Satz: Frostige Kälte lag über der beschaulichen Kleinstadt nördlich des Polarkreises. 
Wo und wann? Jokkmokk am Polarkreis, Gegenwart
Das Accessoire zum Buch: heißer Tee und Wolldecke – es fröstelt beim Lesen!

Langsam aber sicher wird es Winter, die Temperaturen sinken, die Tage werden kürzer –  eigentlich also die perfekte Zeit für einen Krimi aus dem kalten und manchmal etwas düsteren hohen Norden. „Totenleuchten“ ist der erste Krimi von Klara Nordin und wie ich finde direkt ein toller Wurf! Klara Nordin heißt übrigens eigentlich ganz anders: hinter diesem Pseudonym verbirgt sich nämlich eine deutsche Buchhändlerin und Verlagsmitarbeiterin, die vor über zehn Jahren nach Schweden ausgewandert ist und inzwischen in Jokkmokk am Polarkreis wohnt, wo sie auch ihren Roman angesiedelt hat. Ich selbst war letztes Jahr auch im schwedischen Teil Lapplands unterwegs, wenn auch nicht ganz so weit oben, und muss sagen, dass es der Autorin wunderbar gelungen ist, diese ganz eigene Stimmung, die weite und unberührte Landschaft, das Klima und das Wesen der Menschen in ihrem Roman einzufangen.

Worum geht es genau? Bergeweise Neuschnee, zugefrorene Seen, samischer Wintermarkt – und mittendrin ein grausamer Mord an einem samischen Jugendlichen. Kurz zuvor ist bereits dessen bester Freund, der seit einem schweren Autounfall im Rollstuhl saß, auf sonderbare Art und Weise in einem See ertrunken. Hängen die beiden Todesfälle zusammen? Linda Lundin hat gerade ihren neuen Job als Hauptkommissarin in Nordschweden angetreten, einen solch schrecklichen Mord hat auch sie selten gesehen. Wer tötet einen Jungen, der im Dorf rundum beliebt war? Gemeinsam mit ihren Kollegen Bengt und Margareta nimmt sie die Ermittlungen auf und stößt im kleinen Jokkmokk auf kuriose Bewohner, samische Geschichten und dunkle Geheimnisse.

Es ist gar nicht so einfach, die Handlung zu umreißen, ohne viele Worte zu gebrauchen oder aber schon zu viel zu verraten. Klara Nordin hat hier wirklich einen sehr dichten Plot gewoben, interessante Wendungen und Zusammenhänge eingebaut. Auch wenn der Krimi unterm Strich eher „ruhig“ ist – wer auf Verfolgungsjageden, Herumgeballere oder Ähnliches steht, wird hier eventuell nicht so ganz zufrieden gestellt – hält sich die Spannung über das ganze Buch hinweg. Unterfüttert wird die Krimihandlung durch viele Geschichten über die Samen, ihre Bräuche und Lebensart. Auch die Landschaft und das Klima Lapplands spielen eine Rolle, was mir persönlich sehr gut gefiel.

Ich freue mich schon auf weitere Krimis von Klara Nordin und gebe eine klare Leseempfehlung für alle, die Krimis aus Skandinavien mögen oder es gerne haben, wenn das Krimi-Setting genauso kühl und frostig ist, wie einige der Charaktere :-)
 
Bewertung: 4/5

Montag, 17. November 2014

Lena Dunham: Not That Kind of Girl

Wann und wo? Hauptsächlich New York und Umgebung, 1986 bis heute
Der erste Satz: I am twenty years old and I hate myself. 

Ich muss ehrlich gestehen: ich sitze hier gerade einigermaßen ratlos – wie steige ich in diese Rezension ein, wie soll eigentlich am Ende mein Fazit aussehen? Ich habe selten ein Buch gelesen, das mich so zwiespältig zurück ließ. Aber mal der Reihe nach: vorab sollte ich vielleicht sagen, dass ich die ersten ca. 7 Folgen von Lena Dunhams Serie „Girls“ im amerikanischen Original gesehen habe, danach jedoch keinen Drang verspürte, mir auch weitere Folgen anzuschauen. Irgendwie fand ich das alles ein wenig befremdlich und weit weg von mir und meinem Leben – das sind Frauenserien zwar generell, denn wer lebt schon wie Carrie Bradshaw oder Serena van der Woodsen. Aber „Girls“ schreibt sich ja auf die Fahnen, das Leben der Twentysomethings – zu denen ich gerade noch so gehöre -,ihre Sorgen und Ängste abzubilden. Lassen wir das mal dahingestellt, ich fühlte jedenfalls weder mich noch die Gleichaltrigen, die ich so kenne, abgebildet.

Als die Vorankündigung zu Dunhams Buch kam, wurde ich dennoch hellhörig, denn aus irgendeinem Grund interessierte es mich brennend, wer genau die Frau hinter dieser Serie ist. Und da ich am Erscheinungstag gerade in den USA war, habe ich mir direkt ein Exemplar besorgt. Sofort positiv aufgefallen ist mir die Gestaltung: ein schnörkellos aber ansprechend gestalteter Schutzumschlag, richtig schnuckeliges Vorsatzpapier, witzige Illustrationen, schöne Typo – rein optisch ist das Buch wirklich gelungen.

Kommen wir zum Inhalt: Lena Dunham schreibt durchaus unterhaltsam. Ich habe das Buch gerne gelesen, stellenweise fast schon rauschartig. ABER: Irgendwie habe ich mich dabei manchmal gefühlt, als sei ich eine dieser Gafferinnen an einer Unfallstelle – eigentlich finden sie das, was es dort zu sehen gibt, unangenehm. Aber wegschauen können sie trotzdem nicht. Lena Dunham erzählt über sich und ihr Leben mit einer Konsequenz, die mich manchmal peinlich berührte. Kein Detail scheint ihr intim genug, um es nicht zu teilen. Man hat den Eindruck, als könne sie gar nicht genug davon bekommen, schreibenderweise blank zu ziehen. Und was sie dabei so über ihre Kindheit und Jugend erzählt, erzeugt bei mir ein Gefühl irgendwo zwischen Verstörtheit und Mitleid. Beispielsweise wenn sie erzählt, wie sie im Alter von fünf Jahren auf einer Kunstausstellung von einer Dame gefragt wird, was denn passiere, wenn sie unartig sei: „When I’m bad“, I announced, „my father sticks a fork in my vagina.“ Oder wenn sie von ihren ersten Sitzungen mit einer Psychotherapeutin berichtet – im Alter von acht Jahren. Dazu kommen bereits im Kindesalter Phobien aller Art (besonders vor Keimen, Viren und diversen Krankheiten), die sie so sehr plagen, dass sie irgendwann darauf besteht, sich die Weisheitszähne entfernen zu lassen, nur um für die Dauer der Narkose Ruhe vor ihren Gedanken zu haben. Auch das Verhältnis zu ihrem Körper, ihrer Sexualität oder allem, was männlich ist, ist von Kindesbeinen an gestört.

„Gleich und gleich gesellt sich gern“, hört man ja oft. Bei Lena Dunham ist es nicht anders. Die Menschen, die sie umgeben, sind ähnlich verkorkst und sonderbar wie Lena selbst – dieses Muster zieht sich von der Grundschule über die Highschool und das College bis zum Beginn ihrer Schauspielkarriere wie ein roter Faden durch ihr Leben. Manchmal will man einfach nur ins Buch fassen und dieses Mädel in den Arm nehmen.

Ich erwähnte es schon: dieses Buch lässt mich zwiegespalten zurück und ich habe das Gefühl, dass eine normale Bewertung irgendwo zwischen 1 und 5 Punkten an dieser Stelle keinen Sinn macht. Ich habe versucht, euch zu skizzieren, wie die Frau hinter dieser Autobiographie tickt – wen diese Zeilen neugierig gemacht haben, der sollte sich auf jeden Fall ermutigt fühlen, das Buch zu lesen. Ich empfehle das englische Original, aber wer es lieber auf Deutsch mag, wird hier fündig.

Donnerstag, 13. November 2014

Herzlich Willkommen, liebe Neuzugänge!

Platz ist in der kleinsten Hütte – für gute Bücher natürlich allemal. Meine übervollen Regale und bunt in der Wohnung verstreute Türmchen ignorierend, begrüße ich heute also wieder einmal ein paar Neuzugänge in meiner Sammlung :- ) Als da wären:

Tom Hillenbrand: Tödliche Oliven

Endlich ist er da: der vierte Fall von Xavier Kieffer, Luxemburger Koch, Restaurantbesitzer und Gourmet in Personalunion. Hillenbrands ersten Krimi, „Teufelsfrucht“, habe ich damals quasi neben dem offenen Kühlschrank gelesen, denn seine Schilderungen von Luxemburger Spezialitäten und Kieffers Ausflügen in diverse Pariser Gourmettempel haben für andauernden Hunger gesorgt. Gute Unterhaltung und einen spannenden Kriminalfall gab es quasi als Zugabe. Auch „Rotes Gold“, Hillenbrands zweiter Krimi, konnte mich begeistern. Der dritte Fall, „Letzte Ernte“ war nicht so ganz meins, aber ich bin guten Mutes, dass „Tödliche Oliven“ wieder gleichauf sein wird mit den beiden ersten Büchern.

Worum geht es? Gemeinsam mit seinem Schulfreund, dem Wein- und Ölhändler Alessandro Colao, fährt Xavier Kieffer alljährlich in die Toskana, unternimmt Weinproben und fährt einige Tage darauf voll bepackt mit Wein und Öl zurück nach Luxemburg. Diesmal läuft der Trip allerdings nicht ganz nach Plan: Sein Freund versetzt ihn und Kieffer findet heraus, dass Alessandro bereits Tage zuvor ohne ihn nach Italien aufgebrochen ist – und seither hat niemand etwas von ihm gehört. Der Koch macht sich auf die Suche. Aber statt Alessandro findet er eine verlassene Mühle, Tanks voll seltsam riechenden Olivenöls und bewaffnete Männer, die gerade Öl in einen Lastwagen pumpen. Man darf gespannt sein…


Petra Bock: Mindfuck Love

Petra Bocks Bücher zu ihrer Mindfuck-Methode habe ich zwar schon öfter im Handel stehen sehen, mich allerdings nie näher damit befasst – bis ich kürzlich gesehen habe, dass sie nun auch das Thema Liebe und Beziehungen auf diese Art beleuchtet. Und da es nie schaden kann, sich mal damit auseinanderzusetzen, wie man in Liebesdingen so tickt und sich und dem jeweiligen Gegenüber das (Liebes)leben schwer macht, wurde ich neugierig.

Aber worum geht es hier eigentlich genau? Mindfucks sind Denkmuster, die unsere persönliche Entfaltung hemmen und uns klein halten. Ein paar Beispiele, die wohl jeder kennt: oft versuchen wir, es anderen recht zu machen, und vergessen darüber unsere eigenen Bedürfnisse. Manchmal neigen wir dazu, uns selbst zu kritisieren und abzuwerten, halten still, wo wir eigentlich aufmucken sollten, oder setzen uns bei irgendetwas unnötig unter Druck. Gelegentlich halten wir uns an starre Regeln, anstatt selbstbewusst unseren Weg zu gehen, und bleiben damit unter unseren Möglichkeiten. Ich bin sehr gespannt, wie Petra Bock dieses Konzept nun auf das Thema Liebe und Beziehungen herunterbricht.


Ulla Hahn: Spiel der Zeit

Auf dieses Buch freue ich mich schon seit Monaten – umso mehr hat es mich gefreut, dass ich kürzlich ein Rezensionsexemplar von der DVA erhalten habe. „Spiel der Zeit“ ist der dritte und damit leider letzte Roman um Hilla Palm, Ulla Hahns Alter Ego. Band 1, „Das verborgene Wort“, habe ich mit 16 Jahren gelesen, und ich würde behaupten, dass er maßgeblichen Anteil an meiner späteren Studien- und damit auch Berufswahl hatte. Gelesen habe ich schon immer gerne, auch klassische Literatur fand ich schon zu einer Zeit interessant, als es eigentlich gerade cool war, alles was auch nur im Entferntesten mit der Schule zu tun hatte, uncool zu finden. Aber dieser Roman hat meine Liebe zur Literatur geradezu potenziert. Wie es Hilla Palm schafft, durch ihr Interesse an der Literatur und die Macht der Phantasie ihrem  nicht gerade liebevollen Elternhaus und den Regeln der Arbeiterklasse zu entfliehen, ist einfach nur faszinierend. Lesen, Schreiben und Denken öffnen ihr die Tür zu einer völlig neuen und anziehenden Welt und haben auch bei mir einiges bewirkt – bis hin zum Literaturstudium und späterer Anstellung in einem Verlag :-)


Aber genug der Vorrede, worum geht es in diesem Roman? Nachdem „Das verborgene Wort“ Hillas Kindheit zum Thema hatte und wir in „Aufbruch“ ihre Jugendjahre und das allmähliche Erwachsenwerden begleiten konnten, treffen wir Hilla nun als Studentin in Köln. Im turbulenten Jahr 1968 versucht sie hier heimisch zu werden, erkundet die Welt der Sprache, genießt die Freiheit des Denkens und sehnt sich nach Orientierung im Leben. Ich freue mich sehr auf diese Lektüre und möchte an dieser Stelle auch noch einmal eine große Empfehlung für die beiden Vorgängerromane aussprechen – jeder, der Freude an Literatur hat, wird auch eine große Freude an diesen Schmökern haben. 

Montag, 10. November 2014

Rachel Cohn und David Levithan: Dash and Lily’s Book of Dares

Der erste Satz: „Imagine this: You’re in your favorite bookstore, scanning the shelves.
Wann und wo: Mitte der 2000er, all over Manhattan
Das Accessoire zum Buch: Weihnachtskekse, heiße Schokolade und ein breites Grinsen – aber das stellt sich ohnehin bald automatisch ein…

Dass ich eine Schwäche für Weihnachtsromane habe, ist ja seit letzter Woche bekannt. Ich habe in den letzten Jahren wirklich so einige davon in den Händen gehabt, aber „Dash und Lily“ ist definitiv einer der wenigen, der herausragt und nachhallt. Ich LIEBE dieses Buch! Lest es! Vor allem, wenn gerade Weihnachten vor der Tür steht. Von mir aus aber auch, wenn es draußen 30 Grad hat oder ihr auf den Fidschi-Inseln seid. Hauptsache, ihr lest es. Ich selbst habe es nun bereits zum dritten Mal getan und war auf ein Neues fasziniert und verzaubert.

Worum geht es? Vielleicht kennt ihr den Strand Bookstore am Broadway in New York, direkt unterhalb vom Union Square. Für Bücherfreunde ist er eine wahre Fundgrube, und es ist quasi unmöglich, den Laden ohne einen Stapel Bücher – neu,  gebraucht oder auch von allem etwas – zu verlassen. Dem 16-jährigen Dash geht es ähnlich. Stundenlang kann er durch die Regalreihen streifen und sich in den Büchermassen verlieren. Ein paar Tage vor Weihnachten stößt er dabei direkt neben einem seiner Lieblingsbücher („Franny and Zoey“ von J.D. Salinger) auf ein rotes Moleskine-Notizbuch, das auf der ersten Seite folgende Anweisung enthält: „I’ve left some clues for you. If you want them, turn the page. If you don’t, put the book back on the shelf, please. ” – Wer würde da nicht neugierig werden?

Diese erste Botschaft ist von Lily und mir ihr beginnt eine Schnitzeljagd der etwas anderen Art durch das vorweihnachtliche New York. Abwechselnd aus Dashs und Lilys Perspektive erzählt, verfolgen wir mit, wie sich die beiden immer neue Aufgaben stellen, die es zu bewältigen gilt, um wieder an das Notizbuch zu gelangen. Sie nutzen das Buch auch, um sich gegenseitig kennenzulernen, halten ihre Gedanken und Kindheitserinnerungen darin fest, ihre Wünsche und Träume. Dass sie dabei manchmal fast zu erwachsen und philosophisch klingen für ihr Alter, sieht man dem Autorenduo nach. Denn Rachel Cohn und David Levithan gelingt es, nicht nur diese beiden Chaoten, sondern gleich eine ganze Schar liebenswürdiger und schrulliger Personen lebendig werden zu lassen.  

Ich lege dieses Buch jedem ans Herzen, der einen schönen Weihnachtsroman ebenso zu schätzen weiß, wie klug geschriebene Jugendbücher. David Levithan ist in den USA einer der angesehensten Jugendbuchautoren und hat schon vor Dash und Lily für Furore gesorgt mit Romanen wie „Nick &Norah – Sondtrack einer Nacht“ oder „Will & Will“ (gemeinsam mit "Jugendbuch-Guru" John Green). Ich habe Dash und Lily im amerikanischen Original gelesen, wer lieber die deutsche Übersetzung mag, wird hier fündig.

Bewertung: 5/5  

Freitag, 7. November 2014

Edward St. Aubyn: Der beste Roman des Jahres

Der erste Satz: Als Sir David Hampshire, ein wahres Relikt aus dem kalten Krieg, ihn darauf ansprach, ob er den Vorsitz der Jury für den Elysia Preis übernehmen wolle, hatte Malcolm Craig um vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gebeten.
Wann und wo? London 2013


Herbstzeit ist die Zeit der großen Buchpreise, und eines ist ihnen in der Regel gleich: Longlist, Shortlist und der letztendliche Gewinner sind selten unumstritten. Ob es nun darum geht, dass zu wenig Frauen auf der Longlist stehen, die ausgewählten Romane für Otto Normalleser zu hochtrabend sind oder wieder einmal zu wenig kleine Verlage Berücksichtigung gefunden haben – irgendein Kritikpunkt findet sich immer, und schon geht es in den Feuilletons dieser Welt drunter und drüber. Eigentlich ein gefundenes Fressen für eine satirische Betrachtung des ganzen Spektakels, dachte sich Edward St. Aubyn.

Worum geht’s? Der Elysia Preis ist der wichtigste Literaturpreis des Commonwealth. Die Zusammensetzung der Jury ist gleichermaßen von persönlichen Beziehungen wie auch strategischen Gedanken geprägt, der Literatursachverstand der einzelnen Mitglieder ist eher zweitrangig bis unwichtig. Der Weg hin zur letztendlichen Preisverleihung wird im Roman aus vielen unterschiedlichen Perspektiven geschildert: auf der einen Seite haben wir die teils überforderten, teils gelangweilten Jurymitglieder, auf der anderen Seite die nominierten Autoren – oder solche, die es doch nicht auf die Liste geschafft haben. Herausheben will ich an dieser Stelle nur Katherine Burns, deren vielversprechender Roman es nicht auf die Longlist geschafft hat, da eine Verlagsmitarbeiterin fälschlicherweise das Kochbuch einer indischen Hausfrau an die Jury weitergeleitet hat – für das wiederum die Longlist noch nicht Endstation ist.

St. Aubyns Roman „Der beste Roman des Jahres“ (im englischen Original übrigens „Lost for Words“, eine wie ich finde geniale Titelformulierung) ist eine herrliche Satire – teilweise fast schon Farce – auf den Literaturbetrieb, seine Mechanismen und vor allem Eitelkeiten. Der Aufhänger, an dem all das sichtbar wird, ist in erster Linie das fälschlicherweise an die Jury abgeschickte "Palast-Kochbuch" auf der Longlist. Herrlich, wie die einzelnen Jurymitglieder ihre Ratlosigkeit zu überdecken versuchen und sich in irgendwelchen postmodernen Interpretationsversuchen verstricken, immer darum  bemüht, die intellektuelle Fassade aufrecht zu erhalten: "Du behauptest, du seist Expertin für Gegenwartsliteratur, und dann wirst du mit einem spielerischen, postmodernen, multimedialen Meisterwerk konfrontiert und leugnest ganz naiv, dass es sich dabei überhaupt um einen Roman handelt." (Seite 139) oder auch "Ganz offensichtlich [...] bewegen wir uns hier im Grenzbereich zwischen Text und Textilie, wo die Fabrik-kation eines feinen, aber das scheinbare Thema verhüllenden Schleiers ausschlaggebend ist, womit dem Vorrang der figurativen Sprache vor der inhaltlichen Bedeutung oder, allgemeiner ausgedrückt, dem Vorrang des Boten vor jeglicher Botschaft, die er transportieren könnte, das Wort geredet wird." (Seite 171).

Mit diesem Roman lassen sich einige heitere Lesestunden verbringen, ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Perfekt für alle, die spontan mit den Augen rollen, wenn es im Feuilleton mal wieder mehr um die Selbstbeweihräucherung des Rezensenten als um das eigentliche Thema geht und Literaturpreise so vergeben werden, dass man möglichst viele potenzielle Leser von vornherein ausgrenzt, weil Literatur in den Augen gewisser Kritiker nunmal eine möglichst exklusive Veranstaltung bleiben sollte.  

Vielen Dank an dieser Stelle an den Piper Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Bewertung: 4/5
   

Dienstag, 4. November 2014

Heike Wanner: O du fröhliche Weibernacht

Der erste Satz: Die Geschäftsleitung möchte Sie hiermit ganz herzlich zu unserer DIESJÄHRIGEN WEIHNACHTSFEIER einladen.
Wann und wo? Hamburg und He
lgoland im Dezember 2013
Das Accessoire zum Buch: Heißgetränke in rauen Mengen


Ich gebe es zu: ich l-i-e-b-e Weihnachtsromane. Und während ich von Januar bis Oktober Romane, die allzu schnulzig und liebeslastig sind, eher weiträumig umgehe, kann es in den zwei Monaten danach gar nicht schnulzig genug werden. Von Singledasein und Liebeskummer geplagte Menschen, die inmitten von Schnee und Sturm ihr persönliches Weihnachtswunder erleben? Immer her damit! Auch dieses Jahr habe ich mir wieder einen schönen Stapel Weihnachtslektüre angehäuft, und auch mein e-Reader ist gut bestückt und wird mir die Zeit bis Heilig Abend (und vermutlich auch noch ein wenig darüber hinaus) versüßen.

Den Anfang im weihnachtlichen Lesereigen macht dieses Jahr Heike Wanner mit „O du fröhliche Weibernacht“, erschienen bei Ullstein – vielen Dank an dieser Stelle für mein Rezensionsexemplar! Heike Wanner kannte ich bereits von ihrem Roman „Weibersommer“, den ich Anfang des Jahres gelesen habe: ein richtiger Wohlfühlroman, der mir gut gefallen hat. Und auch mit diesem Weihnachtsroman hat mir die Autorin wieder einige schöne und gemütliche Lesestunden bereitet.

Worum geht es? Beim Hamburger Unternehmen „Sonne und Seife“ steht die Weihnachtsfeier vor der Tür – dieses Jahr wird jedoch nicht einfach nur schick essen gegangen, sondern direkt ein dreitägiger Ausflug nach Helgoland unternommen, Teambildungsmaßnahmen und lustige Spielchen inklusive. Das Prinzip, nach welchem bei „Vergnügungsfahrten“ dieser Art die Zimmerverteilung geregelt wird, kennt man ja: das Los entscheidet, und man erwischt prinzipiell immer die Zimmergenossen, die man eigentlich so gar nicht im Bett nebenan haben möchte. So geht es auch unserer kleinen Schicksalsgemeinschaft, die wir in diesem Roman begleiten (die anderen Angestellten werden mit Ausnahme des Chefs in der Handlung tatsächlich völlig ausgeblendet): die etwas verstockte Chefsekretärin Ulrike, die ehrgeizige Jana, die zurückhaltende Miriam und die resolute Cordula bilden „Team Zimtstern“ und teilen sich damit nicht nur das Zimmer, sondern müssen auch die gestellten Aufgaben gemeinsam bewältigen. Durch gewisse Umstände – die ich hier nicht verraten will, da ich spoilern müsste – müssen die vier ihren Aufenthalt auf der Insel unfreiwillig verlängern, da ein Schneesturm die Fähr- und Flugverbindungen ans Festland kappt.

Wer wie ich Weihnachtsromane mag oder einfach auf der Suche ist nach leichter Lektüre für gemütliche Winterabende, der ist bei diesem Buch bestens aufgehoben. Die vier Mädels, die im Mittelpunkt der Handlung stehen, sind ebenso unterschiedlich wie liebenswert (wenn auch nicht jede von Anfang an), und es macht einfach Spaß zu entdecken, welche Geschichten sie mit sich herumtragen und warum sie so sind, wie sie sind. Jede der Damen ist für die Handlung wichtig, hat ihren eigenen Erzählstrang und macht im Laufe des Romans eine gewisse Entwicklung durch – natürlich auf Ebene eines Unterhaltungsromans. Komplexe Charakterpsychologie sollte man eher nicht erwarten, aber das ist ja auch nicht das Ziel des Romans.

Ein toller Startschuss für meine diesjährige Weihnachtslesezeit und daher eine klare Leseempfehlung!


Bewertung: 4/5 

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Jörn Birkholz: Schachbretttage

Der erste Satz? Mein Roman wurde veröffentlicht.
Wann und wo? Quer durch die Republik, jetzt irgendwann

Romane über Bücher, Buchhandlungen und den Literaturbetrieb an sich stehen seit dem Sommer ja ganz hoch im Kurs. Bivald, Hartlieb, St. Aubyn & Co. liegen stapelweise in den Buchhandlungen, und jeder Buchverrückte wird zumindest mal die ersten Seiten querlesen. Manchmal sind die Bücher einfach nur wunderbar, manchmal ist man leider etwas enttäuscht – und manchmal lässt einen die Lektüre ein wenig ratlos zurück. So ging es mir leider mit „Schachbretttage“ von Jörn Birkholt, erschienen im Folio Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Vielen Dank dafür!    

Worum geht es? Benedikt Buchholz, eigentlich Harz-4-Empfänger, hat ein Buch geschrieben – damit ist er aber leider nicht der Einzige. Bei jährlich knapp 100.000 Bucherscheinungen muss man entweder einen großen Namen haben, einen Verlag mit ordentlichem Marketingbudget – oder eben selbst aktiv werden. Das tut Buchholz dann auch. Er klemmt sich hinter den Hörer und klappert telefonisch die Bibliotheken und Buchhandlungen der Nation ab, um auf seinen Roman aufmerksam zu machen und Lesungen veranstalten zu dürfen. Als schließlich ein paar Termine beisammen sind, schnappt er sich seinen persönlichen Vorleser Viktor (ja, Buchholz mag nicht selbst lesen) und los geht’s. Die Lesetour führt die beiden durch Kleinstadtbibliotheken in der deutschen Provinz bis in ein Nobelhotel auf Rügen – wo dann plötzlich für die letzten knapp 30 Seiten die Handlung bricht und die Erzählperspektive wechselt.

Ich habe es ja schon eingangs vorweg genommen: so richtig warm wurde ich mit diesem Roman leider nicht. Die ersten Seiten, auf denen die Telefonate mit Buchhändlern und Bibliothekaren im Protokollstil wiedergegeben werden, lesen sich noch recht zügig und amüsant. Aber kaum geht die eigentliche Lesereise dann mal los, wird der Roman relativ rasch etwas zäh, da sich der Humor des Autors für meinen Geschmack leider recht schnell erschöpft und etwas zu bemüht wirkt. Mir ist klar, dass der Roman natürlich satirisch verstanden werden will, aber meiner Meinung nach rutscht er zu oft ins klischeehafte, beispielsweise wenn es um die deutsche Provinz und deren Kultureinrichtungen geht.

Laut Rückseitentext erzählt der Roman vom „Lebensgefühl der Thirtysomethings“ und dem „Zynismus junger Erwachsener“ – nun ja, ich bin froh, dass die Thirtysomethings und jungen Erwachsenen, die mich umgeben, anders ticken als Buchholz und Viktor… Der Zugang zu den beiden und ihrer Weltsicht ist mir jedenfalls nicht gelungen, für mich blieben sie unsympathisch und schnöselig.

Was den plötzlichen Umschwung in der Handlung angeht: ich gebe offen zu, dass ich nicht schlau daraus werde, wozu und weshalb plötzlich ein alter Mann vom Hotelbalkon in den Tod stürzen muss (keine Sorge, ich verrate hier nichts, was euch nicht spätestens der Umschlag des Buches verraten würde). Der neue Erzählstrang kommt aus dem Nichts, wird nicht weiter auf- und ausgebaut und endet dann auch wieder im Nichts.  

Wenn man die Rezensionen bei Amazon oder Lovelybooks anschaut, scheint der Roman durchaus seine begeisterten Leser zu finden – insofern: schaut rein, macht euch ein eigenes Bild und schreibt mir gerne hier ins Kommentarfeld, wenn ihr komplett anderer Meinung seid als ich :-)

Bewertung: 2/5

  

Montag, 27. Oktober 2014

Lauren Graham: Someday, Someday, Maybe

Der erste Satz? „Beginn whenever you’re ready“, comes the voice from the back of the house.
Wann und wo? 1995, New York City



Lauren Graham ist den meisten wohl besser bekannt als Lorelai Gilmore aus der US-Kultserie „Gilmore Girls“. Ich selbst habe mir keine Folge der sieben Staffeln  entgehen lassen und war entsprechend begeistert (wenngleich auch überrascht), als plötzlich ein Roman von Graham in den Buchhandlungen lag. Bisher gibt es ihn nur im englischen Original zu lesen, Ende Januar erscheint jedoch die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Lieber jetzt als irgendwann“ beim Fischer Verlag.

Worum geht es? Wir schreiben das Jahr 1995, befinden uns in New York City und treffen dort auf Franny Banks, die mit einer Deadline im Nacken lebt. Vor zweieinhalb Jahren war sie in die Stadt gezogen, um ihre Schauspielkarriere voran zu treiben, und hat sich damals geschworen: wenn ich es innerhalb von drei Jahren nicht an den Broadway geschafft habe, hänge ich die Schauspielerei an den Nagel, werde Lehrerin, heirate meine Jugendliebe und ziehe wieder zurück in die Provinz. Leider ist ihre Bilanz bei Anbruch der letzten sechs Monate dieser Frist eher mäßig erfolgreich: alles, was Franny bisher ergattern konnte, sind ein paar Auftritte in schlechten Werbespots und eine Stelle als Kellnerin in einem heruntergekommenen Comedy-Club. All ihre Hoffnungen ruhen nun auf der kommenden Talentshow ihrer Schauspielklasse, bei der auch Agenten im Publikum sein werden.

Ganz getreu dem altbekannten Leitsatz „write what you know“ hat sich Lauren Graham für ihren ersten Roman also ein Thema ausgewählt, das ihr nur allzu gut vertraut ist. Sie selbst schauspielert seit der Grundschulzeit, hat Schauspiel studiert und ist anschließend (Anfang der 90er…) nach New York gezogen, war seither in Serien, Filmen und am Broadway aktiv. Man kann sich gut vorstellen, was sie in diesen Jahren so alles erlebt hat an kuriosen Jobs, bizarren Situationen beim Vorsprechen für eine Rolle, Enttäuschung, wenn es doch wieder eine Absage wurde, und dem Druck, der vor allem auf den Frauen im Business lastet, grundsätzlich dünn, bestens gelaunt und makellos zu sein. Diese Erfahrungen hat sie nun in ihren Roman einfließen lassen, und gerade darin liegt wohl auch sein Reiz: man bekommt als Leserin den perfekten Blick durchs Schlüsselloch von einer, die es wirklich wissen muss. Noch dazu schimmern immer mal wieder die „Gilmore Girls“ durch die Zeilen, denn die Dialoge im Buch sind genauso witzig und auf den Punkt, wie wir es aus der Serie kennen und lieben. Man merkt ihrem ersten Roman deutlich an, dass Graham in ihrem Schauspielerleben mit so manchen genialen Drehbuchautoren zu tun hatte und sich einiges von ihnen abschauen konnte.

Mir hat es viel Spaß gemacht, Franny durch den Roman zu begleiten und ich bin schon gespannt, wann es wieder etwas von Lauren Graham zu lesen gibt (ja, sie arbeitet bereits an einem neuen Roman). Klare Leseempfehlung für alle Fans der „Gilmore Girls“ sowie alle, die nach einem Roman suchen, der sich bei miesem Herbstwetter gemütlich weglesen lässt und die Laune hebt.     

Bewertung: 4/5


Mittwoch, 22. Oktober 2014

Florian Illies: 1913

Der erste Satz? Es ist die erste Sekunde des Jahres 1913.

Wann und wo? Januar bis Dezember 1913 – all over Europe.
Das Accessoire zum Buch: 
Irgendetwas Internettüchtiges, denn zwischendrin ist definitiv googeln angesagt. In der Rezension wird klar, warum.
Das Accessoire zum Buch: Irgendetwas Internettüchtiges, denn zwischendrin ist definitiv googeln angesagt. In der Rezension wird klar, warum.

Über dieses Buch wurden ja bereits zahlreiche Lobeshymnen ausgeschüttet – und jetzt komme auch noch ich hinterher, Eeewigkeiten nachdem das Hardcover erschienen ist und auch die Taschenbuchausgabe schon über zwei Monate in den Buchhandlungen liegt. Ich tu‘ es trotzdem, denn es muss einfach sein. Ich habe lange kein Buch gelesen, das mich so bedingungslos begeistert hat, und weil ich ihm so viele Leser wie möglich wünsche, will ich es an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung rufen für alle, die bisher nicht die Gelegenheit hatten, es zu lesen oder es irgendwo in den Untiefen ihres SuBs herumliegen haben.

Worum geht es? Ganz platt gesagt: um das Jahr 1913. Etwas differenzierter gesagt: es geht um Freud, Proust, Kafka, Lasker-Schüler, Stalin, Benn, das Ehepaar Schnitzler, Kokoschka, die Manns, Hitler, Rilke… die Liste ließe sich noch ewig erweitern, denn wir treffen gefühlt wirklich jeden, der zu dieser Zeit Rang und Namen hatte oder zumindest schon in den Startlöchern dafür stand. Aber vielmehr als das WER steht hier eigentlich das WIE im Vordergrund. Florian Illies hat kein Sachbuch geschrieben, er hat auch keinen Roman geschrieben. Es sind vielmehr unzählige kleine Episoden – manche nur eine Zeile kurz – die er mühevoll anhand von Tagebüchern und Aufzeichnungen recherchiert hat und hier nun chronologisch aufbereitet und zu einem bunten Mosaik aus Fakten und manchmal auch kleineren Mutmaßungen und Gedankenspielen verschmelzt („Vielleicht haben sich die beiden [Hitler und Stalin], von denen ihre Bekannten aus dieser Zeit erzählten, dass sie gerne im Park von Schönbrunn spazieren gingen, einmal höflich gegrüßt und den Hut gelüpft, als sie ihre Bahnen zogen durch den unendlichen Park.“).

Manches weiß man also sicher, bei anderem ist man ein bisschen im Ungewissen, aber eigentlich treten Kategorien wie „wahr“ oder „ausgedacht“ beim Lesen auch sehr schnell völlig in den Hintergrund. Man wird einfach nur mitgerissen von dem, was da so alles passierte in diesem „Sommer des Jahrhunderts“, wie es Illies nennt. Die Süddeutsche Zeitung beschrieb das Buch als „gewaltigen Teaser“, und das trifft meiner Meinung nach voll ins Schwarze. Man will permanent mehr wissen, tiefer in die Hintergründe einsteigen, will die Gesichter zu den einzelnen Episoden sehen, mehr über die genannten Künstler erfahren, wissen, wie es für einige von ihnen nach 1913 weiterging... Was Illies hier macht, ist wirklich ganz großes Kino und verdient daher auch eine ganz große Leseempfehlung!


Bewertung: 5/5 

Montag, 20. Oktober 2014

Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung

Der erste Satz? Wir haben eine Buchhandlung gekauft.
Wann und wo? 
Wien zwischen 2004 und heute
Das Accessoire zum Buch: 
Ein freier Nachmittag - ihr werdet das Buch in einem Rutsch lesen wollen

„Ihr seid ja verrückt, wer kauft denn heutzutage noch eine Buchhandlung?“ – so oder so ähnlich ließen sich oftmals die Blicke  interpretieren, die Petra und Oliver Hartlieb zugeworfen bekamen, wenn sie von ihrer neuesten „Errungenschaft“ berichteten. Alles nahm seinen Anfang im Sommer 2004. Daheim in Hamburg herrschte Regenwetter, also ging es für zwei Wochen zu Freunden nach Wien. Zwischen Sonnenbaden und Heurigem dann irgendwann der Hinweis eines befreundeten Verlagsvertreters: in Wien hat gerade eine Buchhandlung geschlossen und steht zum Verkauf. Gute Lage, Stammkundschaft, große Wohnung direkt über dem Laden. Für zwei echte Bücherfreaks wie die Hartliebs ein allzu verlockendes Angebot. Nach einigem Rechnen und Überlegen folgte daher ein paar Wochen später das offizielle Gebot mit Enddatum 30. September, denn: „Wenn man eine Buchhandlung eröffnet, braucht man erst mal ein Weihnachtsgeschäft, um viel Geld zu verdienen. Wir sind zwar naiv, aber nicht dumm.“

Wie es die beiden geschafft haben, Anfang November (ja, wir reden immer noch über das Jahr 2004!) tatsächlich eine Buchhandlung zu eröffnen, wie sie das kommende und viele weiteren Weihnachtsgeschäfte gemeistert (man muss beinahe sagen „überlebt“) haben, und wie sich allmählich eine Stammkundschaft zusammenfand, die für viele lustige, kuriose und auch berührende Momente in der Währinger Straße sorgt, schildert Petra Hartlieb auf sympathische und überaus humorvolle Art und Weise. Sie plaudert über die gelungene Auswahl von Mitarbeitern („Ich wohn hier ums Eck und ich lese so gerne und wollte schon immer in einer Buchhandlung arb…“ „Wann kannst du anfangen?“ „Montag?“ „Okay, Montag um neun“), Buchbestellungen ohne automatische Datenübertragung und ausgereiftes Bestellsystem („Und wie durch ein Wunder kommen am nächsten Tag die Bücher“) oder auch ihre Nebenbeschäftigung als Krimiautorin (gemeinsam mit Claus-Ulrich Bielefeld veröffentlicht sie bei Diogenes die Krimis um das Ermittlerduo Bernhardt und Habel).   

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass aus dem Spontankauf im Jahr 2004 inzwischen eine echte Erfolgsgeschichte wurde, inklusive zweitem Laden, liebevoll gestalteter Homepage und einer geradezu genialen Kundenzeitung (man muss übrigens nicht in Wien leben, um in ihren Genuss zu kommen – geht auch online über www.hartliebs.at). Einmal eingetaucht wird man sofort in die Welt von „Hartliebs Bücher“ gezogen und legt das Buch garantiert erst wieder nach der letzten gelesenen Seite – die viel zu früh kommt – aus der Hand. Ich hatte es an einem Nachmittag durch (leider!) und war danach nicht nur um ein sehr schönes Leseerlebnis, sondern auch um eine geplante Städtereise reicher. Im Frühjahr muss es unbedingt mal wieder Wien sein, und wo ich mich dort mit neuer Lektüre eindecke, ist ja wohl klar :-) 

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für alle, die Bücher und Buchläden mögen.


Bewertung: 5/5

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Die Montagsfrage diese Woche mal am Mittwoch


Diese Woche geht es bei libromanie um E-Reader: habt ihr einen, und wenn ja - welchen?
Ja, ich habe seit gut zwei Jahren einen Kindle Touch. Angeschafft habe ich ihn mir damals aus rein pragmatischen Gründen: ich war acht Wochen beruflich in New York und stand vor der Wahl, entweder Klamotten oder eben Bücher in meinen Koffer zu packen :-)
Der Kindle wurde es deshalb, weil die anderen Lesegeräte damals einfach noch nicht auf einem vergleichbaren Niveau waren und weil ich außerdem sehr viele englische Bücher lese und Amazon in der Hinsicht das größte Angebot hat.

Nutze ich meinen Kindle regelmäßig? Nicht wirklich. Auf Reisen ist er nach wie vor sehr praktisch, aber ansonsten staubt er auch oft wochenlang zu Hause vor sich hin. Für mich geht nach wie vor nichts über das gedruckte Buch, das ich anfassen und riechen, in dem ich herumblättern und besonders tolle Stellen markieren kann.
Wie ist das bei euch?  

Montag, 13. Oktober 2014

Donna Leon: By its Cover



Der erste Satz? It had been a tedious Monday, much of it spent with the written witness statements about a fight between two taxi drivers that had sent one of them to the hospital with concussion and a broken right arm. 

Wann und wo? Irgendwann kürzlich in Venedig
Das Accessoire zum Buch: Ein Gläschen vino biancho und etwas Essbares sollte zumindest greifbar sein - Brunetti isst gerne und viel, da kommt beim Lesen schon mal ein Hungergefühl auf ;-)


Brunettis neuester Fall klang direkt vielversprechend: gestohlene Bücher bzw. Buchseiten, eine altehrwürdige venezianische Bibliothek… Die ersten Seiten flogen nur so dahin, ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Dass wir einige Kapitel warten müssen, bis „endlich“ gemordet wird und stattdessen in der Zwischenzeit viel Lokalkolorit und Gespräche über dieses und jenes zu lesen bekommen, hat mich nicht gestört – im Gegenteil, gerade diese scheinbaren Nebensächlichkeiten sind es, die ich bei einem Krimi von Donna Leon erwarte und auf die ich mich auch jedes Mal freue, packt sie doch gerade in (und zwischen!) diese Zeilen immer wieder tolle Geschichten und Feinheiten, Sozialkritik und kulturelle Seitenhiebe. Zugegeben: das muss man mögen, manch ein Leser wird sich vielleicht eher gelangweilt fühlen. 

Mich jedenfalls hat sie auf dieser Ebene dieses Mal wieder komplett zufrieden gestellt – mehr als mit dem eigentlichen Kriminalfall. Da konnte sie meiner Meinung nach den Spannungsbogen nicht so ganz aufrechterhalten. Mir wurden zu viele Fäden ausgelegt und nachher nicht ausreichend wieder aufgenommen. Einiges verlief einfach im Sande, manche Charaktere wurden eingeführt und waren plötzlich verschollen oder nicht mehr wichtig. Hätte Leon diese Charaktere genutzt, um den Leser geschickt auf eine falsche Fährte zu locken, hätten sie meiner Meinung nach mehr Sinn gehabt – so wirkten sie einfach nur wie ein Füllsel. Und auch die Auflösung des Falls kam dann recht abrupt, das Ende wirkte fast ein wenig abgehackt. 

So bin ich also ein wenig zwiespältig: einerseits fühlte ich mich gut unterhalten, die Story war schön und flüssig zu lesen, aber was den reinen Krimiplot angeht, war ich nicht wirklich „gefordert“, und der Aha-Effekt am Ende blieb dieses Mal auch aus. Für mich macht das unterm Strich 3.5 von 5 möglichen Punkten.



Bewertung: 3.5/5

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Mary Scherpe: An jedem einzelnen Tag

Als ich am Wochenende aus dem Urlaub kam, lag es ganz unverhofft auf dem Tisch: das erste Buch, das mir von einem Verlag als Rezensionsexemplar zugeschickt wurde :- ) Vielen Dank, liebe Rebecca von BasteiLübbe.

Und obwohl ich zu diesem Zeitpunkt seit über 24 Stunden wach und Jetlag-geplagt war und daher eigentlich „nur mal kurz“ einen Blick ins Buch werfen wollte, waren ruckzuck die ersten 50 Seiten weg gelesen. Das Buch ist kein Roman, kein Krimi oder Thriller, sondern aus dem echten Leben der Autorin gegriffen – und daher tausend Mal spannender, als es reine Fiktion je sein könnte.

Worum geht es? Mary Scherpe ist die Bloggerin hinter Stil in Berlin, außerdem auf Facebook, Instagram und Twitter aktiv  – wie so viele Blogger. Und natürlich lebt sie davon, dass ihre Kommentare und Bilder auf diesen Portalen gelikt, kommentiert und geteilt werden. Was seit Mitte Juni 2012 geschieht, geht jedoch weit über das hinaus. Zu diesem Zeitpunkt tauchen erste Konten bei Instagram, Foursquare, Twitter und Tumblr auf, die Namen tragen wie stillinberlin oder Marianne von Schelpe, und deren einziger Zweck es ist, die Posts von Mary Scherpe zu parodieren oder mit üblen Kommentaren zu versehen. Doch dabei bleibt es nicht lange. Es folgen belästigende SMS und Anrufe sowie zahlreiche Postsendungen – Webebroschüren, Produktmuster von Teppichen, Kunstrasen oder gar Ziegelsteinen, Babypakete und vieles mehr. Egal, ob sie in Berlin, Hawaii oder Wien ist: der Stalker weiß darüber Bescheid und findet Wege, sie zu belästigen.  

Mary Scherpe beschließt sich zu wehren, wendet sich direkt an die Betreiber der Social-Media-Seiten, an Anwälte und die Polizei. Geholfen wird ihr nirgends. Auch dann nicht, als sie bereits einen sehr konkreten Verdacht hat, wer hinter den Angriffen stecken könnte. Also beschließt sie, in die Offensive zu gehen, und ihren Stalker mittels eines eigenen „Stalking-Blogs“ ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Sie dokumentiert sämtliche Emails, SMS und Postsendungen, fotografiert alles akribisch ab, und stellt es schließlich online. Dadurch werden die ersten Medien auf sie aufmerksam, sie gibt unter anderem der Süddeutschen Zeitung ein Interview. Und natürlich merkt auch der Stalker, dass seine Aktionen nun für jedermann sichtbar sind.

Mehr will ich an dieser Stelle eigentlich auch gar nicht verraten und stattdessen eine dringende Leseempfehlung aussprechen. Mary Scherpe hat hier ein sehr mutiges und wichtiges Buch geschrieben, ein gleichermaßen eindrückliches wie beklemmendes, das einen stellenweise einfach nur fassungslos den Kopf schütteln lässt angesichts der Tatsache, dass es für Stalkingopfer in Deutschland quasi einem Glücksfall gleichkommt, wenn ihnen an irgendeiner Stelle kompetent geholfen wird. Das verdeutlichen zum einen die Geschichten, die Mary Scherpe von sich und anderen Betroffenen erzählt, zum anderen aber auch die nackten Zahlen: nur knapp 500 der jährlich etwa 25 000 Anzeigen führen zur gerichtlichen Verhandlung. Aus diesem Grund hat Mary Scherpe auch eine Petition an das Justizministerium aufgesetzt, die auf die Änderung des „Stalking-Paragraphen“ (§ 238 des Strafgesetzbuchs) abzielt. Ihr findet sie unter www.change.org/stalkingparagraf


Vielen Dank an Bastei Lübbe für das Rezensionexemplar – und danke an Mary Scherpe für dieses offene und intime Buch.


Bewertung: 5/5